Abrüstungsverträge – Schnee von gestern?

In wenigen Wochen (am 2.8.19) läuft der INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty von 1987) sang und klanglos aus. Er hat die Stationierung von Kernwaffen mit mittlerer Reichweite zwischen 500 bis 5500 km erfolgreich verhindert. Kann sich überhaupt noch einer an die harten Auseinandersetzungen um den „NATO-Doppelbeschluss“ erinnern? Eine Million Demonstranten für Abrüstung in Bonn und heute? Es wird Freitags ein bischen gehüpft gegen CO2. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini schwafelt ein bischen gelangweilt daher: „Die nächsten Tage bieten die letzte Chance zum Dialog und dafür, die notwendigen Maßnahmen zum Erhalt dieses wichtigen Pfeilers der europäischen Sicherheitsarchitektur zu ergreifen“. Genau, es ist die gleiche Dame, die das unselige Abkommen mit dem Iran maßgeblich verbockt und die Reaktion der USA offensichtlich völlig falsch eingeschätzt hat. Die Dame scheint – wie die meisten deutschen Politiker auch – keinen Globus zu besitzen, sonst würde sie erkennen, daß Europa unmittelbar davon bedroht wird. Wir Deutschen fürchten uns ja sowieso nur vor diesem Donald Trump; Putin und die Mullahs sind dagegen reine Friedensengel, die doch nur mit uns Geschäfte machen wollen um unseren Wohlstand zu mehren – jedenfalls teilt uns dies all abendlich der Staatsrundfunk mit. Von der Aktuellen-Kamera lernen, heißt siegen lernen….

Gleichzeitig stehen die START und ABM-Verträge (Strategic Arms Reduction Treaty von 1982, 1993, 2011 und Anti-Ballistic Missile Treaty von 1972) zur Disposition. Wird dieses Bündel aufgeschnürt, steht damit die Doktrin von der „Abschreckung durch gesicherte gegenseitige Vernichtung“ ganz grundsätzlich in Frage. Der „Atomkrieg“ wird wieder als führbar erklärt. Eine weitere Illusion der westlichen Welt wird damit brutal hinweg gefegt. Aber damit nicht genug, wenn der New START im Februar 2021 ausläuft, geht es nicht nur um ein paar Interkontinentalraketen. Ganz unmittelbar sind mit ihm die NTM-Verträge (National Technical Means of verification) seit 50 Jahren verknüpft. Ganz einfach gesprochen, geht es darum, keine Satelliten zu stören (jaming), zu täuschen (spoofing) und nicht zu zerstören. Auch hier zündelt Putin ganz gewaltig: Störung der GPS-Signale in Norwegen 2019, Fälschung der Signale im Schwarzen Meer (vorgetäuschte Abweichungen von über 40 km) und vor Wochen Verfälschung der GPS-Signale bei Start und Landung an Flughäfen in Israel. Hier wird eine Büchse der Pandora geöffnet, die in unserem heutigen Kommunikationszeitalter noch viel zerstörerischer sein könnte.

Wohin die Reise geht, erkennt man daran, daß nun auch noch das Teststoppabkommen CTBT (Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty) unterlaufen wird. Es wurde 1996 von Bill Clinton unterzeichnet, aber nie vom US-Senat ratifiziert. Es war wegen seiner Schwächen ebenso umstritten, wie das Iran-Abkommen (JCPOA Joint Comprehensive Plan of Action). Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen und welche Interessen stehen dahinter?

Die veränderte Welt

Während des „Kalten Krieges“ war die Welt übersichtlich und einfach strukturiert: Es gab die zwei Blöcke USA und Sowjetunion. Beide Parteien konnten sich an einen Tisch setzen und ein unterschriftsreifes Abkommen aushandeln. Noch besser: Es war entsprechend detailliert, sodaß es anschließend auch ratifiziert werden konnte. Dieser Vertrag war dann das Maß aller Dinge. Jeder Block achtete darüberhinaus darauf, daß „Atommächte“ in seinem Einflussbereich nicht aus der Reihe tanzten.

