APR1400 aus Korea

Der APR1400 (Advanced Power Reactor mit 1400 MWel) besitzt sogar die Zulassung der US-Genehmigungsbehörde. Es ist allerdings unwahrscheinlich, daß er je auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten errichtet wird. Trotzdem hat die Korea Hydro & Nuclear Power Company Ltd. (KHNP) zig Millionen in diesen umfangreichen Genehmigungsprozess investiert. Diese Zulassung gilt international als der „Goldstandard“. Nahezu ein muß, wenn man ein Kernkraftwerk auf dem Weltmarkt an Länder mit ausreichend harten Devisen verkaufen will – und nur das verspricht langfristig Gewinn. China versucht über eine Kooperation mit EDF ihren HUALONG-Reaktor wenigstens in GB zugelassen zu bekommen. Rußland lernt gerade in Finnland und der Türkei, wie umfangreich und inhaltsschwer ein Genehmigungsverfahren in „westlichen Kulturen“ ist. Die sprichwörtliche Geheimniskrämerei und Arroganz gegenüber „kleinen Nationen“ ist dabei wenig hilfreich, eher hinderlich. So ist das mit viel Selbstbewußtsein gestartete Projekt Hanhikivi 1 in Finnland seit Jahren im Genehmigungsverfahren stecken geblieben. Man wollte schon 2018 mit dem Bau begonnen haben und hofft nun wenigstens auf eine Genehmigung bis 2021. Die resultierenden Kosten (Festspreisangebot) bei jetzt schon absehbarer Verzögerung um mindestens 10 Jahre könnten noch eine harte Nuss für Putin werden, stammen die Mittel doch aus dem russischen Pensionsfond. So viel vorweg, um die Leistung der koreanischen Industrie und den Startvorteil auf dem Weltmarkt richtig einzuordnen.

Ein weiterer Vorteil ist, daß mit Shin Kori 3 (seit 2016) und Shin Kori 4 (seit 2019) bereits zwei Reaktoren erfolgreich am Netz sind. Shin Kori 5 ist seit 2017 und Shin Kori 6 seit 2018 in Bau, ebenso Shin Hanul 1 und Shin Hanul 2. Vier weitere Reaktoren stehen vor der Fertigstellung in Barakah in den vereinigten Emiraten. Was aber fast noch wichtiger in der heutigen Zeit ist, der Bau von Barakah 1 begann 2012 und die fristgerechte Fertigstellung erfolgte 2018 – in einem entfernten Land, mitten in der Wüste, fast ohne vorhandene kerntechnische Infrastruktur. Parallel mußte die gesamte zugehörige Betriebsmannschaft erst ausgebildet werden, was zu einiger Verzögerung bei der Inbetriebnahme führt. Besonders attraktiv ist jedoch der Preis mit rund 3600 US$ pro Kilowatt. Wohlgemerkt für eine Energiequelle mit 90 %iger Verfügbarkeit gemäß Bedarf. Damit kann keine Sonnenenergie – auch nicht am Golf – konkurrieren, denn auch dort ist es des Nachts dunkel und oft genug ist der Himmel am Tage bedeckt (jährliche Arbeitsausnutzung). Wie konnte Süd-Korea dies Gelingen?

Die koreanische Geschichte der Kernkraftwerke

Korea unterteilt seine kerntechnische Geschichte selbst in vier Phasen. In der ersten Phase (70er Jahre) wurden Kernkraftwerke vollständig importiert. In der zweiten Phase (80er Jahre) wurden immer mehr nukleare Komponenten im eigenen Land hergestellt. Hierfür wurden enge Kooperationen – einschließlich Wissenstransfer – mit den einschlägigen Zulieferern im Ausland abgeschlossen. Hierdurch gelang es sehr schnell, eine eigene kerntechnische Industrie aufzubauen. Das Ziel der dritten Phase (90er Jahre) war die Entwicklung eines möglichst unabhängigen (im Sinne von Lizenzbedingungen) eigenen Reaktors. Ausländische Zulieferer konnten nur noch als Subunternehmer einheimischer Zulieferer tätig werden. Es entstand der Reaktor OPR1000. Von ihm wurden im Zeitraum von 1989 bis 2015 zehn Reaktoren in Korea gebaut und in Betrieb genommen. Parallel wurde die komplette kerntechnische Infrastruktur von Forschung, Entwicklung, Schulung, Genehmigungsverfahren usw. installiert. Aus Korea wurde eine international respektierte Kernenergienation. Ausdrücklich ohne jedes militärische Interesse. Ganz im Gegensatz zum Glaubensbekenntnis tumber „Atomkraftgegner“, daß Kernenergie immer einen militärischen Hintergrund hat. Im rohstoffarmen Südkorea ging es vielmehr um eine gesicherte Eigenversorgung mit Energie und hochwertige Exportgüter. Bis hierher, eine Menge Parallelen zu Deutschland…

