Abrüstungsverträge – Schnee von gestern?

In wenigen Wochen (am 2.8.19) läuft der INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty von 1987) sang und klanglos aus. Er hat die Stationierung von Kernwaffen mit mittlerer Reichweite zwischen 500 bis 5500 km erfolgreich verhindert. Kann sich überhaupt noch einer an die harten Auseinandersetzungen um den „NATO-Doppelbeschluss“ erinnern? Eine Million Demonstranten für Abrüstung in Bonn und heute? Es wird Freitags ein bischen gehüpft gegen CO2. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini schwafelt ein bischen gelangweilt daher: „Die nächsten Tage bieten die letzte Chance zum Dialog und dafür, die notwendigen Maßnahmen zum Erhalt dieses wichtigen Pfeilers der europäischen Sicherheitsarchitektur zu ergreifen“. Genau, es ist die gleiche Dame, die das unselige Abkommen mit dem Iran maßgeblich verbockt und die Reaktion der USA offensichtlich völlig falsch eingeschätzt hat. Die Dame scheint – wie die meisten deutschen Politiker auch – keinen Globus zu besitzen, sonst würde sie erkennen, daß Europa unmittelbar davon bedroht wird. Wir Deutschen fürchten uns ja sowieso nur vor diesem Donald Trump; Putin und die Mullahs sind dagegen reine Friedensengel, die doch nur mit uns Geschäfte machen wollen um unseren Wohlstand zu mehren – jedenfalls teilt uns dies all abendlich der Staatsrundfunk mit. Von der Aktuellen-Kamera lernen, heißt siegen lernen….

Gleichzeitig stehen die START und ABM-Verträge (Strategic Arms Reduction Treaty von 1982, 1993, 2011 und Anti-Ballistic Missile Treaty von 1972) zur Disposition. Wird dieses Bündel aufgeschnürt, steht damit die Doktrin von der „Abschreckung durch gesicherte gegenseitige Vernichtung“ ganz grundsätzlich in Frage. Der „Atomkrieg“ wird wieder als führbar erklärt. Eine weitere Illusion der westlichen Welt wird damit brutal hinweg gefegt. Aber damit nicht genug, wenn der New START im Februar 2021 ausläuft, geht es nicht nur um ein paar Interkontinentalraketen. Ganz unmittelbar sind mit ihm die NTM-Verträge (National Technical Means of verification) seit 50 Jahren verknüpft. Ganz einfach gesprochen, geht es darum, keine Satelliten zu stören (jaming), zu täuschen (spoofing) und nicht zu zerstören. Auch hier zündelt Putin ganz gewaltig: Störung der GPS-Signale in Norwegen 2019, Fälschung der Signale im Schwarzen Meer (vorgetäuschte Abweichungen von über 40 km) und vor Wochen Verfälschung der GPS-Signale bei Start und Landung an Flughäfen in Israel. Hier wird eine Büchse der Pandora geöffnet, die in unserem heutigen Kommunikationszeitalter noch viel zerstörerischer sein könnte.

Wohin die Reise geht, erkennt man daran, daß nun auch noch das Teststoppabkommen CTBT (Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty) unterlaufen wird. Es wurde 1996 von Bill Clinton unterzeichnet, aber nie vom US-Senat ratifiziert. Es war wegen seiner Schwächen ebenso umstritten, wie das Iran-Abkommen (JCPOA Joint Comprehensive Plan of Action). Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen und welche Interessen stehen dahinter?

Die veränderte Welt

Während des „Kalten Krieges“ war die Welt übersichtlich und einfach strukturiert: Es gab die zwei Blöcke USA und Sowjetunion. Beide Parteien konnten sich an einen Tisch setzen und ein unterschriftsreifes Abkommen aushandeln. Noch besser: Es war entsprechend detailliert, sodaß es anschließend auch ratifiziert werden konnte. Dieser Vertrag war dann das Maß aller Dinge. Jeder Block achtete darüberhinaus darauf, daß „Atommächte“ in seinem Einflussbereich nicht aus der Reihe tanzten.

Dies ist heute völlig anders. Es gibt nicht nur die Staaten, die bereits über Kernwaffen verfügen, sondern unzählige, die danach streben. Aktuell herausragende Problemfälle sind Iran und Nordkorea. Schon diese beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Bei Nordkorea kann man davon ausgehen, daß die Kernwaffen nur der „Verteidigung“ dienen sollen. Die Herrschenden in Nordkorea wollen nicht ernsthaft einen „Atomkrieg“ führen – wohl wissend um die Konsequenzen für das eigene Überleben. Es handelt sich hier eher um „politische Waffen“. Verhandlungen und Abkommen zwischen den betroffenen Staaten erscheinen damit durchaus möglich. Völlig anders verhält es sich mit dem Mullah-Regime des Iran: Dieses Regime ist nicht nur offen imperialistisch und überzieht all seine Nachbarn mit Krieg um die Vorherrschaft über „seinen persischen Golf“ zu erlangen, sondern schlimmer noch, ist von einem mittelalterlichen religiösen Sendungsbewusstsein getrieben. Es gibt bereits heute den Verwendungszweck seiner angestrebten Kernwaffen an: Die Auslöschung des Staates Israel und damit die „Endlösung der Judenfrage“. Selbst eine Abschreckung erscheint völlig sinnlos, wird doch jedes Selbstmordattentat nach deren Glauben mit 72 Jungfrauen im Paradies belohnt. Vor diesem Hintergrund ist es schon bemerkenswert, wie Europa – mit Deutschland wieder einmal vorne-weg-gehend – den US-Sanktionen in den Rückken fällt. Gelingt es nicht, die Mullahs durch Sanktionen in die Knie zu zwingen, ist ein Präventivschlag Israels unvermeidlich. Dann wird sich nur noch die Frage stellen, auf welcher Seite man mit in den Krieg ziehen muß.