Dies ist heute völlig anders. Es gibt nicht nur die Staaten, die bereits über Kernwaffen verfügen, sondern unzählige, die danach streben. Aktuell herausragende Problemfälle sind Iran und Nordkorea. Schon diese beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Bei Nordkorea kann man davon ausgehen, daß die Kernwaffen nur der „Verteidigung“ dienen sollen. Die Herrschenden in Nordkorea wollen nicht ernsthaft einen „Atomkrieg“ führen – wohl wissend um die Konsequenzen für das eigene Überleben. Es handelt sich hier eher um „politische Waffen“. Verhandlungen und Abkommen zwischen den betroffenen Staaten erscheinen damit durchaus möglich. Völlig anders verhält es sich mit dem Mullah-Regime des Iran: Dieses Regime ist nicht nur offen imperialistisch und überzieht all seine Nachbarn mit Krieg um die Vorherrschaft über „seinen persischen Golf“ zu erlangen, sondern schlimmer noch, ist von einem mittelalterlichen religiösen Sendungsbewusstsein getrieben. Es gibt bereits heute den Verwendungszweck seiner angestrebten Kernwaffen an: Die Auslöschung des Staates Israel und damit die „Endlösung der Judenfrage“. Selbst eine Abschreckung erscheint völlig sinnlos, wird doch jedes Selbstmordattentat nach deren Glauben mit 72 Jungfrauen im Paradies belohnt. Vor diesem Hintergrund ist es schon bemerkenswert, wie Europa – mit Deutschland wieder einmal vorne-weg-gehend – den US-Sanktionen in den Rückken fällt. Gelingt es nicht, die Mullahs durch Sanktionen in die Knie zu zwingen, ist ein Präventivschlag Israels unvermeidlich. Dann wird sich nur noch die Frage stellen, auf welcher Seite man mit in den Krieg ziehen muß.

Eskalation zur Deeskalation

Es gibt aber noch einen weiteren Problemfall. Putin kehrt wieder zu der Doktrin eines „führbaren Atomkrieges“ zurück. Diesmal verbrämt unter der schwachsinnigen Parole „Eskalation zur Deeskalation“. Er glaubt, wenn Rußland eine kleine Kernwaffe gegen Nato-Truppen einsetzt, wird die Nato einknicken und nicht mit einem großen atomaren Gegenschlag antworten. Putin ist – im Aktuelle-Kamera-Deutsch würde man sagen – ein unverbesserlicher Revanchist. Er kann den Zerfall seiner geliebten Sowjetunion nicht überwinden und meint immer noch, dies sei ein Werk des bösen Westens und einiger Schwächlinge, wie Gorbatschow und Jelzin geschuldet und nicht ein logischer Zusammenbruch des Sozialismus. Am Ende seiner gefühlt ewigen Herrschaft erkennt er, daß Rußland immer noch ein Schwellenland mit Kernwaffen ist (Nigeria With Nukes), in dem seine neureiche Clique sich lieber Luxusjachten und Fußballvereine im Westen kauft, als ihr (geraubtes) Geld in Rußland zu investieren. Spätestens nach dem Abenteuer in Syrien ist jedem russischen Militär klar, was eine offene militärische Auseinandersetzung mit der Nato für Folgen hätte. Eine Luftabwehr, die lediglich eine Gefährdung der eigenen Luftwaffe (Abschuß eines eigenen Spionageflugzeugs mit 15 Mann Besatzung) und Nachbarländer (Raketeneinschlag auf Zypern) darstellt, ein wie weiland die Kaiserliche Flotte qualmender Flugzeugträger, der nur in Begleitung von Schleppern auslaufen kann und Bomber, die nur mit eingelegtem Autopilot Krankenhäuser zerbomben können. Was in seinem zwanghaften Imponiergehabe übrig bleibt, sind Kernwaffen. Rußland unterläuft sämtliche Abrüstungsverträge und versenkt wieder Unsummen in eine „atomare Aufrüstung“. Zum Glück sind die Militärs in den USA (bisher) nicht auf das Spiel mit begrenzten Kernwaffenschlägen eingestiegen. Man ist dort nach wie vor der Meinung, daß man auf einen Angriff mit „kleinen“ Kernwaffen mit einem vernichtenden konventionellen Gegenschlag antworten könne. Für sie sind die Putinschen Bömbchen so etwas wie die Kamikaze-Flieger des untergehenden Japan. Gleichwohl wären die Hauptleidtragenden die europäische Bevölkerung.