Nach dem Reaktorunfall in Harrisburg USA und Tschernobyl in der Sowjetunion setzte weltweit ein Run auf die Entwicklung noch sicherer Reaktoren der sog. „III. Generation“ ein. Eine (teilweise) Kernschmelze wie in Harrisburg sollte noch unwahrscheinlicher werden und selbst über die bisherigen Auslegungskriterien hinausgehende Unfälle sollten in ihre Wirkung auf das Betriebsgelände beschränkt werden. Aus diesen Überlegungen entstand in Südkorea seit Anfang des Jahrhunderts der Typ APR1400. Man orientierte sich wieder an den USA (Modell 80+ von Combustion Engineering), achtete aber auf eine Unabhängigkeit über Lizenzerwerb und konsequente Entwicklung eigener Berechnungs- und Konstruktionsverfahren. Heute kann man ein komplettes Kernkraftwerk der Generation III, einschließlich (digitaler) Steuerung und Regelung und aller nuklearen Komponenten bauen. Ein Zustand, den China gerade erst erreicht und Russland immer noch nicht erreicht hat (Regelung, Turbine etc.).

Wie sich durch Projekte in Flamanville (EPR in Frankreich) oder Vogtle (AP1000 in USA) zeigt, ist aber die nahezu wichtigste Voraussetzung für die Einhaltung geplanter Bauzeiten eine geübte Mannschaft an qualifizierten Fachleuten. Südkorea hat dies durch den kontinuierlichen Ausbau erreicht. Eine jahrzehntelange Unterbrechung hingegen, bedeutet faktisch einen Neuanfang in der Kerntechnik. Wissen und Übung geht schlichtweg verloren. Ferner ist für die Kosten auch eine möglichst einfache Konstruktion erforderlich. Jeder Kubikmeter umbauter Raum treibt die Kosten vielfach, jede Schweißnaht auf der Baustelle ist eine potenzielle Fehlerquelle etc.

Die Konstruktion des APR1400

Der APR1400 ist eine konsequente evolutionäre Weiterentwicklung vorhandener Druckwasserreaktoren. In jedes Bauteil sind die Betriebs- und Montageerfahrungen der vorausgegangenen 10 OPR 1000 eingeflossen. Eine schrittweise Entwicklung, wie man sie z. B. auch aus der Automobilindustrie (vom Golf x, über den Golf y zum Golf z) kennt. Entwicklungssprünge und Verfahrenswechsel hingegen (z. B. vom Käfer mit luftgekühltem Benzinmotor auf den Golf Diesel), sind immer mit Risiko und Kinderkrankheiten verbunden. Mit anderen Worten, man hat gar nicht versucht den „Superreaktor“ zu bauen, sondern vielmehr eine solide Arbeitsmaschine, die dafür aber kostengünstig ist.

Bei den Sicherheitsanforderungen eines Reaktors der sogenannten „dritten Generation“ hat man sich konsequent an den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in den USA (CE80+ von Combustion Engineering/Westinghouse) orientiert. Die dort entwickelten Rechenprogramme und Versuche an Modellen und in Kraftwerken haben die Zulassung enorm beschleunigt. Dies betrifft ganz besonders auch die Werkstoffe, denn anders als z. B. in der „Klimafolgenforschung“ muß jedes Rechenprogramm seine Aussagefähigkeit durch Nachrechnung von Versuchen unter Beweis stellen. Eine höchst kosten- und zeitintensive Angelegenheit.

