Und ewig grüßt das Tanklager

Die „Qualitätsmedien“ können gar nicht genug bekommen, von „der in wenigen Stunden tödlichen Dosis“ im Tanklager H4 in Fukushima. Es ist eine echte „Mann-beißt-Hund-Meldung“. Viel spannender jedenfalls, als ein Giftgaseinsatz oder gar die Bundestagswahl. Ob es sich dabei einfach nur um schlampigen Journalismus handelt (man hätte ja mal jemand fragen können, der sich damit auskennt) oder tumbe Propaganda, mag der Leser selbst entscheiden. Jedenfalls hält man seine Leser für arg kritiklos – um nicht zu sagen für dämlich. Da werden in den eigenen Berichten über die in „wenigen Stunden tödliche Dosis“ Bilder von Arbeitern in Schutzanzügen (dazu noch weiter unten) gezeigt, die zwischen den Tanks umherlaufen und sich diskutierend über die Betonwanne beugen. Das mag ja noch für manchen Rechtgläubigen, der seit Jahren gegen die „fiese Atommafia“ kämpft, logisch erscheinen. So sind sie halt, die profitgierigen Kapitalisten von Tepco. Was ist aber mit den schönen Photos von dem Besuch des japanischen Handelsministers Toshimitsu Motegi inmitten einer solchen Gruppe? Hat man je von einem „Herrschenden“ gehört, der sich freiwillig und unnötig „verstrahlt“? Man muß also gar nichts von Strahlenschutz verstehen, um diese Berichte kritisch zu hinterfragen. Etwas gesunder Menschenverstand würde ausreichen – oder man hat halt etwas ganz anderes im Sinn.

Man unterscheidet α – (Heliumkerne), β – (Elektronen) und γ -Strahlung (elektromagnetische). Jede, dieser ionisierenden Strahlungen hat eine charakteristische biologische Wirkung und „Durchdringungsfähigkeit“. Für α – Strahlung reicht ein Stück Papier oder ein Zentimeter Luft als Abschirmung aus. Völlig anders ist die Situation, wenn α -Strahlung erst im Körper freigesetzt wird. Für den gleichen Energiegehalt wird deshalb eine 20fache Schadenswirkung angenommen. Ganz ähnlich verhält es sich mit der anderen Teilchenstrahlung, der β – Strahlung. Sie dringt nur oberflächlich in Stoffe ein. Eine Abschirmung von ein bis zwei Metern Luft reicht aus. Genau hier, liegt das Mißverständnis begründet. Im Sinne des Strahlenschutzes spielt nur die γ – Strahlung für einen „Tanklagerbesucher“ eine Rolle: Man muß durch einen Schutzanzug mit Atemmaske verhindern, daß radioaktive Partikel in den Körper oder auf die Haut gelangen. Ist dies gewährleistet, kann man im Sinne des Arbeitsschutzes α- und β -Strahlung vergessen. Für die Bestimmung der zulässigen Aufenthaltszeit z. B. ist nur die laufende Messung (Dosimeter) der γ -Strahlung von Interesse. Die γ -Strahlung hat in all den berichteten Fällen etwa 1,5 mSv/h (an den „heißen Stellen“, nicht etwa im gesamten Tanklager) betragen. Eigentlich, nicht der Rede wert – jedenfalls kein Grund für ein meßbar zusätzliches Krebsrisiko.

Warum also die plötzliche Aufregung über ständig steigende und gar „tödliche Strahlung“? Wahrscheinlich eine Kombination aus Unwissenheit und Sensationsgier. Das zweite dürfte überwiegen, denn man hätte ja mal jemanden fragen oder googeln können. Tepco veröffentlicht täglich die Meßwerte an verschiedenen Kontrollstellen. Da das Internet nicht vergisst, kann man die Entwicklung gut nachvollziehen. Fukushima ist eben nicht Tschernobyl! Die Meßwerte haben sich nicht verändert. In letzter Zeit ist lediglich eine Interpretation durch Laien hinzugekommen.

Tepco hat neben der Nuklidzusammensetzung der Wässer und der γ-Strahlenbelastung auch einen Wert für die β-Strahlung angegeben. Wie schon weiter oben gesagt, wird β-Strahlung durch Luft sehr stark abgeschirmt. Die Meßwerte werden von Tepco in einem Abstand von 70 μm gemessen. Das Abwasser in den Tanks hat β-Werte von 1,8 bis 2,2 Sv/h. Solch hohe Werte bedeuten für einen Fachmann nur eins: Paß auf, daß du diese Brühe nicht ins Auge kriegst, sonst könntest du dein Augenlicht (Linsentrübung) verlieren! Mehr aber auch nicht. Selbst bei längerer Einwirkung auf der Haut, würde sich lediglich eine Hautrötung ergeben. Solange man die Pfütze nicht austrinkt, besteht keine Gefahr. Noch einmal in aller Deutlichkeit: Es gibt keine tödliche Dosis für eine äußerlich wirkende β.-Strahlung. Schon der Schmerz durch den „Sonnenbrand“ würde jeden Menschen genug Zeit lassen, sich zu entfernen.