INF-Abkommen

Um so weniger kann man verstehen, warum der Bruch des INF-Abkommens in Europa so klaglos hingenommen wird. Putin protzt unverhohlen mit neuen landgestützten Marschflugkörpern mittlerer Reichweite. Mit ihnen bedroht er von Königsberg aus (die Stationierung von SSC-8s in 2014 war ein eindeutiger Bruch der INF-Verträge) Berlin etc. mit einer nuklearen Auslöschung – nicht etwa New York oder Washington. Die Strategie ist heute wie damals die Gleiche: Erpressung von Europa ohne (gehofft) die Gefahr eines nuklearen Gegenschlages durch die USA. Im Gegensatz zu Helmut Schmidt läßt man heute die Atommacht GB beleidigt aus er EU austreten und die fünfte Kolonne fordert schon wieder lautstark den Abzug von Atombomben von deutschem Boden. Vor einer Teilhabe an Kernwaffen durch die Bundeswehr braucht Putin sich bald ohnehin nicht mehr zu fürchten, da Deutschland demnächst über keine Flugzeuge mehr verfügt, die ihm diese als Antwort entgegen tragen könnten. Deutschland ergibt sich schon, bevor überhaupt der erste Schuß gefallen ist. Aus Putin-Verstehern werden schon bald (zwangsweise) Putin-Willkommenheisser. Was Honnecker nicht vermochte, wird Angela in aller Stille verwirklichen – ein vereinigtes sozialistisches Deutschland von Moskaus Gnaden.

Das Teststoppabkommen

Nun ist das alles aber nicht so ganz einfach. Im Zeitalter der „gegenseitig gesicherten Vernichtung“ ging alles um Megatonnen. Man mußte auf jeden Fall die gegnerischen Städte mit einem Schlag pulverisieren, egal wie genau man traf. Will man einen „führbaren Atomkrieg“, müssen die Sprengkörper flexibel einstellbar sein um den Kollateralschaden möglichst klein zu halten. Das ist aber gar nicht so einfach und erfordert wesentlich mehr Wissen und Aufwand als bei einer Hiroshima- oder Nagasaki-Bombe. Wohl gemerkt, es geht nicht um eine Miniaturisierung, sondern um eine Programmierung der gewünschten Sprengwirkung. Damit sind wir bei der Bedeutung von Kernwaffentests.

Kernwaffen sind recht komplizierte Gebilde. Bis zum heutigen Tage versteht man die physikalischen Abläufe nicht bis ins letzte Detail. Man braucht also Tests ob die Konstruktion überhaupt funktioniert. Diese Tests sind aber jedes mal „echte Atombomben“ mit all ihren zerstörerischen Konsequenzen. Um dieser Zwickmühle zu entkommen, machte man sich schon frühzeitig Gedanken über die Begrenzung von Tests. Es begann eine jahrzehntelange Verhandlungskette: Verbot von Tests in der Atmosphäre, Begrenzung der maximalen Sprengkraft, bis hin zum Teststopp. Leider muß man feststellen, daß sich „Vernunft“ nicht grundsätzlich weiter entwickelt. 1988 war man so weit, daß man auf den Versuchsgeländen von Nevada und Semipalatinsk unter gegenseitiger Beobachtung und wechselseitiger Installation von Meßtechnik, Kernwaffentests durchführte. Diese gegenseitigen Tests dienten der Kalibrierung der Meßtechnik zur Überwachung der Einhaltung der Teststopps und damit zur Vertrauensbildung. 30 Jahre später ist es undenkbar, daß Putin auf seinem Testgelände amerikanische Spezialisten und Meßtechnik zulassen würde. So ist es halt, wenn man einem Geheimdienstoffizier in dritter Generation die politische Verantwortung überläßt….