Bei der Konstruktion und Zulassung hat man gleich ein „Plant Life“ von 60 Jahren angesetzt. Es scheint leider immer wieder notwendig, darauf hinzuweisen, daß es bei einem Kernkraftwerk keine technische Lebensdauer gibt, sondern lediglich eine wirtschaftliche. So ist z. B. die Betriebserlaubnis für vier Kraftwerke in USA (Peach Bottom 2,3 und Turkey Point 3,4) bereits auf 80 Jahre verdoppelt worden. Alles hängt nur von den Wartungs- und Modernisierungskosten ab. So gibt es andererseits z. B. in Japan Kraftwerke jüngeren Datums, die wegen erforderlicher Anpassung an heutige Sicherheitsanforderungen (Tsunami) nicht mehr zu vertretbaren Kosten nachrüstbar sind. Von ideologischem Aktionismus wie in Deutschland, gar nicht zu reden. Eine Orientierung bietet immer der Verschleiß (Neutronenbeschuß) des Reaktordruckgefäßes. Heute besitzt man spezielle Werkstoffe und ein besseres Verständnis der Zusammenhänge als noch vor 50 Jahren. So kann man einen rechnerischen Nachweis für mindestens 60 Jahre erbringen. Entsprechend der später tatsächlich aufgezeichneten Belastungen kann die „Lebensdauer“ weiter angepaßt werden.

Ähnlich sieht es mit den Dampferzeugern aus. Einerseits hat sich die Qualität, die Wasserchemie, die Werkstoffe (Inconel 690) usw. bedeutend verbessert, andererseits kann man schlicht durch eine Überdimensionierung eine Reserve schaffen. So besitzt jeder der zwei Dampferzeuger 13102 Rohre, von denen bis zu 10% ohne Leistungseinbuße verschlossen werden können.

Der Brennstoff ist für Wechselintervalle von mindestens 18 Monaten ausgelegt. Dies erlaubt eine Arbeitsverfügbarkeit von deutlich über 90%. Die Instrumentierung und Steuerung ist voll digital. Südkorea kann eine Eigenentwicklung anbieten. Es handelt sich um eine offene Architektur, die ebenfalls eine Nutzungsdauer von zig Jahrzehnten auch bei Hardware-Veränderungen erlaubt. Die Steuerung ist so konzipiert, daß der Reaktor voll automatisch Laständerungen folgen kann.

Sicherheitssysteme

Anders als z. B. bei dem französischen EPR wurde auf sicherheitstechnischen Schnickschnack wie eine doppelte Betonhülle (gegen fiktive Flugzeugabstürze und Terror) und einen „Core Catcher“ (gegen Hollywoods China Syndrom) verzichtet. Beides Kostentreiber. Trotzdem wurde die Wahrscheinlichkeit für eine Beschädigung des Kerns (Unfall in Harrisburg) auf unter ein Ereignis in 100 000 Reaktorbetriebsjahren und ein Containment-Versagen (Fukushima) mit Freisetzung von Radioaktivität auf weniger als einmal in 1 Million Reaktorbetriebsjahren gedrückt.

Reaktorkern

Ein Reaktorkern muß stets ausreichend gekühlt werden (Nachzerfallswärme nach Abschaltung). Wenn Kühlmittel verloren geht (z. B. Bruch einer Rohrleitung) muß dies sofort ersetzt werden. Der APR1400 besitzt hierfür einen ausreichend großen Tank innerhalb des Sicherheitsbehälters (IRWST, in-containment refueling water storage tank). Einem Wasserverlust und damit Druckverlust im Primärkreislauf wird passiv durch einen Druckspeicher entgegengewirkt. Es ist ein Druckbehälter mit Stickstoffpolster, der ab einem Systemdruck von 40 bar etwa 51 m3 nachspeisen kann. Es ist ein passives Sicherheitssystem (keine Fremdenergie nötig), das automatisch auslöst. Zusätzlich gibt es vier völlig voneinander getrennte Noteinspeisungen, die mit elektrischen Pumpen oder Dampfturbinen betrieben werden. Sie speisen direkt über eigene Anschlüsse in den Druckbehälter – oder wenn noch möglich – in die Dampferzeuger ein. Bei Störfällen, die über die Auslegung hinausgehen, wird zusätzlich die Grube, in der sich der Reaktordruckbehälters befindet mit Wasser gefüllt. So wird der Druckbehälter auch dann dauerhaft gekühlt, wenn bereits eine Kernschmelze eingetreten ist (Fukushima). In den ersten 30 Minuten laufen alle Maßnahmen ohne jeden Eingriff des Betriebspersonals ab. Man will damit Fehlbedienungen (Harrisburg) verhindern, bis das Personal sich einen detaillierten Überblick verschafft hat und wieder etwas Ruhe eingekehrt ist. Die weitere Notkühlung ist für einen automatischen Betrieb über acht Stunden ausgelegt. Genug Zeit, um auch Hilfe von außen heranführen zu können.