Das Tanklager

Bei dem betreffenden Tanklager handelt es sich um „mobile“ Tanks, die eiligst aufgestellt und teilweise sogar umgesetzt wurden. Sie sind aus einzelnen, gebogenen Segmenten zusammengeschraubt. Um sie überhaupt wasserdicht zu bekommen, sind in die Fugen Gummidichtungen eingelegt. Eine solche Konstruktion, in so hoher Stückzahl, bei den lokalen Wetterverhältnissen (große Temperaturschwankungen, Taifune, Erdbeben etc.) kann nicht über längere Zeit dicht bleiben. Ständige Leckagen waren vorhersehbar.

Die in den Medien angegebene Menge von 300 m3, die ausgelaufen sein sollen, ist mit Vorsicht zu genießen. Geht man in die Originalangaben von Tepco, handelt es sich eher um eine Abschätzung. Es wurde in einem Tank eine Absenkung des Flüssigkeitsspiegels um etwa 3 m gegenüber seinen Nachbartanks festgestellt. Keiner weiß genau, ob er jemals ganz voll war, wieviel verdunstet ist usw. Es wurde Wasser aus der Auffangwanne um den Tank abgepumpt, aber nicht so viel. Nach Tepco etwa 4 m3 (!) bis zum 20. August. Der Rest „könnte“ im Boden versickert sein. Die in den Medien gemachte Aussage, es seien 300 m3 verseuchtes Wasser in den Ozean gelangt, ist so nicht haltbar und eher durch Meßwerte entkräftet. Erst recht nicht, daß die in dem Wasser enthaltene Radioaktivität dorthin gelangt ist. Der Boden wirkt in jedem Fall als Filter und Ionentauscher.

Als Gegenmaßnahmen wurden jetzt (!!) alle Ablaufventile in den Auffangwannen geschlossen. Es wurden unter alle Leckstellen Absorptionsmatten ausgelegt, um zukünftig besser kontrollieren zu können, wieviel Wasser ausgelaufen ist und ob etwas versickert ist. Nach dem Umpumpen des schadhaften Tanks soll die Wanne mit einem Hochdruckreiniger gereinigt werden und eine 50 cm Bodenschicht am Auslaufventil abgetragen werden. Der verseuchte Bodenbereich wurde mit Gummimatten und Sandsackbarrieren gesichert, damit kein verseuchtes Wasser (Regen) in die Entwässerungssysteme gelangen kann.

Als die wirksamste Gegenmaßnahme erscheint der gute alte Nachtwächter: Zukünftig geht alle drei Stunden eine Fußstreife kontrollieren.

Woher kommt das Wasser in den Tanks?

Nach wie vor müssen alle drei Reaktoren gekühlt werden. Dazu wird ständig Wasser in die Reaktorgefässe gepumpt. Durch die Leckagen in den Steuerstabführungen etc. fließt das Wasser in einem offenen Kreislauf in die Kellerbereiche des Kraftwerks. Dort vermischt es sich mit eindringendem Grundwasser und wird abgepumpt und einer Aufbereitung zugeführt. Das Grundwasser ist Brackwasser, wodurch der Salzgehalt im Rücklauf größer wird. Die Aufbereitung erfolgt zur Zeit in zwei Schritten: Dem SARRY-Verfahren und einer Umkehrosmose. In der SARRY-Stufe wird durch Adsorption (vor allem) Cäsium und weitere 60 Spaltprodukte (teilweise) abgeschieden. Die Umkehrosmose entspricht einer Meerwasserentsalzungsanlage: Es entsteht ein Wasserstrom „reines“ Wasser, welches wieder zur Kühlung in die Reaktoren eingespeist wird und ein „Konzentrat“, welches ins Tanklager geht. Ein typisches Meßprotokoll vom 9. 8. 2013 zeigt folgenden Verlauf: Das Wasser kommt beispielsweise mit 56000 Bq/cm3 Cs137 aus dem Keller in die Anlage rein. Dort wird soviel Cäsium abgeschieden, daß es die SARRY-Stufe im Mittel mit 1,3 Bq/cm3 verläßt. Nach der Umkehrosmose ergibt sich ein Reinwasserstrom mit einem Gehalt unter der Nachweisgrenze, aber ein Konzentrat mit 2,7 Bq/cm3 Cs137 für die Tankanlage. Am Rande bemerkt sei, daß der Wert für Cs137 für Trinkwasser nach internationalem Standard 10 Bq/Liter maximal betragen soll. Man könnte jetzt also mit fug und recht sagen, daß das Wasser im Tanklager 270 mal den Grenzwert für Trinkwasser übersteigt. Hört sich doch gleich viel gefährlicher an, nicht wahr?

Die Brennelemente sind durch das Unglück zerstört worden und teilweise wahrscheinlich aufgeschmolzen und wieder erstarrt. Sie haben jedenfalls keine Schutzhülle mehr und befinden sich auch nicht mehr in ihrem ursprünglichen (sehr widerstandsfähigen) chemischen Zustand. Das „Reinwasser“ zur Kühlung wird sie deshalb beständig weiter auslaugen. Es kann auch kein Gleichgewichtszustand angestrebt werden, solange das Wasser immer noch über die zerstörten Keller abfließen muß. Solange es nicht gelingt einen geschlossenen Kühlkreislauf zu bauen, hat man eine „ständige Quelle“ für verseuchtes Wasser. Ziel muß es daher sein, so schnell wie möglich, den alten Brennstoff aus den Reaktoren zu entfernen. Das ist aber leichter gesagt, als getan. Insofern ist es folgerichtig, mit Hochdruck eine stationäre Wasseraufbereitung zu bauen. Es wird noch eine erhebliche Menge mittelaktiven Abfalls anfallen, denn mit der Entfernung aus dem Wasser ist es nicht getan.