Der Geist des CTBT

Schon bei der Verhandlung des CTBT (Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty) wurden grundsätzliche Fragen in den USA gestellt:

  • Kann der Bestand an Kernwaffen ohne Testexplosionen gewartet werden? Wie gesagt, man versteht eine Kernwaffenexplosion immer noch nicht bis ins letzte Detail. Es ist aber sicher, daß das Plutonium, der konventionelle Sprengstoff und die Elektronik des Zünders altern.
  • Wie gut können die USA Kernwaffentests erkennen, lokalisieren und identifizieren? Hierfür sind weltweite Messnetze (seismisch, per Satelliten, per Flugzeug etc.), genaue Kenntnisse der Erdschichten, der meteorologischen Verhältnisse etc. und über mögliche Verschleierungstechniken nötig.
  • Was können die USA tun, um den Bestand möglichst nachhaltig zu erhalten (z. B. Wiederverwendung der Spaltstoffe etc.) und welcher technische und politische Aufwand muß betrieben werden um ein internationales Kontrollsystem zu betreiben?
  • Welche Neuentwicklungen von Bauteilen sind unter dem CTBT möglich oder was geschieht, wenn man auf den Zustand vor dem Abkommen zurückkehren muß?

Besonders der letzte Punkt ist höchst aktuell, da man davon ausgehen muß, daß Rußland dieses Abkommen ebenfalls bereits gebrochen oder zumindest überdehnt hat. Wer einen Atomkrieg führen will, braucht andere Kernwaffen, als jemand, der eine gesicherte Vernichtung in einem Zweitschlag garantieren will.

Die Entwicklung von Kernwaffen vollzieht sich heute durch Simulationen auf Super-Computern. Noch immer werden hier die leistungsfähigsten Rechner verwendet. Üblicherweise gibt es erst eine kommerzielle Freigabe, wenn bereits die nächste Generation in Betrieb geht. Nur China kann derzeit bei diesem Rennen überhaupt noch einigermaßen mithalten. Aber mit einer schnellen Maschine ist es noch nicht getan. Man braucht auch noch die (äußerst komplexen) Programme und da geht es nicht wie bei der „Klimafolgen-Abschätzung“ zu: Jede neue Programmversion muß die alten Kernwaffentests nachbilden können. Trotzdem bleibt für jede neue Konstruktion eine Unsicherheit. Dies gilt schon mal für die Plutoniumlegierungen selbst.

Hydronuclear

Man darf zwar keine kompletten Kernwaffen testen, es ist aber durchaus erlaubt, Teile zu testen. Für Tests zur Zündung verwendet man beispielsweise so geringe Mengen Spaltstoff, daß garantiert keine Kettenreaktion (unterkritische Anordnung) ausgelöst werden kann. Die Aggregatzustände (fest, flüssig, gasförmig) hängen von Druck und Temperatur ab. Wenn die Schockwelle des Zünders auf die Probe trifft und sich durch die Probe ausbreitet, ändert sich beständig die Dichte. Wichtige Größen für die Zustandsgleichungen (equation-of-state) zur Simulation. Das alles erfordert eine aufwendige Meßtechnik und ist überdies sehr schmutzig, da Plutonium von der Probe abplatzt und zerstäubt wird. So hat man von dem ehemaligen Testgelände der Sowjetunion (heute Kasachstan) mehrere hundert Kilo waffengrädiges Plutonium aus solchen Tests bei einer Reinigungsaktion 1996–2012 wieder eingesammelt. Man führt deshalb solche Tests unterirdisch in Stollen aus.