Sicherheitsbehälter

Das Containment besteht aus einem zylindrischen Spannbetonbehälter. Er übernimmt den Schutz gegen Einwirkungen von außen (Flugzeugabsturz, Terror etc.). Gleichzeitig verhindert er die Freisetzung von radioaktiven Stoffen auch bei schwersten Störfällen mit zerstörtem Kern. Gegen Wasserstoffexplosionen (Fukushima) gibt es 30 Katalysatoren und 10 Zündeinrichtungen, die gefährliche Konzentrationen verhindern. In dem Sicherheitsbehälter befinden sich Sprinkler, die radioaktive Stoffe (z. B. Jod) aus der Atmosphäre im Containment auswaschen können, bevor sie über die Filteranlagen und den Kamin in die Umwelt gelangen (Tschernobyl, Fukushima). Zusätzlichen Schutz gegen Einwirkungen von außen bietet die Architektur: Alle Hilfs- und Nebengebäude sind schützend um das Containment angeordnet. Dabei wird das Prinzip vierfacher Sicherheit beibehalten. Es gibt vier hermetisch von einander getrennter Gebäudeteile. Sie sind durch Brandmauern und Flutschutz (Fukushima) vollständig getrennt.

Bauweise

Durch den konsequenten Einsatz von 3-D-Simulationen und Baustellenmanagement konnte die Bauzeit schon bei Shin-Kori 3&4 auf 55 Monate (vom ersten Beton der Grundplatte bis zur Übergabe) beschränkt werden. Bei einem „Bau in Serie“ geht man von 48 Monaten Bauzeit aus. Dies wird auch durch eine Sektionsbauweise mit vorgefertigten Modulen, Einsatz von Schweißrobotern, Einbringung von Dampferzeugern und Druckgefäß von oben mittels Schwerlastkran etc. erreicht. Wichtig ist die kontinuierliche Auslieferung von Kernkraftwerken im In- und Ausland. Nur so kann auf allen Teilgebieten mit geübten Fachkräften gearbeitet werden und Erfahrungen geteilt werden. Reißt die Pipeline für viele Jahre ab – wie in USA und Frankreich geschehen – fängt man quasi wieder von vorne an. Kraftwerksbau wird zum unkalkulierbaren wirtschaftlichen Risiko (gemacht).

Nachwort

Südkorea und China beweisen, daß Kernenergie immer noch die kostengünstigste und zuverlässigste (vom Wetter unabhängig) Methode ist elektrischen Strom zu erzeugen. Selbst in Ländern, in denen fossile Energieträger (USA, China, Indien, arabischer Raum) reichlich vorhanden sind. Man muß es nur richtig machen!

Druck- und Siedewasserreaktoren sind noch lange nicht an ihrem technologischen Ende angekommen. Genauso wenig, wie Heizkessel durch Wärmepumpen und „Mao-Diesel“ verdrängt worden sind, obwohl das schon vor fast 50 Jahren in den Ölkrisen 1973 und 1976 prophezeit wurde. Es gilt auch weiterhin die Kostendegression durch Anlagengröße. Reaktorgrößen zwischen 1000 und 1500 MWel werden deshalb weiterhin gebaut werden. Industriell gefertigte Kleinreaktoren (SMR) werden noch für lange Zeit ein Nischenprodukt bleiben. Betrachtet man die Gesamtkosten (Personal, Bewachung, Wiederholungsprüfungen usw.) werden sie noch unter Beweis stellen müssen, daß die Stromkosten tatsächlich geringer sind.