Einfach ins Meer kippen?

Manche Kritiker von Tepco schlagen nun eine radikale Lösung vor: Anstatt immer mehr Tankanlagen zu bauen, einen Tanker chartern und das radioaktive Wasser auf hoher See verklappen.

Radioaktive Materialien sind keine Bakterien oder Viren. Eine Vermehrung ist ausgeschlossen. Sie werden einfach nur weniger. Ferner bestimmt immer die Dosis das Gift. Je stärker man die radioaktive Lösung verdünnt, um so ungefährlicher wird sie. Setzt man sie weit genug draußen frei, ist eine Anreicherung über die Nahrungskette, auf für den Menschen schädliche Konzentrationen, ausgeschlossen. Übrigens genau die Lösung, die die Sowjetunion für die Entsorgung ihrer Atom-U-Boote gewählt hatte.

Ob man nun das Meer als Müllkippe nutzen sollte, ist eher eine ethisch-moralische oder juristische Frage. Die Naturwissenschaft kann allenfalls bei der Beantwortung helfen. Das Meer ist ist mit einem Volumen von über 1,5 Milliarden Kubikkilometern gigantisch groß. Zwar gibt es bedeutende regionale Unterschiede (z. B. Mittelmeer und offener Atlantik) und insbesondere sehr unterschiedliche Lebenswelten (Korallenriff bis Tiefseewüste), trotzdem ist es in seiner chemischen Zusammensetzung erstaunlich homogen. So enthält jeder Kubikmeter Meerwasser rund 433 Milligramm Uran, was eine Gesamtmenge von 5 Milliarden Tonnen gelösten Urans ergibt. Einschließlich der natürlich entstehenden Spaltprodukte, eine Menge Radioaktivität. Allein die Menge des gelösten radioaktiven K40 (Kalium hat auch jeder Mensch in seinen Knochen; „eigene Strahlung“ etwa 0,17 mSv/a) beträgt 530 Milliarden Curie (1 Cu ist die Aktivität von einem Gramm Radium oder 37 GBq). Das ist für sich eine gewaltige Menge Radioaktivität – aber eben fein verteilt. Es gibt aber durchaus auch Unterschiede: Die Konzentration im Golf von Mexiko ist höher – eine Folge der Zahlreichen Öl- und Gasbohrungen dort.

Nach Schätzungen verschiedener unabhängiger Institutionen (Tokyo University of Marine Science, Woods Hole Oceanographic Institution, National Oceanography Centre in Southampton etc.) werden etwa 0,3 TBq monatlich durch Fukushima ins Meer abgegeben. Die auf Messungen und Ausbreitungsrechnungen beruhenden Werte, bewegen sich in einer Bandbreite von 0,1 bis 0,6 TBq. Ist das nun sehr viel? Allein durch die Wasserstoffbombentests in den 1960er Jahren wurden im nördlichen Pazifik mehr als 100.000 TBq Cs137 eingetragen. Die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield hat in 40 Jahren 39.000 TBq in die Nordsee abgegeben.

Die bisher höchsten Werte im Seegebiet zwischen 30 und 600 Kilometer vor Fukushima wurden 3 Monate nach dem Unglück gemessen. Es ergaben sich 3 Bq/Liter Cs137 . Im gleichen Zeitraum wurde ein natürlicher Eintrag von 10 Bq/Liter K40 gemessen. Schön, daß uns die Meßtechnik erlaubt, notfalls auch noch einzelne Kerne festzustellen.

Anreicherung über die Nahrungskette

Ist seit Beginn der „Anti-Atomkraft-Bewegung“ immer das schärfste Schwert in jeder Diskussion. Leider ist es nur sehr eingeschränkt und mit Vorsicht zu gebrauchen. In der Wissenschaft wird sie über das Verhältnis der Konzentration in der Umgebung zu der im Lebewesen bestimmt. Plankton reichert z. B. die Radioaktivität rund 40-fach an. Aber schon in den nächsten Schritten der Nahrungskette wird die Konzentration wesentlich geringer. Sie ist keinesfalls additiv. Biologie ist halt komplizierter. Zudem ist jedes Lebewesen für unterschiedliche Nuklide auch unterschiedlich selektiv. Wir erinnern uns noch an die Empfehlung nach Tschernobyl, nicht zu viel Pilze zu essen. Nebenbei gesagt, haben wir durch den „Praxistest“ Tschernobyl eine Menge über solche Ketten lernen können.

Wie schön, daß nun auch schon eine Auswirkung von Fukushima über den Pazifik bis nach Kalifornien festzustellen ist. Es ist nichts so schlecht, daß es nicht zu irgendetwas nützlich ist. Der „Nuklidcocktail“ von Fukushima dient nun dazu, die Wanderwege des von der Ausrottung bedrohten blauen Thunfisch zu erforschen. Nach Veröffentlichung erster Ergebnisse, waren sofort die Panikmacher zur Stelle und sahen sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Ergänzung der Wissenschaftler ging natürlich bei den Medien verloren: Ein Erwachsener müßte 2,5 bis 4 Tonnen pro Jahr von diesem Thunfisch essen, um überhaupt auf den zulässigen Grenzwert zu kommen. Dieser ist aber noch weit von jeglicher Schädigung entfernt, sonst wäre es ja kein Grenzwert. Feststellbar, ist eben noch lange nicht schädlich.