Eskalation zur Deeskalation

Es gibt aber noch einen weiteren Problemfall. Putin kehrt wieder zu der Doktrin eines „führbaren Atomkrieges“ zurück. Diesmal verbrämt unter der schwachsinnigen Parole „Eskalation zur Deeskalation“. Er glaubt, wenn Rußland eine kleine Kernwaffe gegen Nato-Truppen einsetzt, wird die Nato einknicken und nicht mit einem großen atomaren Gegenschlag antworten. Putin ist – im Aktuelle-Kamera-Deutsch würde man sagen – ein unverbesserlicher Revanchist. Er kann den Zerfall seiner geliebten Sowjetunion nicht überwinden und meint immer noch, dies sei ein Werk des bösen Westens und einiger Schwächlinge, wie Gorbatschow und Jelzin geschuldet und nicht ein logischer Zusammenbruch des Sozialismus. Am Ende seiner gefühlt ewigen Herrschaft erkennt er, daß Rußland immer noch ein Schwellenland mit Kernwaffen ist (Nigeria With Nukes), in dem seine neureiche Clique sich lieber Luxusjachten und Fußballvereine im Westen kauft, als ihr (geraubtes) Geld in Rußland zu investieren. Spätestens nach dem Abenteuer in Syrien ist jedem russischen Militär klar, was eine offene militärische Auseinandersetzung mit der Nato für Folgen hätte. Eine Luftabwehr, die lediglich eine Gefährdung der eigenen Luftwaffe (Abschuß eines eigenen Spionageflugzeugs mit 15 Mann Besatzung) und Nachbarländer (Raketeneinschlag auf Zypern) darstellt, ein wie weiland die Kaiserliche Flotte qualmender Flugzeugträger, der nur in Begleitung von Schleppern auslaufen kann und Bomber, die nur mit eingelegtem Autopilot Krankenhäuser zerbomben können. Was in seinem zwanghaften Imponiergehabe übrig bleibt, sind Kernwaffen. Rußland unterläuft sämtliche Abrüstungsverträge und versenkt wieder Unsummen in eine „atomare Aufrüstung“. Zum Glück sind die Militärs in den USA (bisher) nicht auf das Spiel mit begrenzten Kernwaffenschlägen eingestiegen. Man ist dort nach wie vor der Meinung, daß man auf einen Angriff mit „kleinen“ Kernwaffen mit einem vernichtenden konventionellen Gegenschlag antworten könne. Für sie sind die Putinschen Bömbchen so etwas wie die Kamikaze-Flieger des untergehenden Japan. Gleichwohl wären die Hauptleidtragenden die europäische Bevölkerung.

INF-Abkommen

Um so weniger kann man verstehen, warum der Bruch des INF-Abkommens in Europa so klaglos hingenommen wird. Putin protzt unverhohlen mit neuen landgestützten Marschflugkörpern mittlerer Reichweite. Mit ihnen bedroht er von Königsberg aus (die Stationierung von SSC-8s in 2014 war ein eindeutiger Bruch der INF-Verträge) Berlin etc. mit einer nuklearen Auslöschung – nicht etwa New York oder Washington. Die Strategie ist heute wie damals die Gleiche: Erpressung von Europa ohne (gehofft) die Gefahr eines nuklearen Gegenschlages durch die USA. Im Gegensatz zu Helmut Schmidt läßt man heute die Atommacht GB beleidigt aus er EU austreten und die fünfte Kolonne fordert schon wieder lautstark den Abzug von Atombomben von deutschem Boden. Vor einer Teilhabe an Kernwaffen durch die Bundeswehr braucht Putin sich bald ohnehin nicht mehr zu fürchten, da Deutschland demnächst über keine Flugzeuge mehr verfügt, die ihm diese als Antwort entgegen tragen könnten. Deutschland ergibt sich schon, bevor überhaupt der erste Schuß gefallen ist. Aus Putin-Verstehern werden schon bald (zwangsweise) Putin-Willkommenheisser. Was Honnecker nicht vermochte, wird Angela in aller Stille verwirklichen – ein vereinigtes sozialistisches Deutschland von Moskaus Gnaden.

Das Teststoppabkommen

Nun ist das alles aber nicht so ganz einfach. Im Zeitalter der „gegenseitig gesicherten Vernichtung“ ging alles um Megatonnen. Man mußte auf jeden Fall die gegnerischen Städte mit einem Schlag pulverisieren, egal wie genau man traf. Will man einen „führbaren Atomkrieg“, müssen die Sprengkörper flexibel einstellbar sein um den Kollateralschaden möglichst klein zu halten. Das ist aber gar nicht so einfach und erfordert wesentlich mehr Wissen und Aufwand als bei einer Hiroshima- oder Nagasaki-Bombe. Wohl gemerkt, es geht nicht um eine Miniaturisierung, sondern um eine Programmierung der gewünschten Sprengwirkung. Damit sind wir bei der Bedeutung von Kernwaffentests.