Vergleicht man Deutschland und Südkorea, stellt man eine Menge Parallelen fest. Nicht nur die Rohstoffarmut und das Wiedererstehen nach schrecklichen Kriegen. Wenn Deutschland nicht von Öko-Sozialistischen-Irrlehren heimgesucht worden wäre und es in der Energiewirtschaft Unternehmer (ein Unternehmer unternimmt etwas) an der Stelle von Kombinatsleitern (sich selbst als ausführender Arm der Politik verstehend, nur auf staatliche Subventionen schielend) geben würde, wäre Deutschland noch heute ein hoch geschätzter Lieferant von Kraftwerken auf dem Weltmarkt. Wohlstand durch Exporterfolge wäre garantiert und als Bonbon zusätzlich „billige Strompreise“ im Inland und nicht Zwangsabschaltungen von „Kleinverdienern und Rentnern“. Wie ging noch mal das Märchen von „Hans im Glück“?

Fukushima, zwei Jahre danach

Jahrestage dienen immer der Erinnerung und der Bilanzen. So auch im Falle des Reaktorunglücks in Fukushima. Zahlreiche Veröffentlichungen sind bisher erschienen. Nach zwei Jahren erscheint es an der Zeit, die ersten grundsätzlichen Konsequenzen zu ziehen.

Was geschah

Vor zwei Jahren erschütterte ein selten starkes Erdbeben den Norden der japanischen Inseln. Erdbeben sind in Japan Routine. Was allerdings überraschte, war die Schwere und der Ort des Geschehens: Ein solch schweres Beben hatte man in absehbarer Zeit eher im Süden erwartet. Die Folge dieses küstennahen Bebens war ein außergewöhnlich heftiger Tsunami. Auch das nicht selbstverständlich für ein Meeresbeben. Alles in allem, eher ein Jahrtausendereignis. Gleichwohl bekannt, wenn auch selten. Geologen kannten mehrere Ereignisse mit hohen Flutwellen in dieser Gegend in den letzten Jahrtausenden. Die Flutwelle überspülte das gesamte Kraftwerk und zerstörte dabei alle Außenanlagen. Die Bedienungsmannschaft gehörte zu den wenigen, die mangels geeigneter Kommunikationsmittel die Warnungen vor dem Tsunami gar nicht mitbekommen haben. Wertvolle Zeit zwischen den Erdstößen und der Flutwelle ist verstrichen und es wurden sogar unangemessene Entscheidungen gefällt. Die Wasserwand traf das Kraftwerk und seine Mannschaft unerwartet und mit unvorstellbarer Gewalt. Wie war es möglich, daß ein Kernkraftwerk buchstäblich überrollt werden konnte? Es war ganz einfach auf zu niedrigem Grund gebaut worden. Man hatte sogar während der Bauzeit noch Gelände abgetragen, um die Baustelle einfacher zu gestalten. Es wurden zwar anschließend Flutmolen gebaut, aber leider viel zu niedrig. Man wußte das seit langem, hatte aber auf „kleine Wellen“ gewettet, da das Kraftwerk ohnehin in einigen Monaten still gelegt werden sollte. Hinzu kam eine von sich aus schon nicht besonders robuste und veraltete Konstruktion und eine im Laufe der Jahrzehnte nicht mehr besonders geschulte Mannschaft. Solche Ketten sind leider nicht außergewöhnlich: Viele – für sich genommen unbedeutende Fehlentscheidungen – können sich in einem Unglücksfall zur Katastrophe auswachsen. Es entstand ein immenser materieller Schaden. Die Kosten übersteigen (damals) notwendige Investitionen um Größenordnungen.