Wer Angst vor „von Fukushima verseuchtem Tunfisch “ hat, sollte besser gar keinen Fisch essen. In jedem Fisch kann man unter anderem Po210 mit einer zigfach höheren „Strahlenbelastung“ nachweisen. Es stammt aus der natürlichen Zerfallskette des im Meerwasser gelösten Urans. Es ist nur etwas schwieriger nachweisbar, da es sich um einen α-Strahler handelt. Deshalb wurde 2006 auch der Putingegner Alexander Litwinenko damit in London ermordet.

Das ewige Wasserproblem

In der letzten Zeit schien es etwas still um Fukushima geworden zu sein. Es passiert einfach zu wenig für deutsche „Qualitätsmedien“: Immer noch keine Vögel mit drei Flügeln oder vergleichbares in Sicht. Das einzige, was sich bietet, ist „radioaktiv verseuchtes Wasser“. Bischen Radioaktivität geht halt immer, auch in einem ansonsten langweiligen Wahlkampf.

Was geschah

Das Erdbeben mit seinem Tsunami hat nicht nur das oberirdische Kraftwerksgelände verwüstet, sondern auch unterhalb erhebliche „Veränderungen“ bewirkt. Die gesamte Küstenlinie, auf der das Kraftwerk steht, ist heute etwa einen Meter tiefer gelegen! Für uns Mitteleuropäer, ist so etwas kaum vorstellbar. Logisch ist allerdings, daß nach einem so gewaltigen Schlag, auch unterhalb der Erde nichts mehr so ist, wie es vorher war. Rohre sind geborsten (auch Kernkraftwerke haben Toiletten und Trinkwasseranschlüsse), Kellerwände rissig geworden und Grundwasserleiter verändert. Es mag sich simpel anhören, aber auch der Grundwasserspiegel liegt nun entsprechend höher, da ja der Meeresspiegel gleich geblieben ist. Alles zusammen, führt zu einem beständigen Eindringen von Grundwasser in die „unterirdischen“ Bereiche des Kraftwerks. Bei einer solchen Gemeinschaftsanlage (vier Reaktoren in einer Reihe nebeneinander) kamen noch etliche – teilweise begehbare – Verbindungstunnel hinzu. Nebenbei gesagt, wäre eine solche Konstruktion in (der Bundesrepublik) Deutschland nie genehmigungsfähig gewesen. Trotzdem hat eine ehemalige Pionierleiterin – erfolgreich nach dem Beifall einschlägiger Kreise heischend – aus diesem Unglück den Schluß gezogen, Kernkraftwerke in Deutschland sofort abzuschalten. Vielleicht war es für sie ja wirklich ein verspäteter Beitrittsschock, daß ein solches „Reaktorunglück in einem Hochtechnologieland, wie Japan“ möglich war. Vor der Einfalt jedenfalls, konnte der „Anti-Faschistische-Schutzwall“ offensichtlich auch nicht bewahren.

Der aktuelle Vorfall

Wieder einmal ist eine Leckage bei den Abwassertanks aufgetreten. Diese Zwischenlagerung radioaktiven Wassers entwickelt sich zu einem Dauerbrenner. Bei dem betroffenen Tanklager handelt es sich um 26 genietete Tanks mit jeweils 1000 m. Inhalt. Sie sehen schon so aus, als wenn sie mindestens aus der Vorkriegszeit stammen. Das Tanklager befindet sich auf einem Hügel, etwa 500 m vom Kraftwerk entfernt. Weil die Nähte bereits mehrfach undicht wurden, hat man um jeden Tank ein Auffangbecken aus Beton gebaut. Die Becken hätten auch problemlos das auslaufende Wasser vollständig zurückhalten können, wenn nicht die Überläufe (gegen starke Regenfälle; Taifungebiet) geöffnet gewesen wären! So ist ein Teil ausgelaufen und im Boden versickert. An dieser Stelle ist nun ein Bodenaustausch notwendig. Alles in allem, ein eher peinlicher Vorfall. Für deutsche „Qualitätsmedien“ ein gefundenes Fressen. Aus dem meldepflichtigen Vorfall nach Kategorie 1, wird flugs eine „nukleare Katastrophe“. Ob das einfach nur mangelnde Sachkenntnis oder schiere Boshaftigkeit ist, mag der Leser selbst entscheiden.

Der Weg des Wassers

Nach Schätzungen von TEPCO fließen jeden Tag etwa 1000 m3 Wasser aus den umliegenden Hügeln durch das Kraftwerksgelände. Davon fließen etwa 300 munkontaminiert ins Meer. Weitere 300 m3 fließen unterhalb des Geländes und mischen sich mit dem Grundwasser, welches durch Ebbe und Flut mit dem Hafen ausgetauscht wird. Diese Menge ist entsprechend radioaktiv belastet. Die restlichen etwa 400 m3 dringen durch diverse Risse in die Kanäle, Keller etc. ein und müssen ständig abgepumpt und gelagert werden.