Kernwaffen sind recht komplizierte Gebilde. Bis zum heutigen Tage versteht man die physikalischen Abläufe nicht bis ins letzte Detail. Man braucht also Tests ob die Konstruktion überhaupt funktioniert. Diese Tests sind aber jedes mal „echte Atombomben“ mit all ihren zerstörerischen Konsequenzen. Um dieser Zwickmühle zu entkommen, machte man sich schon frühzeitig Gedanken über die Begrenzung von Tests. Es begann eine jahrzehntelange Verhandlungskette: Verbot von Tests in der Atmosphäre, Begrenzung der maximalen Sprengkraft, bis hin zum Teststopp. Leider muß man feststellen, daß sich „Vernunft“ nicht grundsätzlich weiter entwickelt. 1988 war man so weit, daß man auf den Versuchsgeländen von Nevada und Semipalatinsk unter gegenseitiger Beobachtung und wechselseitiger Installation von Meßtechnik, Kernwaffentests durchführte. Diese gegenseitigen Tests dienten der Kalibrierung der Meßtechnik zur Überwachung der Einhaltung der Teststopps und damit zur Vertrauensbildung. 30 Jahre später ist es undenkbar, daß Putin auf seinem Testgelände amerikanische Spezialisten und Meßtechnik zulassen würde. So ist es halt, wenn man einem Geheimdienstoffizier in dritter Generation die politische Verantwortung überläßt….

Der Geist des CTBT

Schon bei der Verhandlung des CTBT (Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty) wurden grundsätzliche Fragen in den USA gestellt:

  • Kann der Bestand an Kernwaffen ohne Testexplosionen gewartet werden? Wie gesagt, man versteht eine Kernwaffenexplosion immer noch nicht bis ins letzte Detail. Es ist aber sicher, daß das Plutonium, der konventionelle Sprengstoff und die Elektronik des Zünders altern.
  • Wie gut können die USA Kernwaffentests erkennen, lokalisieren und identifizieren? Hierfür sind weltweite Messnetze (seismisch, per Satelliten, per Flugzeug etc.), genaue Kenntnisse der Erdschichten, der meteorologischen Verhältnisse etc. und über mögliche Verschleierungstechniken nötig.
  • Was können die USA tun, um den Bestand möglichst nachhaltig zu erhalten (z. B. Wiederverwendung der Spaltstoffe etc.) und welcher technische und politische Aufwand muß betrieben werden um ein internationales Kontrollsystem zu betreiben?
  • Welche Neuentwicklungen von Bauteilen sind unter dem CTBT möglich oder was geschieht, wenn man auf den Zustand vor dem Abkommen zurückkehren muß?

Besonders der letzte Punkt ist höchst aktuell, da man davon ausgehen muß, daß Rußland dieses Abkommen ebenfalls bereits gebrochen oder zumindest überdehnt hat. Wer einen Atomkrieg führen will, braucht andere Kernwaffen, als jemand, der eine gesicherte Vernichtung in einem Zweitschlag garantieren will.

Die Entwicklung von Kernwaffen vollzieht sich heute durch Simulationen auf Super-Computern. Noch immer werden hier die leistungsfähigsten Rechner verwendet. Üblicherweise gibt es erst eine kommerzielle Freigabe, wenn bereits die nächste Generation in Betrieb geht. Nur China kann derzeit bei diesem Rennen überhaupt noch einigermaßen mithalten. Aber mit einer schnellen Maschine ist es noch nicht getan. Man braucht auch noch die (äußerst komplexen) Programme und da geht es nicht wie bei der „Klimafolgen-Abschätzung“ zu: Jede neue Programmversion muß die alten Kernwaffentests nachbilden können. Trotzdem bleibt für jede neue Konstruktion eine Unsicherheit. Dies gilt schon mal für die Plutoniumlegierungen selbst.

Hydronuclear

Man darf zwar keine kompletten Kernwaffen testen, es ist aber durchaus erlaubt, Teile zu testen. Für Tests zur Zündung verwendet man beispielsweise so geringe Mengen Spaltstoff, daß garantiert keine Kettenreaktion (unterkritische Anordnung) ausgelöst werden kann. Die Aggregatzustände (fest, flüssig, gasförmig) hängen von Druck und Temperatur ab. Wenn die Schockwelle des Zünders auf die Probe trifft und sich durch die Probe ausbreitet, ändert sich beständig die Dichte. Wichtige Größen für die Zustandsgleichungen (equation-of-state) zur Simulation. Das alles erfordert eine aufwendige Meßtechnik und ist überdies sehr schmutzig, da Plutonium von der Probe abplatzt und zerstäubt wird. So hat man von dem ehemaligen Testgelände der Sowjetunion (heute Kasachstan) mehrere hundert Kilo waffengrädiges Plutonium aus solchen Tests bei einer Reinigungsaktion 1996–2012 wieder eingesammelt. Man führt deshalb solche Tests unterirdisch in Stollen aus.