Entweder man macht es richtig oder man läßt es bleiben

Die Standortbedingungen waren sehr genau bekannt. Ein „wird schon gut gehen“, darf es in der Kerntechnik nicht geben. Ein Kernkraftwerk hätte an diesem Standort besser nicht gebaut werden sollen. Da man es trotzdem gemacht hat, hätte man es gegen solche Flutwellen sichern müssen. Spätestens nach Tschernobyl war bekannt, daß es nicht besonders schlau ist, einen Reaktor in eine einfache Industriehalle zu stellen. Hätte das Kraftwerk eine übliche Betonhülle gegen Einwirkungen von außen gehabt, wäre es durch eine „kleine“ Wasserstoffexplosion nicht in sich zusammengefallen. Die Lagerbecken für Brennelemente wären heute nicht mit Bauschutt verschüttet und hätten längst geleert werden können. Ebenso fragwürdig ist der Bau „Wand an Wand“ von Reaktoren, die über zahlreiche Keller, Gänge und Rohrleitungen so miteinander verbunden sind. Wie sich gezeigt hat, können sich im Schadensfall schädliche Gase und radioaktive Flüssigkeiten ungehindert ausbreiten.

Schon Anfang der 1970er Jahre wurde das sehr geringe Volumen des Sicherheitsbehälters bei diesem Reaktormodell kritisiert. Man forderte deshalb Druckentlastungsventile, über die ein etwaiger Überdruck kontrolliert abgebaut werden könnte. Politisch tat man sich damit sehr schwer: Der Sicherheitsbehälter sollte doch eine Freisetzung von Radioaktivität verhindern. Jetzt sollte er geöffnet werden? Dies glaubte man der Öffentlichkeit nur schwer verständlich machen zu können. Ähnliches galt für das Betriebspersonal: Seine wichtigste Aufgabe ist es, die Freisetzung von Radioaktivität zu vermeiden. Was würde mit ihm geschehen, wenn es das Ventil zu „leichtfertig“ öffnen würde?

Spätestens nach dem Unfall in Harrisburg war es eine Tatsache, daß Brennstäbe trocken fallen können und es dann zur Bildung von Wasserstoff kommen kann. Um eine Explosion im Sicherheitsbehälter zu verhindern, wurde dieser während des Betriebs mit Stickstoff gefüllt. Tritt aber nach der Bildung von Wasserstoff, Gas aus dem Sicherheitsbehälter aus, kann es an der frischen Luft zu einer Explosion kommen. Alles seit Jahrzehnten bekannt und durch Experimente bestätigt.

Die Hauptursache war jedoch der Ausfall der Stromversorgung über eine zu lange Zeitdauer. Durch die Flutwelle war großflächig das Stromnetz zerstört. Das Kraftwerk hätte sich also mehrere Tage selbst versorgen müssen. Da das Einlaufbauwerk mit den Kühlwasserpumpen zerstört war, war mangels Kühlung eine Eigenversorgung des Kraftwerks unmöglich. Die Flutwelle hatte nicht nur die Notstromdiesel außer Gefecht gesetzt, sondern auch einen „großen Kurzschluß“ in den Schaltanlagen verursacht. Unmittelbare Hilfe von außen (z. B. Feuerwehr, Fachleute usw.) war erst später möglich, da die gesamte Infrastruktur im Bezirk großflächig und gründlich zerstört war. Die Betriebsmannschaft mußte sich im entscheidenden Zeitraum mit Batterien und Taschenlampen „durchwursteln“. Eine Situation, die (bislang) in keinem Handbuch beschrieben war. Das alles unter einer enormen psychischen Belastung: Es war sehr schnell klar, wie zerstörerisch dieser Tsunami gewesen sein mußte und fast alle hatten ihre Familien in den nahe gelegenen Orten. Diese Kombination von totalem Stromausfall und schweren Schäden im eigenen Kraftwerk, bei gleichzeitiger Isolation von der Außenwelt, hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

Das Positive am Unfall

Der Tsunami in Japan war eine der verheerendsten Naturkatastrophen, die ein Industrieland je getroffen hat. Schon die hohe Zahl an Toten und Vermissten spricht für die enorme Gewalt und Ausdehnung. Trotzdem sind nur vier von über fünfzig Reaktoren Totalschaden. Der überwiegende Teil ist nur leicht oder gar nicht beschädigt worden. Selbst bei dem schweren Unfall in Fukushima, ist kein Mensch durch Strahlung schwer geschädigt oder gar getötet worden. Insgesamt ein sehr positives Ergebnis. Bei Kernkraftwerken handelt es sich offensichtlich um recht robuste Anlagen.