Mit der radioaktiven Belastung ist das so eine Sache: Im Hafen wird praktisch nur Tritium festgestellt. Dies ist auch keinesfalls verwunderlich. Bodenschichten wirken wie Filter, die radioaktive Partikel zurückhalten. Jeder Boden ist ein – mehr oder weniger guter – Ionentauscher, in dem die meisten radioaktiven Stoffe gebunden bleiben und allenfalls nur sehr langsam wieder abgegeben werden. Lediglich Tritium (ein Wasserstoffisotop) bildet „strahlendes“ Wasser und fließt ungehindert mit ins Meer. Die Mengen sind jedoch so gering, daß sie schon außerhalb des Hafens unter der Nachweisgrenze liegen.

Die im Boden gebundene Radioaktivität dürfte wohl kaum in die Biosphäre gelangen. Bei dem Grundwasser im Gelände handelt es sich um Meer- bzw. Brackwasser. Die Nahrungskette über Pflanzen und Tiere dürfte kaum wirksam werden. Sind die Stoffe nicht oder nur schwer löslich, verbleiben sie im Boden. Sind sie leicht löslich, werden sie im offenen Meer sehr schnell verdünnt und stellen somit auch kaum ein Strahlenrisiko dar. Die ohnehin im Meer vorhandenen radioaktiven Stoffe (Uran, Kalium etc.) überwiegen.

Die Gegenmaßnahmen

Es sind zwei Quellen zu verstopfen: Der Zufluß von Grundwasser auf das Gelände und die Leckagen aus den Reaktoren. Als weitere Maßnahme bietet sich die Abdichtung gegen das Meer an.

Die Eindämmung des Zuflusses von Grundwasser ist schon recht weit fortgeschritten. Man führt oberhalb des Geländes eine permanente Grundwasserabsenkung mit Brunnen durch und hat Bypässe geschaffen, die das Regenwasser an dem Gelände vorbei führen. Durch diese Maßnahmen hat sich der Zufluß von Grundwasser in die Gebäude beträchtlich verringert. Hafenseitig ist eine Abdichtung der wasserführenden Schichten in Arbeit und ebenfalls eine Grundwasserabsenkung mit 30 Pumpen im Bau. Durch die Kombination aus Verstopfung der porösen Schichten mittels Wasserglas und Grundwasserabsenkung soll der Wasseraustausch mit dem Hafen unterbrochen werden. Zur Zeit wird der tägliche Austausch auf 35 m3/Tag geschätzt. Ferner wird untersucht, ob es sich lohnt, den Boden unterhalb des kompletten Kraftwerks bis in eine Tiefe von 40 m einzufrieren. Dieser Eisblock würde eine sichere Abdichtung herstellen, die für die gesamte Zeit bis zu einem sicheren Einschluß(geschätzt 10 Jahre) aufrecht erhalten werden könnte. Dieses Verfahren wird z. B. im Tunnelbau seit Jahrzehnten genutzt.

Der Eispanzer würde gleichzeitig das Auslaufen von radioaktivem Wasser aus den Gebäuden und das Eindringen von Grundwasser verhindern. Viel schwieriger ist die Bekämpfung der Quelle: Letztendlich muß sie durch die Entfernung des Brennstoffes aus den Reaktorruinen beseitigt werden. Bis dahin, müssen die Leckagen im Sicherheitsbehälter gefunden und abgedichtet werden.

Inzwischen weiß man, daß der größte Teil der Lecks unterhalb des Wasserstandes im Sicherheitsbehälter liegt. Das erschwert die Sache erheblich: Das Wasser ist trübe und an diesem Ort herrscht eine sehr hohe Strahlung. Die Arbeiten können deshalb nicht durch Menschen ausgeführt werden. Außerdem müssen die Abdichtungen in strömendem Wasser durchgeführt werden, da bis auf weiteres, die Kühlung der Brennelemente gewährleistet bleiben muß. Wenn es gelingt, den Ringraum der Kondensationskammer und den unteren Teil des Reaktordruckbehälters abzudichten, kann kein radioaktives Wasser mehr in das Gebäude auslaufen und man erhält wieder einen einfach kühlbaren „geschlossenen Kreislauf“. Bisher existieren aber bestenfalls Ansätze einer Lösung.

Das radioaktive Wasser

Inzwischen lagern bereits große Mengen kontaminierten Wassers auf dem Gelände. Bis zum Jahr 2015 rechnet man mit 700.000 m3. . Die Bandbreite geht dabei von stark belastet, bis kaum noch belastet. So hat man eine Pfütze gefunden, die mit 100 mSv pro Stunde gestrahlt hat. Zur Zeit wird von Toshiba eine MRRS (Multi Radionuclide Removal System) Anlage errichtet. Sie wird das Wasser voll entsalzen und soll die radioaktiven Stoffe bis unter die Nachweisgrenze entfernen. Eine eher fragwürdige Angelegenheit. Trinkwasserqualität täte es auch. Von handelsüblichen Mineralwässern gar nicht zu reden. Aber die Japaner scheinen in eine Art von Büsserritual verfallen zu sein. Dies zeigt sich schon bei der Dekontaminierung der derzeitigen Sperrbezirke. Eine Rückkehr ist nur erlaubt, wenn die Dosisleistung kleiner als 20 mSv/Jahr ist. In vielen Gegenden Japans ist die natürliche Strahlenbelastung höher. Vielleicht sollte man aber einfach nicht vergessen, daß so niedrige Grenzwerte zu Milliardenumsätzen bei einschlägig tätigen Firmen führen.