Solche Tests sind zur Wartung eines Kernwaffenarsenals ständig nötig. Plutonium altert z. B. durch den radioaktiven Zerfall. Die entstehenden Helium Kerne (α-Strahler) erzeugen beispielsweise Spannungen im kristallinen Gitter der Legierung, die die mechanischen Eigenschaften verändern, wodurch sich der Verlauf der Zündung verändert…

One-Point Safe

Entstanden sind solche Hydronukleare Tests in der Zeit 1958–1961 durch die Frage einer möglichen Selbstentzündung. Kernwaffen sind so gebaut, daß sie nur gewollt gezündet werden können – selbst wenn der Sprengstoff des Zünders ungewollt explodiert. Man definiert eine Kernwaffe als „one-point safe“, wenn sie bei einer ungewollten Explosion mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Fall in einer Million eine (kerntechnische) Sprengkraft von bis zu vier Pfund TNT-Sprengstoff erzeugt. Dies geschah bei einem Zusammenstoß eines B52-Bombers mit seinem Tankflugzeug in der Nähe von Palomares in Spanien 1962. Bei mindestens einer Bombe explodierte der Sprengstoff des Zünders und zerfetzte die Bombe ohne eine Kernwaffenexplosion auszulösen.

Zero-Yield

Man kann sogar Tests mit kritischen Anordnungen durchführen, bei denen durch den Zünder tatsächlich eine Kettenreaktion ausgelöst wird. Diese Versuche sind so ausgelegt, daß dabei nur der Gegenwert von 4gr bis 20gr TNT aus der Kernspaltung stammen. Allerdings liegt genau in dieser Grauzone zwischen „keinem Kernwaffentest“ und „noch Zero-Yield“ die Problematik des Teststopp-Abkommens. Die USA verdächtigen Rußland bereits auch dieses Abkommen gebrochen zu haben.

Es gibt nämlich zahlreiche Tricks die Überwachung zu hintergehen. So ist man sich einig, daß erst Kernwaffentest mit einer Leistung ab 100 to TNT mit den heute üblichen Methoden und Kenntnissen der Testgelände nachgewiesen werden können. Die historische Maßeinheit TNT ist nur eine Krücke zur (groben) Veranschaulichung. Man rechnet einfach die aus der Kernspaltung frei gewordene Energie – je 1000 Kilokalorien pro kg – in Sprengstoff um. Damit ist nicht einmal (Strahlung etc.) die Explosionswirkung richtig erfaßt. Bei konventionellem Sprengstoff breiten sich die Explosionswellen nur kugelförmig aus. Bei einer Kernexplosion überlagern sich die vom Boden reflektierten Wellen: Die zerstörerische Wirkung ist erheblich größer.

Damit kommen wir wieder zum Schwachsinn der „Eskalation zur Deeskalation“ zurück. 100 bis 1000 Tonnen TNT sind schon eine ganze Menge für eine Terrorwaffe bei heutiger Zielgenauigkeit. Insofern liegt Putin nicht ganz falsch. Zumindest für Deutschland mit seiner sprichwörtlichen „Atomangst“ dürften ein paar solcher Bömbchen wohl zur sofortigen Kapitulation führen. Selbstverständlich würden deswegen weder die USA noch Frankreich oder GB Moskau in Schutt und Asche legen. Wir dürften noch sehr unsicheren Zeiten entgegengehen.

Neutronen als Spürhund

Neutronen sind schon seltsame Geschöpfe. Sie haben eine recht große Masse und keine elektrische Ladung. Sie sind deshalb in der Lage, viele Materialien nahezu ungehindert zu durchdringen. Ganz im Gegenteil zu den Protonen — ihren Gegenstücken im Kern — die eine positive Ladung besitzen. Sie haben zwar fast die gleiche Masse, werden aber wegen ihrer elektrischen Ladung stark beim Durchtritt durch Materie beeinflußt. Elektronen sind nur leicht und sind elektrisch negativ geladen. Wegen ihrer Ladung sind sie gut zu beschleunigen und auszurichten, dringen aber wegen ihrer geringen Masse nur wenig in Materialien ein. Sie werden deshalb z. B. zum Schweißen verwendet. Ein Partikelstrahl aus Neutronen würde den Stahl einfach durchdringen, ihn aber nicht zum Schmelzen bringen.

Da Neutronen keine Ladung besitzen, lassen sie sich nicht beschleunigen und in ihrer Flugrichtung beeinflussen. Sie lassen sich nur „mechanisch“ durch Zusammenstöße abbremsen. Sinnigerweise nur leicht, wenn sie mit schweren Kernen zusammenstoßen und sehr stark, wenn sie mit möglichst leichten Kernen zusammentreffen. Ihre „Reaktionsfreude“ hängt wiederum von ihrer Energie, d. h. ihrer Geschwindigkeit ab. Aufgrund dieses Zusammenhanges entsann der Mensch die Neutronenwaffe: Schnelle Neutronen sollten nahezu ungehindert Panzer durchdringen und erst mit den darin sitzenden Menschen (tödlich) reagieren.

Neutronen zur Analyse

Wenn Neutronen mit Atomkernen reagieren, entstehen immer irgendwelche charakteristischen γ-Quanten. Diese kann man recht einfach und sehr genau messen. Sprengstoffe bestehen wesentlich aus Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff in bestimmten chemischen Verbindungen. Wird ein solcher Stoff mit Neutronen beschossen, ergibt sich ein eindeutiger „Fingerabdruck“ in der Form des gemessenen γ-Spektrums. Sehr genau und sehr zuverlässig. Man kann nicht nur sagen, daß es Sprengstoff ist, sondern genau die Sorte angeben. Fehlalarme sind nahezu ausgeschlossen — wenn man genug Neutronen hat und über die erforderliche Meßtechnik verfügt.