Besonders positiv ist, daß eine deutliche Lernkurve zu verzeichnen ist: Je jünger die Anlagen, um so geringer die Schäden. Selbst die Kraftwerke der 1960er Jahre, die aus heutiger Sicht eine Menge Nachteile aufweisen, hatten so viele eingebaute „Sicherheiten“, daß sie zwar einen solchen Tsunami nicht überstanden haben, aber trotzdem nur eine geringe Gefährdung ihrer Umwelt darstellen.

Die Japaner sind tatkräftig dabei, ihr „Missgeschick“ in eine Chance umzuwandeln: Haben sie bereits mehrfach den Beweis geliefert, daß sie erfolgreich Kernkraftwerke in Erdbebenregionen bauen und betreiben können, sind sie jetzt dabei, der Welt zu zeigen, wie man mit einer „Nuklearkatastrophe“ verantwortungsvoll umgeht. Die Ruine wird zielstrebig und umweltschonend beseitigt. Und dies geschieht alles öffentlich und unter „kritischer Begleitung“ unserer „Atomkraftgegner“, die ihr Geschäftsmodell der Verbreitung von Angst langsam schwinden sehen. Die Story von „Millionen Toten, für zehntausende Jahre unbewohnbar“ hat sich als schlechte Propaganda erwiesen. Schlecht deshalb, weil inzwischen von jedem als maßlose Übertreibung erkennbar.

Lehren, die gezogen werden müssen

Fukushima hätte nicht passieren müssen. Dies ist die einhellige Schlussfolgerung in allen bisherigen Untersuchungsberichten. Wie aber, konnte es geschehen, daß man das Risiko einer bekannt hohen Flutwelle förmlich ausblendete? Seit der Planung, wurde immer wieder von namhaften Geologen (keine selbsternannten „Atomexperten“) auf die mögliche Höhe einer Flutwelle an diesem Standort hingewiesen. Bei dem Kraftwerk in Fukushima handelte es sich um eine veraltete Konstruktion. Allein in den USA sind von diesen „alten Typen“ noch über 30 Stück in Betrieb. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die konstruktiven Schwachstellen wurden herausgearbeitet und durch Nachrüstmassnahmen zumindest entschärft. Gleiches geschah z. B. in Schweden.

In Japan hat die „Atomaufsicht“ völlig versagt. Schlimmer: Wie man sich heute eingesteht, mußte sie versagen, weil sie von ihrer Konzeption her so angelegt war. Der japanische Staat ist vom Selbstverständnis her, ein fürsorglicher Staat. Er ist für das Wohl der Nation maßgeblich verantwortlich und sorgt deshalb für die ausreichende und sichere Versorgung mit Energie. Insofern war es in sich logisch, auch die Kernenergie von der Planung bis zum Betrieb möglichst eng zu verknüpfen. Anfangs ein Erfolgsrezept, denn Kerntechniker sind nicht per Knopfdruck zu erschaffen. Schon die Ausbildung dauert überdurchschnittlich lang und erfordert spezielle Qualifikationen. Heute spricht man treffend vom „Nuclear Village“ in Japan, in dem jeder mit jedem irgendeine Beziehung unterhält. Dieses System gipfelt im „Amakudari“ (etwa: vom Himmel herabsteigen) japanischer Behörden. Damit ist gemeint, daß Staatsbedienstete vor dem endgültigen Ruhestand noch einmal in die Privatwirtschaft wechseln um „richtig Geld zu machen“. Sie nutzen dann für ihre neuen Dienstherren ihre „Behördenerfahrung“ und ihre Kontakte. Man kann sicherlich nicht erwarten, daß solche „Kontrolleure“ ihre zukünftigen Brötchengeber durch „Übereifer“ verprellen wollen. Außerdem versucht man eine Lösung für die häufige Rotation zu finden. Für japanische Beamte ist alle zwei bis drei Jahre eine Versetzung üblich. Damit ist eine „Waffengleichheit“ bei der fachlichen Qualifikation zwischen Prüfer und Antragsteller kaum möglich. Dem Beamten bleibt aus Unsicherheit meist nichts anderes übrig, als dem Antragsteller in seiner Argumentation zu folgen. Nur so ist es erklärlich, warum z. B. die Anwendung der Wahrscheinlichkeitsanalyse so lange in Japan immer wieder verhindert werden konnte. Ein Beamter liebt keine Unsicherheiten, sondern wird immer einen konkreten Zahlenwert aus irgendeiner Vorschrift bevorzugen.