Solche Tests sind zur Wartung eines Kernwaffenarsenals ständig nötig. Plutonium altert z. B. durch den radioaktiven Zerfall. Die entstehenden Helium Kerne (α-Strahler) erzeugen beispielsweise Spannungen im kristallinen Gitter der Legierung, die die mechanischen Eigenschaften verändern, wodurch sich der Verlauf der Zündung verändert…

One-Point Safe

Entstanden sind solche Hydronukleare Tests in der Zeit 1958–1961 durch die Frage einer möglichen Selbstentzündung. Kernwaffen sind so gebaut, daß sie nur gewollt gezündet werden können – selbst wenn der Sprengstoff des Zünders ungewollt explodiert. Man definiert eine Kernwaffe als „one-point safe“, wenn sie bei einer ungewollten Explosion mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Fall in einer Million eine (kerntechnische) Sprengkraft von bis zu vier Pfund TNT-Sprengstoff erzeugt. Dies geschah bei einem Zusammenstoß eines B52-Bombers mit seinem Tankflugzeug in der Nähe von Palomares in Spanien 1962. Bei mindestens einer Bombe explodierte der Sprengstoff des Zünders und zerfetzte die Bombe ohne eine Kernwaffenexplosion auszulösen.

Zero-Yield

Man kann sogar Tests mit kritischen Anordnungen durchführen, bei denen durch den Zünder tatsächlich eine Kettenreaktion ausgelöst wird. Diese Versuche sind so ausgelegt, daß dabei nur der Gegenwert von 4gr bis 20gr TNT aus der Kernspaltung stammen. Allerdings liegt genau in dieser Grauzone zwischen „keinem Kernwaffentest“ und „noch Zero-Yield“ die Problematik des Teststopp-Abkommens. Die USA verdächtigen Rußland bereits auch dieses Abkommen gebrochen zu haben.

Es gibt nämlich zahlreiche Tricks die Überwachung zu hintergehen. So ist man sich einig, daß erst Kernwaffentest mit einer Leistung ab 100 to TNT mit den heute üblichen Methoden und Kenntnissen der Testgelände nachgewiesen werden können. Die historische Maßeinheit TNT ist nur eine Krücke zur (groben) Veranschaulichung. Man rechnet einfach die aus der Kernspaltung frei gewordene Energie – je 1000 Kilokalorien pro kg – in Sprengstoff um. Damit ist nicht einmal (Strahlung etc.) die Explosionswirkung richtig erfaßt. Bei konventionellem Sprengstoff breiten sich die Explosionswellen nur kugelförmig aus. Bei einer Kernexplosion überlagern sich die vom Boden reflektierten Wellen: Die zerstörerische Wirkung ist erheblich größer.

Damit kommen wir wieder zum Schwachsinn der „Eskalation zur Deeskalation“ zurück. 100 bis 1000 Tonnen TNT sind schon eine ganze Menge für eine Terrorwaffe bei heutiger Zielgenauigkeit. Insofern liegt Putin nicht ganz falsch. Zumindest für Deutschland mit seiner sprichwörtlichen „Atomangst“ dürften ein paar solcher Bömbchen wohl zur sofortigen Kapitulation führen. Selbstverständlich würden deswegen weder die USA noch Frankreich oder GB Moskau in Schutt und Asche legen. Wir dürften noch sehr unsicheren Zeiten entgegengehen.

„Atommüll“ im Bohrloch

Für ein Tiefenlager als Endlager für hochaktiven Abfall gibt es zwei Möglichkeiten: Anlage eines kompletten Bergwerks oder Tief-Bohrungen. Bisher wurden Bergwerke (Finnland, Frankreich, Schweden, USA etc.) favorisiert. Im letzten Jahrzehnt hat aber die Bohrtechnik durch die Förderung von shale-oil und gas („fracking“) rasante Fortschritte gemacht. Man kann heute nicht nur einige tausend Meter senkrecht in die Tiefe bohren, sondern auch noch bis zu 5 km waagerecht. Dabei ist entscheidend, daß man die waagerechten Bohrungen bis auf etwa einen Meter zielgenau innerhalb einer Schicht ausführen kann. Damit ergeben sich völlig neue Aspekte für den Bau eines Endlagers.