In der Forschung — und teilweise der Forensik — ein seit Jahrzehnten erfolgreich angewendetes Verfahren. Man kann z. B. noch Gifte in Konzentrationen finden, bei denen chemische Analyseverfahren längst versagen. Solche Untersuchungen finden meist in kerntechnischen Einrichtungen statt, denn man benötigt neben der Meßtechnik Zeit und viele geeignete Neutronen — üblicherweise aus einem Forschungsreaktor.

Während des Irak-Krieges erlitten die Truppen die meisten Verluste durch „Eigenbau-Sprengfallen“ die unmittelbar neben den Straßen gelegt wurden. Wenn eine LKW-Kolonne vorbeifuhr, wurden sie (meist über Funk) ausgelöst. Schutz gegen solche Sprengfallen bieten nur gepanzerte Fahrzeuge. Die größten Verluste hatten deshalb nicht die kämpfenden Truppen an der Front, sondern die Versorgungseinheiten, die in Kolonnen durch endloses Feindesland fahren mußten. Nach amerikanischem Muster wurde deshalb richtig Geld in die Hand genommen, um dieses Problem zu lösen. Eine Lösung ist heute die Neutronenaktivierungsanalyse: Sie wirkt auch gegen versteckte und eingegrabene Sprengkörper aus schwer detektierbaren Materialien wie z. B. Kunststoff und Holz in einer vermüllten Umwelt. Für eine praktische Anwendung ist die sichere und schnelle Erkennung aus einem (langsam) fahrenden Fahrzeug und sicherer Entfernung von etlichen Metern erforderlich. In der Messdauer und der Entfernung liegt aber die Herausforderung.

Die „Neutronenkanone“

Will man größere Mengen Neutronen in einer möglichst kleinen Anlage erzeugen, bleibt praktisch nur die Kernfusion. Man schießt in einem Beschleuniger z. B. H2 – Kerne auf H3 – Kerne, wodurch ein Neutron mit hoher Energie freigesetzt wird. Das Problem solch einer Kernreaktion ist aber, daß die entstandenen Neutronen sich in einer beliebigen Richtung davonmachen. Ganz ähnlich wie die Lichtquanten einer Glühbirne. Es ist gleichmäßig hell im gesamten Raum um die Glühbirne. Diese großräumige Verteilung hat zur Folge, daß die Helligkeit sehr schnell mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Will man eine bestimmte Stelle „ausleuchten“, muß man den Lichtstrahl darauf konzentrieren. Genau dies ist aber bei Neutronen nicht so einfach. Ein Spiegel funktioniert — anders als bei Licht — praktisch nicht. Eine Ablenkung durch Magnetfelder funktioniert wegen der nicht vorhandenen Ladung — anders als bei dem Elektronenstrahl einer Röhre — auch nicht. Eine solch einfache Neutronenquelle hätte nur eine sehr geringe Reichweite und wäre damit unbrauchbar.

Wenn es aber trotzdem gelänge den größten Teil der Neutronen gezielt auf ein Objekt zu lenken anstatt sie sinnlos im Raum zu verteilen, sehe die Sache anders aus. Je mehr Neutronen den Sprengkörper treffen, um so stärker sendet dieser seine charakteristischen γ-Quanten aus und die erforderliche Messdauer verkürzt sich, was dem Suchfahrzeug eine höhere Geschwindigkeit erlaubt. Neutronen sind zwar schwer auf Kurs zu bringen, dafür halten sie aber um so sturer ihren Kurs (große Masse und keine Ladung) und fliegen mit einer Geschwindigkeit von über 40 000 km/s davon.

Neutronen kann man praktisch nicht mehr beeinflussen. Dies ist ein Vorteil und Nachteil zugleich: Positiv ist, daß sie gegenüber allen anderen Partikeln eine außergewöhnliche Reichweite besitzen, da sie durch die Luftmoleküle nahezu unbeeinflußt hindurch fliegen. Neutronen sind gegenüber Atomen winzig klein, sodaß die Atmosphäre für sie ein nahezu leerer Raum ist. Die vielen Elektronen die um die Kerne schwirren, sind für sie kein Hindernis, da sie selbst keine elektrische Ladung besitzen und ihre Masse (Zusammenstoß) gegenüber den Elektronen riesig anmutet. Man muß sie nur einheitlich ausrichten um einen wirksamen Partikelstrahl zu erhalten.

Dies geht jedoch über einen Trick aus der Quantenphysik. Neutronen besitzen einen sog. Spin: Anschaulich gesagt, rotieren sie wie ein Kreisel um ihre Achse. Ein solcher Spin ist eine Erhaltungsgröße, d. h. der Spin eines Atomkerns überträgt sich nach dem Aussenden des Neutrons aus dem fusionierten Kern auf dieses Neutron. Normalerweise sind die Spins der Atomkerne nicht einheitlich. Deshalb schwirren die Neutronen normalerweise in alle Richtungen des Raumes davon. Wenn man jedoch vor der Fusion allen Atomkernen den gleichen Spin aufzwingt und sie wie eine Perlenkette ausrichtet, fliegen auch alle Neutronen wie ein Strahl von der Neutronenquelle davon. Dies alles gelingt inzwischen in so kleinen Gerätschaften, daß man sie einschließlich der nötigen Energieversorgung etc. auf einem Klein-LKW unterbringen kann. Diese „Neutronenkanonen“ erzeugen einen mehr als tausendfachen Neutronenfluß in eine Richtung.