Fukushima, zwei Jahre danach

Jahrestage dienen immer der Erinnerung und der Bilanzen. So auch im Falle des Reaktorunglücks in Fukushima. Zahlreiche Veröffentlichungen sind bisher erschienen. Nach zwei Jahren erscheint es an der Zeit, die ersten grundsätzlichen Konsequenzen zu ziehen.

Was geschah

Vor zwei Jahren erschütterte ein selten starkes Erdbeben den Norden der japanischen Inseln. Erdbeben sind in Japan Routine. Was allerdings überraschte, war die Schwere und der Ort des Geschehens: Ein solch schweres Beben hatte man in absehbarer Zeit eher im Süden erwartet. Die Folge dieses küstennahen Bebens war ein außergewöhnlich heftiger Tsunami. Auch das nicht selbstverständlich für ein Meeresbeben. Alles in allem, eher ein Jahrtausendereignis. Gleichwohl bekannt, wenn auch selten. Geologen kannten mehrere Ereignisse mit hohen Flutwellen in dieser Gegend in den letzten Jahrtausenden. Die Flutwelle überspülte das gesamte Kraftwerk und zerstörte dabei alle Außenanlagen. Die Bedienungsmannschaft gehörte zu den wenigen, die mangels geeigneter Kommunikationsmittel die Warnungen vor dem Tsunami gar nicht mitbekommen haben. Wertvolle Zeit zwischen den Erdstößen und der Flutwelle ist verstrichen und es wurden sogar unangemessene Entscheidungen gefällt. Die Wasserwand traf das Kraftwerk und seine Mannschaft unerwartet und mit unvorstellbarer Gewalt. Wie war es möglich, daß ein Kernkraftwerk buchstäblich überrollt werden konnte? Es war ganz einfach auf zu niedrigem Grund gebaut worden. Man hatte sogar während der Bauzeit noch Gelände abgetragen, um die Baustelle einfacher zu gestalten. Es wurden zwar anschließend Flutmolen gebaut, aber leider viel zu niedrig. Man wußte das seit langem, hatte aber auf „kleine Wellen“ gewettet, da das Kraftwerk ohnehin in einigen Monaten still gelegt werden sollte. Hinzu kam eine von sich aus schon nicht besonders robuste und veraltete Konstruktion und eine im Laufe der Jahrzehnte nicht mehr besonders geschulte Mannschaft. Solche Ketten sind leider nicht außergewöhnlich: Viele – für sich genommen unbedeutende Fehlentscheidungen – können sich in einem Unglücksfall zur Katastrophe auswachsen. Es entstand ein immenser materieller Schaden. Die Kosten übersteigen (damals) notwendige Investitionen um Größenordnungen.

Entweder man macht es richtig oder man läßt es bleiben

Die Standortbedingungen waren sehr genau bekannt. Ein „wird schon gut gehen“, darf es in der Kerntechnik nicht geben. Ein Kernkraftwerk hätte an diesem Standort besser nicht gebaut werden sollen. Da man es trotzdem gemacht hat, hätte man es gegen solche Flutwellen sichern müssen. Spätestens nach Tschernobyl war bekannt, daß es nicht besonders schlau ist, einen Reaktor in eine einfache Industriehalle zu stellen. Hätte das Kraftwerk eine übliche Betonhülle gegen Einwirkungen von außen gehabt, wäre es durch eine „kleine“ Wasserstoffexplosion nicht in sich zusammengefallen. Die Lagerbecken für Brennelemente wären heute nicht mit Bauschutt verschüttet und hätten längst geleert werden können. Ebenso fragwürdig ist der Bau „Wand an Wand“ von Reaktoren, die über zahlreiche Keller, Gänge und Rohrleitungen so miteinander verbunden sind. Wie sich gezeigt hat, können sich im Schadensfall schädliche Gase und radioaktive Flüssigkeiten ungehindert ausbreiten.

Schon Anfang der 1970er Jahre wurde das sehr geringe Volumen des Sicherheitsbehälters bei diesem Reaktormodell kritisiert. Man forderte deshalb Druckentlastungsventile, über die ein etwaiger Überdruck kontrolliert abgebaut werden könnte. Politisch tat man sich damit sehr schwer: Der Sicherheitsbehälter sollte doch eine Freisetzung von Radioaktivität verhindern. Jetzt sollte er geöffnet werden? Dies glaubte man der Öffentlichkeit nur schwer verständlich machen zu können. Ähnliches galt für das Betriebspersonal: Seine wichtigste Aufgabe ist es, die Freisetzung von Radioaktivität zu vermeiden. Was würde mit ihm geschehen, wenn es das Ventil zu „leichtfertig“ öffnen würde?

Spätestens nach dem Unfall in Harrisburg war es eine Tatsache, daß Brennstäbe trocken fallen können und es dann zur Bildung von Wasserstoff kommen kann. Um eine Explosion im Sicherheitsbehälter zu verhindern, wurde dieser während des Betriebs mit Stickstoff gefüllt. Tritt aber nach der Bildung von Wasserstoff, Gas aus dem Sicherheitsbehälter aus, kann es an der frischen Luft zu einer Explosion kommen. Alles seit Jahrzehnten bekannt und durch Experimente bestätigt.