Bergwerk oder Bohrfeld

Der klassische Weg ist die Anlage eines Bergwerkes. Bis man mit der Einlagerung beginnen kann, muß man tatsächlich ein komplettes Bergwerk mit allen zugehörigen Einbauten errichten. Entscheidender Faktor ist hierbei der Mensch: Bergleute müssen von der ersten Stunde bis zum endgültigen Verschluß – ein Zeitraum von rund 100 Jahren – in diesem Bergwerk arbeiten. Das erfordert einen enormen Aufwand für die Sicherheit und begrenzt die Tiefe: Es muß nicht nur eine mehrere Kilometer lange Rampe für den Transport der Abfallbehälter aufgefahren werden, sondern zusätzlich noch Schachtanlagen für die Belüftung und den Personentransport. Für all die aufwendige Technik müssen im Berg komplette Werkstätten, Sozialräume etc. eingerichtet und betrieben werden. Ein enormer Kostenfaktor. Abschließend müssen alle Einbauten und Installationen (Kabel, Rohrleitungen usw.) wieder zurückgebaut werden und alle Hohlräume sorgfältig verfüllt und abgedichtet werden. Bei einem konventionellen Bergwerk holt man nur die wertvollen Dinge raus und läßt das Bergwerk absaufen und langsam in sich zusammenfallen. Genau das geht bei einem Endlager nicht. Hier muß der ursprüngliche Zustand des Gebirges möglichst gleichwertig wieder hergestellt werden – ist doch das Gestein die entscheidende Barriere eines Endlagers. Durch all diese bergmännischen Tätigkeiten wird die ursprüngliche Einlagerungsstätte erheblich verletzt. Dabei sind nicht nur die Hohlräume wieder zu verschließen, sondern auch die durch den Abbau gestörten Randzonen entsprechend abzudichten.

Legt man ein Bohrfeld an, muß zu keinem Zeitpunkt irgendein Mensch unter Tage arbeiten. Alle Bau-, Einlagerungs- und Verfüllarbeiten werden ausschließlich von der Oberfläche aus ausgeführt. Die Arbeiten gehen abschnittsweise vor sich. Sobald eine Bohrung fertiggestellt ist, kann sie befüllt werden und (wunschgemäß sofort) wieder fachgerecht verschlossen werden. Für jede Bohrung sind nur einige Monate erforderlich und anschließend ist sofort der Endlagerzustand erreicht. Dies bedeutet eine enorme Flexibilität. Man muß nicht mehr ein zentrales Endlager betreiben, in dem alle radioaktiven Abfälle eingelagert werden, sondern kann mehrere spezielle Lagerstätten einrichten. Dies könnte auch eine bessere Akzeptanz bei der Bevölkerung bedeuten. Es gibt nicht mehr eine Region, die sich als „Atomklo“ der Nation verstehen muß, sondern viele Endlager sind möglich. Der Nutzen von einem Kernkraftwerk kann besser mit den (vermeintlichen) Nachteilen eines Endlagers ausgeglichen werden. Insbesondere durch horizontale Bohrungen werden ganz neue Gebiete für die Endlagerung gewonnen. Für ein Bergwerk braucht man eine möglichst dicke Schicht (z. B. Salzstock). Für horizontale Bohrungen reichen sehr dünne Schichten (Abweichungen von weniger als einem Meter bei der Bohrung) aus. Ein stark geschichteter Untergrund kann sogar von Vorteil sein, wie man von den Gaslagerstätten weiß. Einzelne Schichten im Untergrund sind oft so dicht, daß sie nicht einmal unter Druck stehendes Erdgas durchlassen. Ein gewaltiger Vorteil für ein Endlager.

Senkrecht oder horizontal?

Die Idee „Atommüll“ in tiefe Bohrungen zu versenken ist nicht neu. So hat man in den USA versuchsweise Bohrungen bis 5000 m Tiefe ausgeführt. In den unteren 1 bis 2 km sollten dann Kanister mit „Atommüll“ endgelagert werden. Hier galt das Prinzip: Je tiefer, je sicherer, denn Tiefe schützt vor durchgehenden Rissen und es verbleibt nur noch die (langsame) Diffusion zum Transport. Der „Atommüll“ sollte also mindestens drei Kilometer unter der Erdoberfläche gelagert sein. Bei dieser Bauart stehen die Kanister übereinander, was zu einer entsprechenden Belastung für den untersten Kanister führt. Gemildert kann dies werden, indem man mehrere Pfropfen in die Bohrung einbaut, auf denen jeweils ein separater Turm steht. Dies verkürzt aber die nutzbare Länge entsprechend und erhöht die Baukosten. Nachteilig ist auch bei einem Wassereintritt, daß die radioaktiven Stoffe – angetrieben durch den Auftrieb durch die Wärmeentwicklung – bevorzugt in der Bohrung und ihrer Störzone nach oben steigen wollen. Es ist also eine besonders sorgfältige Wiederverfüllung nötig, damit auch langfristig keine radioaktiven Stoffe in Grundwasser führende Schichten gelangen.