Die Teilchenstrahlungswaffe

Momentan ist die „Neutronenkanone“ so klein und einsatzbereit, daß sie mit allem notwendigen Zubehör auf einen Kleinlastwagen zum Auffinden von Sprengfallen am Straßenrand in den Einsatz geht. Die Entwicklung wird aber massiv in die Richtungen: Kleiner, leistungsfähiger und billiger vorangetrieben. Der nächste Schritt ist ein Gerät, welches sich in ein Flugzeug einbauen läßt.

Vordringlich ist aber ein weiteres Einsatzfeld: Die Analyse von Kernwaffensprengköpfen. Eine einfache Maßnahme gegen die immer erfolgreichere Raketenabwehr ist das Ausstoßen von zusätzlichen Attrappen. Bei den bisherigen Raketenabwehrsystemen muß man sich noch auf das Erreichen des Scheitelpunktes einer ballistischen Rakete beschränken. Erst dann kann man erst sicher die Flugbahn berechnen und das Ziel voraussagen. Eine einfache Abwehrmaßnahme ist der gleichzeitige Ausstoß von mehreren Attrappen. Heute kann man noch nicht Sprengkopf und Attrappen unterscheiden. Man müßte also alle Objekte sicher abschießen, was schnell eine Raketenabwehr — zumindest wirtschaftlich — überfordern würde. Hier kommt wieder die „Neutronenkanone“ ins Spiel. Genau wie eine Sprengfalle könnte man den Sprengkopf sicher identifizieren.

An dieser Stelle drängt sich eine weitere Lösung auf. Ein Sprengkopf ist nicht einfach ein Klumpen aus Plutonium, sondern ist vollgestopft mit Elektronik (Zünder), Sprengstoff und sonstigen Hilfsmitteln. Wenn der Neutronenstrahl stark genug wäre, könnte er den Sprengkopf nicht nur identifizieren sondern sogar unbrauchbar machen.

Neutronen können gerade auf Halbleiter eine verheerende Wirkung haben. In moderne Phasenradargeräten (Raketen- und Flugabwehr) werden Halbleiter aus Galliumnitrid (GaN) verwendet. Ein Beschuß mit Neutronen kann diese Halbleiter schnell zerstören. Dies bezieht sich nicht nur auf das Rausschlagen von Elektronen, sondern Gallium hat auch recht große Einfangquerschnitte, was bedeutet, daß durch Kernumwandlung und Strahlung der Halbleiter dauerhaft zerstört wird.

Wie soll Plutonium beseitigt werden?

Durch den Baustopp der Mischoxid-Anlage zur Vernichtung von überschüssigem „Waffenplutonium“ in den USA, ist dort wieder eine Grundsatzdebatte losgetreten worden. Nach den Zahlen des International Panel on Fissile Materials (IPFM) gibt es zur Zeit etwa 216 to „Waffenplutonium“ (in Kernwaffen verbaut und als Reserve) und etwa 271 to „ziviles Plutonium“ aus der Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen weltweit. Das Ganze ist also beileibe kein rein akademisches Problem.

Die Kernwaffen-Frage

Wenn man wirkliche Abrüstung will und nicht nur das Einlegen einer Pause, dann muß man nicht nur Trägersysteme und Kernwaffen verschrotten, sondern auch das „Bombenmaterial“ vernichten. Gerade dessen Herstellung — ob Plutonium oder höchst angereichertes Uran — ist der zeit- und kostenaufwendigste Teil bei einer „atomaren Aufrüstung“. Insofern war der Vertrag zwischen den USA und Rußland ihr Überschussplutonium zu vernichten, der einzig richtige Weg. Die Russen gehen nun den Weg — mit vollerZustimmung der USA — ihren Anteil an Überschüssen in ihren schnellen, natriumgekühlten Reaktoren als Brennstoff zu verwenden. Ganz so einfach und schnell geht das aber auch nicht. Selbst der größte „Brüter“ mit 800 MWel braucht überschlägig weniger als 5 to Plutonium für seine Erstbeladung. Es wird deshalb auch dort noch einige Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis zumindest der Überschuß soweit „denaturiert“ ist, daß man ihn nie mehr zur Produktion von Kernwaffen einsetzen kann.

Die zivile Herkunft

Für die zivile Produktion von Plutonium aus abgebrannten Brennstäben gab es drei Beweggründe:

  1. Als Erstbeladung für schnelle Brüter
  2. Zur Streckung des Uranverbrauchs über MOX-Elemente
  3. Um das Volumen des „Atommülls“ zu verringern und die „Endlager-Anforderungen“ drastisch zu senken.

Brüter

Noch in den 1960er Jahren ging man von sehr begrenzten Vorräten an förderbarem Natururan aus. Man befürchtete eine baldige Preisexplosion. Gerade „Atomkraftgegner“ haben immer wieder dieses Argument für ihre Propaganda mißbraucht. In Wirklichkeit hängen die förderbaren Vorräte — wie beim Öl — immer vom Uranpreis selbst und von der technologischen Entwicklung ab. Nach heutigen Erfahrungen sind die Natururanvorräte nahezu unendlich. Sehr viel wichtiger ist das Verhältnis zwischen „Strompreis“ und „Brennstoffpreis“. Je 100 $US pro kg Natururan schlägt es mit 0,002 $US pro kWh (!) auf die Stromerzeugungskosten nieder. Wenn schon die Sonne keine Rechnung schickt, tut es die Uranader auch nicht.