Bevor an dieser Stelle das Gefühl aufkommt, in Deutschland sei alles besser, nur mal einige Denkanstöße: Glaubt wirklich jemand, daß in Deutschland ein „Karrierebeamter“ noch wagt, ausschließlich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen den Salzstock in Gorleben zu beurteilen, wo doch politisch alles auf „Anti-Gorleben“ gebürstet ist? Wo war der Aufschrei, als unter Rot-Grün systematisch Aufsichtsbehörden mit „kritischen Wissenschaftlern“ (ein Synonym für nachweislich fachlich unqualifiziert, aber mit richtiger politischer Gesinnung) in Führungspositionen besetzt wurden? Wer sollte heute noch Forschungsgelder für kerntechnische Fragestellungen beantragen, wo der „Atomausstieg“ doch beschlossene Sache ist und Forschungsgelder eher für „Gender-Problematik“ abzugreifen sind? Hier geht es nicht um einzelne Personen, sondern um Strukturen, die absehbar (wieder) in die Katastrophe führen. Ideologische Vorgaben und Wissenschaft schließen sich grundsätzlich aus.

Selbst im angeblichen Mutterland des Kapitalismus scheint einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein. Zwar haben die USA eine ziemlich unabhängige und selbstbewusste „Atomaufsicht“, aber diese werkelt in Stundenlohnarbeit, zum Stundensatz von knapp 300 $, bei Genehmigungen jahrelang vor sich hin. Dort sitzen auch die Spezialisten, die sich beispielsweise ihr halbes Leben mit Rohren bei Dampferzeugern von Druckwasserreaktoren beschäftigt haben und deshalb auch die verwickelsten Fälle (San Onofre) in kurzer Zeit lösen. Aber mal ehrlich, wer möchte diesen Damen und Herren in Stundenlohnarbeit die Genehmigung eines gasgekühlten Wärmeübertragers vorlegen? Zwar gilt auch hier, die Kosten des einen, sind das Einkommen des anderen, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Unübliche Kosten (alle bauen ja schließlich Leichtwasserreaktoren) lassen sich nicht auf dritte, die Stromkunden, abwälzen. Ein solches System ist extrem innovationsfeindlich. Das hat auch die amerikanische Regierung erkannt und versucht nun durch Milliardenprogramme (z. B. SMR-Reaktoren) diesen Fehler mehr schlecht als recht zu heilen – und was kommt raus? Überraschung: Kleine Druckwasserreaktoren, wie man sie eigentlich schon seit Jahrzehnten für die Marine baut.

Nun haben die USA wenigstens noch die „Nationale Sicherheit“, für die man eigentlich immer Gelder auftreiben kann und weitestgehend ungehindert forschen und entwickeln kann. Oder müssen wir uns doch eher auf „Gelenkte Demokratien“ verlassen, wo ein Diktator, in seiner unendlichen Weisheit, vielleicht doch neue Reaktortypen entwickeln läßt? Auszuschließen ist das nicht. Vielleicht ist es ja ein „Guter Diktator“, der uns an seinem Fortschritt auch noch selbstlos teilhaben läßt. Schließlich wollen unsere „Energiewender“ ja auch die Menschheit retten.

Soll Bürokratie und Planwirtschaft tatsächlich die Antwort auf eines der dringendsten Probleme der gesamten Menschheit sein: Ausreichend preiswerte Energie! Oder ist der „Geist von Cupertino“ nicht viel eher die Antwort? Wieso konnte ein Computerhersteller etliche Milliarden Dollar eigenes (!!!) Geld in die Hand nehmen und gegen den Rat aller „Telefonexperten“ ein völlig neues Telefonkonzept entwickeln? Die Antwort ist einfach: Weil man ihm die Freiheit dazu ließ! Selbstverständlich war er verpflichtet, alle geltenden Vorschriften und Sicherheitsnormen einzuhalten – aber bitte nicht mehr.