Bei einer horizontalen Lagerung ist der Auftrieb naturbedingt wesentlich kleiner, da die Wärmeentwicklung eher flächig auftritt. Technisch arbeitet man dem Auftrieb entgegen, indem man den horizontalen Teil leicht ansteigend ausführt. Flüssigkeiten und Gase haben dadurch die Tendenz sich entgegen der Hauptbohrung zu bewegen. Bei einer solchen Anlage spielt Wasser in der Einlagerungszone eine geringe Rolle. Anders als bei einem Bergwerk muß es gar nicht abgepumpt werden und es werden somit nicht die Strukturen gestört. Es muß lediglich gewährleistet sein, daß es oberhalb ausreichende Sperrschichten gibt, die einen Austausch mit oberflächennahen Grundwasserschichten verhindern. Wie lange dieses Wasser schon keinen Kontakt mehr mit der Oberfläche hatte, kann man leicht über eine Isotopenanalyse ermitteln. So stammen beispielsweise die Wässer in den Ölfeldern von Texas (permian) überwiegend aus dem gleichen Meer, in dem auch die öl- und gasbildenden Organismen gelebt haben – sie sind Millionen Jahre alt. Genau die Schichten, die auch das Öl und Gas gefangen gehalten haben, haben auch sie von der Oberfläche fern gehalten. Ein weiterer Vorteil dieser alten Wässer ist, daß sie längst mit Mineralien gesättigt sind und keinen Sauerstoff mehr enthalten – sie können deshalb nur sehr schlecht den „Atommüll“ auflösen bzw. die Behälter korrodieren.

Die Konstruktion eines horizontalen Lagers

Der Bau eines solchen Endlagers vollzieht sich in drei Schritten: Im ersten Schritt wird eine ganz konventionelle Bohrung bis in die gewünschte Tiefe (mindestens so tief wie die geplanten Bergwerke) niedergebracht. Ist sie fertig gebohrt, wird sie komplett mit einem Stahlrohr ausgekleidet, welches einzementiert wird. Der Spezialzement verbindet das Rohr fest mit dem umgebenden Gestein und festigt die durch das Bohrgerät beschädigte Randzone (jeweils ungefähr einen halben Bohrungsdurchmesser um das Loch). Ab diesem Moment hat man also eine stabile senkrechte Rohrleitung nach unten. Im zweiten Schritt wird der Bogen als Übergang von der Senkrechten in die Horizontale gebohrt. Dies geschieht mit einem Winkel von etwa 0,25° pro Meter (300 bis 600 Höhenmeter zwischen Senkrecht und Waagerecht). Wie stark die Krümmung sein darf, hängt wesentlich von der Länge der „Müllbehälter“ ab. Schließlich sollen diese Behälter später ohne Belastung – wie ein Sattelzug auf einer Straße – um die Ecke gefahren werden. Will man z. B. komplette Brennelemente (in Deutschland z. B. ist eine Wiederaufbereitung politisch ausgeschlossen) einlagern, hat ein solcher Kanister eine Länge von knapp 5 m und wiegt rund 500 kg. Ist auch dieser Teil fertig gebohrt, wird er ebenfalls durchgehend bis zur Erdoberfläche verrohrt. Im senkrechten Teil besteht die Konstruktion nun aus zwei zentrischen Rohren, deren Zwischenraum ebenfalls zementiert wird. Im dritten Schritt wird die horizontale Bohrung ausgeführt. Man realisiert heute im Ölgeschäft bis zu 5 km lange Strecken. Wie lang eine Bohrung sein kann hängt maßgeblich von der Beschaffenheit der Schicht ab, in die die Endlagerung erfolgen soll. Dieser Teil wird nun ebenfalls verrohrt, was zur Folge hat, daß im senkrechten Teil nun drei Rohre ineinander gesteckt sind.