Jedenfalls haben wir schon heute mit über 271 to Plutonium aus der Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente weltweit einen beachtlichen Vorrat für den Start in die Technologie mit schnellen Reaktoren. Wir könnten damit auf einen Schlag 30.000 MWel Schnelle-Brüter bauen.

MOX-Elemente

Die Verwendung von einer Mischung aus Uranoxid und Plutoniumoxid (MOX) in Leichtwasserreaktoren (LWR) kann nur eine Übergangslösung sein. Zwar kann man dadurch Natururan ersetzen, aber der Aufwand steht in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zum Nutzen. Zur Verringerung der Plutonium Vorräte trägt es auch nur wenig bei, da in einem LWR etwa für 10 Kerne die gespalten werden, gleichzeitig 6 neue Plutoniumkerne gebildet werden.

Außerdem verschlechtert sich die Isotopenzusammensetzung: Es bilden sich immer mehr Minore Aktinoide, was sowohl die Verarbeitung erschwert, als auch den „Restmüll“ aus der Wiederaufbereitung immer langlebiger macht.

Schon bei der Herstellung von MOX-Brennstäben bleiben etwa 10 bis 15% nach der erforderlichen Reinigung des Eingangsmaterials übrig. Diese gehen meist direkt in den Abfallstrom zur Endlagerung. Es lohnt einfach nicht, aus diesem Abfall noch das Rest-Plutonium zu extrahieren.

Hier sieht man auch den Vorteil metallischen Brennstoffs als Uran-Plutonium-Zirconium-Legierung, wie sie z. B. in PRISM-Reaktoren verwendet werden soll: In ihr kann aller „Dreck“ mit verarbeitet werden und erneut dem Reaktor zur Behandlung zugeführt werden.

Wiederaufbereitung

Abgebrannte Brennelemente enthalten immer noch rund 95% Uran und etwa 1% Plutonium. Anders herum, sind im Sinne der Energieerzeugung nur etwa 4% Abfall. Dies ist die Asche der Kernenergie, die sicher deponiert werden muß. Durch das Recycling ergibt sich eine erhebliche Reduzierung des Abfalls. Man vergleiche dies einmal mit z. B. Altpapier oder gar Plastik.

Eine Wiederaufbereitung ist ein rein chemischer Prozeß. Es wird — anders als im Reaktor — keine Radioaktivität erzeugt, sondern schlimmstenfalls bereits vorhandene radioaktive Stoffe verschleppt. Dies kann aber durch Dekontamination wieder beseitigt werden. Wenn man früher alle Rohre, Schutzkleidung, Werkzeuge, Chemikalien etc. einfach weggeworfen hat, geschah dies aus Kostengründen.

„Atomkraftgegner“ versuchen diese Tatsachen immer noch zu leugnen. Ist doch die „angeblich ungelöste Atommüll-Frage“ ziemlich das letzte Argument, was ihnen gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie geblieben ist. Wird dieser Schwindel auch in breiten Bevölkerungskreisen erkannt, ist es aus mit der Angstindustrie. Sie braucht dann dringend neue Phantome um ihre Einnahmen zu sichern.

Nachhaltigkeitsproblematik

In der Szene der „Atomkraftgegner“ ist das Neusprechwort „Nachhaltigkeit“ eine Grundvokabel der Propaganda. Zwar ist diese Försterweisheit [Wenn du mehr Bäume abholzt, als gerade nachwachsen, ist der Wald irgendwann futsch. Nur, gäbe es heute gar kein Deutschland, wenn die alten Germanen schon dem statischen Denken der Melonen-Partei verfallen gewesen wären] schon immer fragwürdig gewesen, hört sich aber gut an.

Wenn man 1 gr Plutonium spaltet, ist es nicht nur unwiederbringlich weg, sondern hat auch noch etwa 22800 kWh Energie geliefert. Wenn man also 70 to überflüssig gewordenes „Waffen-Plutonium“ in Kernreaktoren spaltet, entspricht das dem Energiegehalt von 210 Millionen to Kohle oder 910 Millionen barrel Öl. Damit ließen sich rund 630 TWh elektrische Energie erzeugen (mehr als ein Jahresverbrauch von Deutschland). Eine hübsche Friedensdividende, wenn nicht die verdammte „Grüne Ideologie“ davor stehen würde.

Geht nun Gefahr von Plutonium aus oder doch nicht?

Was „Waffen-Plutonium“ betrifft, ist die Frage eindeutig zu beantworten: Die Sicherheit — im Sinne von Diebstahl etc. — ist zwingend einzuhalten. Es ist ähnlich, wie mit Sprengstoffen: Sie sind an und für sich harmlos — wenn man damit nicht Menschen in die Luft sprengen könnte.