Die Hauptursache war jedoch der Ausfall der Stromversorgung über eine zu lange Zeitdauer. Durch die Flutwelle war großflächig das Stromnetz zerstört. Das Kraftwerk hätte sich also mehrere Tage selbst versorgen müssen. Da das Einlaufbauwerk mit den Kühlwasserpumpen zerstört war, war mangels Kühlung eine Eigenversorgung des Kraftwerks unmöglich. Die Flutwelle hatte nicht nur die Notstromdiesel außer Gefecht gesetzt, sondern auch einen „großen Kurzschluß“ in den Schaltanlagen verursacht. Unmittelbare Hilfe von außen (z. B. Feuerwehr, Fachleute usw.) war erst später möglich, da die gesamte Infrastruktur im Bezirk großflächig und gründlich zerstört war. Die Betriebsmannschaft mußte sich im entscheidenden Zeitraum mit Batterien und Taschenlampen „durchwursteln“. Eine Situation, die (bislang) in keinem Handbuch beschrieben war. Das alles unter einer enormen psychischen Belastung: Es war sehr schnell klar, wie zerstörerisch dieser Tsunami gewesen sein mußte und fast alle hatten ihre Familien in den nahe gelegenen Orten. Diese Kombination von totalem Stromausfall und schweren Schäden im eigenen Kraftwerk, bei gleichzeitiger Isolation von der Außenwelt, hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

Das Positive am Unfall

Der Tsunami in Japan war eine der verheerendsten Naturkatastrophen, die ein Industrieland je getroffen hat. Schon die hohe Zahl an Toten und Vermissten spricht für die enorme Gewalt und Ausdehnung. Trotzdem sind nur vier von über fünfzig Reaktoren Totalschaden. Der überwiegende Teil ist nur leicht oder gar nicht beschädigt worden. Selbst bei dem schweren Unfall in Fukushima, ist kein Mensch durch Strahlung schwer geschädigt oder gar getötet worden. Insgesamt ein sehr positives Ergebnis. Bei Kernkraftwerken handelt es sich offensichtlich um recht robuste Anlagen.

Besonders positiv ist, daß eine deutliche Lernkurve zu verzeichnen ist: Je jünger die Anlagen, um so geringer die Schäden. Selbst die Kraftwerke der 1960er Jahre, die aus heutiger Sicht eine Menge Nachteile aufweisen, hatten so viele eingebaute „Sicherheiten“, daß sie zwar einen solchen Tsunami nicht überstanden haben, aber trotzdem nur eine geringe Gefährdung ihrer Umwelt darstellen.

Die Japaner sind tatkräftig dabei, ihr „Missgeschick“ in eine Chance umzuwandeln: Haben sie bereits mehrfach den Beweis geliefert, daß sie erfolgreich Kernkraftwerke in Erdbebenregionen bauen und betreiben können, sind sie jetzt dabei, der Welt zu zeigen, wie man mit einer „Nuklearkatastrophe“ verantwortungsvoll umgeht. Die Ruine wird zielstrebig und umweltschonend beseitigt. Und dies geschieht alles öffentlich und unter „kritischer Begleitung“ unserer „Atomkraftgegner“, die ihr Geschäftsmodell der Verbreitung von Angst langsam schwinden sehen. Die Story von „Millionen Toten, für zehntausende Jahre unbewohnbar“ hat sich als schlechte Propaganda erwiesen. Schlecht deshalb, weil inzwischen von jedem als maßlose Übertreibung erkennbar.

Lehren, die gezogen werden müssen

Fukushima hätte nicht passieren müssen. Dies ist die einhellige Schlussfolgerung in allen bisherigen Untersuchungsberichten. Wie aber, konnte es geschehen, daß man das Risiko einer bekannt hohen Flutwelle förmlich ausblendete? Seit der Planung, wurde immer wieder von namhaften Geologen (keine selbsternannten „Atomexperten“) auf die mögliche Höhe einer Flutwelle an diesem Standort hingewiesen. Bei dem Kraftwerk in Fukushima handelte es sich um eine veraltete Konstruktion. Allein in den USA sind von diesen „alten Typen“ noch über 30 Stück in Betrieb. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die konstruktiven Schwachstellen wurden herausgearbeitet und durch Nachrüstmassnahmen zumindest entschärft. Gleiches geschah z. B. in Schweden.