Die „Abfallbehälter“ bestehen aus Rohren mit einer Wandstärke von etwa 1 cm aus „Alloy 625“ (einem rostfreien Edelstahl, aus dem z. B. auch Rohre in Kernkraftwerken gefertigt werden). Hohlräume in den Behältern werden ausgefüllt und diese anschließend gasdicht verschweißt. Solche „Stangen“ – typische Durchmesser 23 bis 33 cm – sind außerordentlich stabil. Bis diese Behälter „durchgerostet“ sind, vergehen mindestens 50 000 Jahre. Ein Zeitraum, in dem fast alle Spaltprodukte bereits zerfallen sind. Erst dann müßte das Gestein seine Aufgabe als weitere Barriere erfüllen. Die Rohre zur Auskleidung der Bohrlöcher haben eine Lebensdauer von mehreren hundert Jahren.

Aus der Ölindustrie kennt man zahlreiche Verfahren, wie man solche Bohrungen befahren kann. Das Ein- und Ausbringen von Messgeräten, Kameras, Werkzeugen usw. ist Routine. Es gibt sogar Spezialfirmen, die abgebrochene oder verklemmte Bohrgestänge wieder aus einem Bohrloch fischen können. Die „Abfallbehälter“ werden wahrscheinlich mit einem elektrisch angetriebenen Traktor, an einem Stahlseil hängend, in die Rohre gedrückt bzw. wieder herausgezogen. Die Lagerung ist also für (mindestens) Jahrzehnte rückholbar. Auch dies eine politische Forderung, die eigentlich im Widerspruch zu einem Endlager steht.

Alle Arbeiten werden also von der Erdoberfläche aus ausgeführt. Einzige Besonderheit ist eine Abschirmung gegen die Strahlung während der Versenkung des „Atommülls“. In der Ölförderung ist es üblich, von einer kleinen Baustelle aus, mehrere Löcher zu bohren. Teilweise sogar mehrere Schichten übereinander zu erschließen. So könnte man auch ein recht großes Lagerfeld für viele Tonnen Abfall anlegen. Auch der oberirdische Platzbedarf wäre somit sehr viel kleiner als für ein vergleichbares Bergwerk.

Was könnte man einlagern?

Wie oben schon erwähnt, könnte man ganze Brennelemente ohne weitere Bearbeitung einlagern. Dies dürfte – wegen der enormen Rohstoffverschwendung – die Ausnahme sein. Viel eher wird man die verglasten Spaltprodukte mit den minoren Aktinoiden nach einer Wiederaufbereitung (französischer Weg) in solche Behälter gießen. Es sind aber auch andere Wege darstellbar. So fällt man in den USA in den militärischen Aufbereitungsanlagen Strontium und Cäsium (Halbwertszeit etwa 30 Jahre) aus der Spaltproduktlösung aus. So erhält man eine relativ große Menge kurzlebigen Abfall und eine relativ geringe Menge langlebigere Spaltprodukte. Diese Cäsium- und Strontium-Kapseln werden getrennt gelagert. Man kann hierfür einen besonders geeigneten Lagerort finden. Dampferzeuger aus Kernkraftwerken werden heute schon in Spezialfabriken zerlegt und dekontaminiert. Übrig bleibt eine große Menge handelsüblicher Schrott zu Wiederverwendung und ein kleiner Block eingeschmolzenen radioaktiven Materials. Diesen Abfall könnte man auch in die „Abfallbehälter“ gießen und endlagern. Heute wird es immer mehr üblich, kontaminierte Stoffe (Schutzkleidung etc.) vorher einzuäschern und nur noch das kleine Volumen der Asche zu lagern. Genauso könnte man belastete Filterharze in „Abfallbehälter“ umfüllen. Alles nur eine Frage der Kosten und des politischen Willens.