In Japan hat die „Atomaufsicht“ völlig versagt. Schlimmer: Wie man sich heute eingesteht, mußte sie versagen, weil sie von ihrer Konzeption her so angelegt war. Der japanische Staat ist vom Selbstverständnis her, ein fürsorglicher Staat. Er ist für das Wohl der Nation maßgeblich verantwortlich und sorgt deshalb für die ausreichende und sichere Versorgung mit Energie. Insofern war es in sich logisch, auch die Kernenergie von der Planung bis zum Betrieb möglichst eng zu verknüpfen. Anfangs ein Erfolgsrezept, denn Kerntechniker sind nicht per Knopfdruck zu erschaffen. Schon die Ausbildung dauert überdurchschnittlich lang und erfordert spezielle Qualifikationen. Heute spricht man treffend vom „Nuclear Village“ in Japan, in dem jeder mit jedem irgendeine Beziehung unterhält. Dieses System gipfelt im „Amakudari“ (etwa: vom Himmel herabsteigen) japanischer Behörden. Damit ist gemeint, daß Staatsbedienstete vor dem endgültigen Ruhestand noch einmal in die Privatwirtschaft wechseln um „richtig Geld zu machen“. Sie nutzen dann für ihre neuen Dienstherren ihre „Behördenerfahrung“ und ihre Kontakte. Man kann sicherlich nicht erwarten, daß solche „Kontrolleure“ ihre zukünftigen Brötchengeber durch „Übereifer“ verprellen wollen. Außerdem versucht man eine Lösung für die häufige Rotation zu finden. Für japanische Beamte ist alle zwei bis drei Jahre eine Versetzung üblich. Damit ist eine „Waffengleichheit“ bei der fachlichen Qualifikation zwischen Prüfer und Antragsteller kaum möglich. Dem Beamten bleibt aus Unsicherheit meist nichts anderes übrig, als dem Antragsteller in seiner Argumentation zu folgen. Nur so ist es erklärlich, warum z. B. die Anwendung der Wahrscheinlichkeitsanalyse so lange in Japan immer wieder verhindert werden konnte. Ein Beamter liebt keine Unsicherheiten, sondern wird immer einen konkreten Zahlenwert aus irgendeiner Vorschrift bevorzugen.

Bevor an dieser Stelle das Gefühl aufkommt, in Deutschland sei alles besser, nur mal einige Denkanstöße: Glaubt wirklich jemand, daß in Deutschland ein „Karrierebeamter“ noch wagt, ausschließlich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen den Salzstock in Gorleben zu beurteilen, wo doch politisch alles auf „Anti-Gorleben“ gebürstet ist? Wo war der Aufschrei, als unter Rot-Grün systematisch Aufsichtsbehörden mit „kritischen Wissenschaftlern“ (ein Synonym für nachweislich fachlich unqualifiziert, aber mit richtiger politischer Gesinnung) in Führungspositionen besetzt wurden? Wer sollte heute noch Forschungsgelder für kerntechnische Fragestellungen beantragen, wo der „Atomausstieg“ doch beschlossene Sache ist und Forschungsgelder eher für „Gender-Problematik“ abzugreifen sind? Hier geht es nicht um einzelne Personen, sondern um Strukturen, die absehbar (wieder) in die Katastrophe führen. Ideologische Vorgaben und Wissenschaft schließen sich grundsätzlich aus.

Selbst im angeblichen Mutterland des Kapitalismus scheint einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein. Zwar haben die USA eine ziemlich unabhängige und selbstbewusste „Atomaufsicht“, aber diese werkelt in Stundenlohnarbeit, zum Stundensatz von knapp 300 $, bei Genehmigungen jahrelang vor sich hin. Dort sitzen auch die Spezialisten, die sich beispielsweise ihr halbes Leben mit Rohren bei Dampferzeugern von Druckwasserreaktoren beschäftigt haben und deshalb auch die verwickelsten Fälle (San Onofre) in kurzer Zeit lösen. Aber mal ehrlich, wer möchte diesen Damen und Herren in Stundenlohnarbeit die Genehmigung eines gasgekühlten Wärmeübertragers vorlegen? Zwar gilt auch hier, die Kosten des einen, sind das Einkommen des anderen, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Unübliche Kosten (alle bauen ja schließlich Leichtwasserreaktoren) lassen sich nicht auf dritte, die Stromkunden, abwälzen. Ein solches System ist extrem innovationsfeindlich. Das hat auch die amerikanische Regierung erkannt und versucht nun durch Milliardenprogramme (z. B. SMR-Reaktoren) diesen Fehler mehr schlecht als recht zu heilen – und was kommt raus? Überraschung: Kleine Druckwasserreaktoren, wie man sie eigentlich schon seit Jahrzehnten für die Marine baut.

Nun haben die USA wenigstens noch die „Nationale Sicherheit“, für die man eigentlich immer Gelder auftreiben kann und weitestgehend ungehindert forschen und entwickeln kann. Oder müssen wir uns doch eher auf „Gelenkte Demokratien“ verlassen, wo ein Diktator, in seiner unendlichen Weisheit, vielleicht doch neue Reaktortypen entwickeln läßt? Auszuschließen ist das nicht. Vielleicht ist es ja ein „Guter Diktator“, der uns an seinem Fortschritt auch noch selbstlos teilhaben läßt. Schließlich wollen unsere „Energiewender“ ja auch die Menschheit retten.

Soll Bürokratie und Planwirtschaft tatsächlich die Antwort auf eines der dringendsten Probleme der gesamten Menschheit sein: Ausreichend preiswerte Energie! Oder ist der „Geist von Cupertino“ nicht viel eher die Antwort? Wieso konnte ein Computerhersteller etliche Milliarden Dollar eigenes (!!!) Geld in die Hand nehmen und gegen den Rat aller „Telefonexperten“ ein völlig neues Telefonkonzept entwickeln? Die Antwort ist einfach: Weil man ihm die Freiheit dazu ließ! Selbstverständlich war er verpflichtet, alle geltenden Vorschriften und Sicherheitsnormen einzuhalten – aber bitte nicht mehr.