Wie verhält es sich aber mit Plutonium an sich? An den Lagerfeuern von Gorleben erzählt man sich die schaurigsten Geschichten von „wenigen Gramm, die die ganze Menschheit töten können“. Dies ist absoluter Blödsinn! Reines Plutonium ist ein α-Strahler, man kann es deshalb gefahrlos in die Hand nehmen. Dies geschah und geschieht in zahlreichen Labors und in der Waffenproduktion täglich. Schäden sind nicht bekannt. Solange man es nicht als Feinstaub einatmet oder mit der Nahrung zu sich nimmt, passiert rein gar nichts. Selbst bei einer Aufnahme in den Körper, spielt die chemische Verbindung eine große Rolle, in der es vorliegt. Seine (chemische) Wirkung als ein Schwermetall übertrifft meist sogar seine Strahlungswirkung.

Damit ergibt sich für „Atomkraftgegner“ ein schwierig zu lösendes Dilemma: Ist Plutonium ganz, ganz gefährlich, müßte man es zwingend aus der Welt schaffen. Dummerweise erzeugt aber Kernspaltung große Mengen an Energie. Ist es aber nicht so gefährlich, könnte man es problemlos lagern. Die „weltweit ungelöste Endlagerfrage“ — das zentrale Argument der Angstindustrie in Deutschland — platzt wie eine Seifenblase. Es bleibt daher nur der erprobte und erfolgreiche Weg, die Kosten in die Höhe zu treiben, um anschließend sagen zu können, die friedliche Nutzung der Kernenergie sei leider total unwirtschaftlich. Eigentlich ganz leicht zu durchschauen.

WIPP, das Gorleben der USA

In den USA gibt es überall große Mengen von „Atommüll“ aus den staatlichen Forschungslabors und der Kernwaffenproduktion. Manchmal sind ganze Landstriche noch Sperrgebiet. Es stand außer Frage, daß diese Gebiete nach und nach saniert werden müssen. Aber wohin mit dem Abfall? Ein Endlager mußte her, wollte man das Problem nicht den nachfolgenden Generationen aufbürden. Es entstand das Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) in Carlsbad, New Mexico. Ein Endlager, in dem der gesamte hochaktive Müll aus Forschung und (militärischer) Wiederaufbereitung verschwinden soll. Ausdrücklich auch Plutonium. Dies ist nicht ganz unwichtig, denn wir haben es damit mit wesentlich langlebigerem „Atommüll“ zu tun, als dem aus z. B. der französischen Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen. Auch dies wird in Deutschland gern verschwiegen. Ist doch hier aus ideologischen Gründen der „Ausstieg aus der Atomenergie“ gefordert. Diesem Diktat haben sich selbstverständlich Sicherheit und Kosten unter zu ordnen. Die Stützung einer kleinen Partei — als potentiellem Koalitionspartner zum Erhalt des Machtgefüges — hat absoluten Vorrang.

Die Ironie an der Geschichte ist, daß das WIPP ein Abbild des Endlagers in Gorleben ist. Man hat es in einem Salzstock in 655 m Tiefe als Kavernenfeld von 1,6 x 1,4 km angelegt. Es werden dort Kammern bergmännisch aus dem Salz aufgefahren, in denen die „Müllbehälter“ gestapelt werden. Wichtig ist, es handelt sich hier nicht um ein altes Salzbergwerk wie bei den Schachtanlagen Asse und Morsleben, sondern eine ausschließlich für die Endlagerung geplante und neu gebaute Anlage. Es ist aber auch kein Zufall, daß man einst in USA und Deutschland einen Salzstock als das ideale Wirtsgestein für ein Endlager angesehen hat. Salz ist plastisch und umschließt langfristig „selbstabdichtend“ den Atommüll. Außerdem ist es ein Rohstoff, der im Überfluß vorhanden ist, was eine etwaige spätere Nutzung ausschließt. Die Baukosten betrugen in den 1980er Jahren rund 700 Millionen $US. Ein geradezu lächerlicher Betrag, wenn man ihn mit der „Geldvernichtungsmaschine“ Gorleben vergleicht.

In Deutschland fängt man gerade an, „ergebnisoffen“ einen neuen Standort zu suchen: Alles außer Gorleben, den Wallfahrtsort der Öko-Sozialistischen Bewegung. Wie putzig dieses neue Suchverfahren abläuft, sieht man schon an dem geforderten „strikten Bohrverbot“ für Gebiete, die von der „Endlagerkommission“ für potentiell würdig erachtet werden. Fährt man auf der kilometerlangen Zufahrtsstraße zum WIPP, hat man tunlichst auf zwei Dinge zu achten: Die halbwilden Rinder, die links und rechts grasen und die LKW und Tanklaster, die in unendlichem Strom zu den Bohrstellen rasen. Der Salzstock liegt mitten in einem Ölfördergebiet — was für Geologen nicht weiter verwunderlich ist. In Sichtweite rund um das WIPP sieht man zahlreiche Bohrtürme. Kein Mensch stört sich daran. Auch nicht die Rancher, deren überlebenswichtige Wasservorräte (Wüstengebiet) durchbohrt oder mit Atommüll unterfüttert werden.

Ausblick

Die letzte Folge dieser kleinen Serie wird sich mit den verschiedenen „Immobilisierungen“ für Plutonium beschäftigen.

P5+1 und die Bombe

In den letzten Tagen bin ich wiederholt zu Fragen der Proliferation befragt worden. Anlass scheinen die (ziemlich oberflächlichen) Presseberichte zu den Verhandlungen mit Iran zu sein. Ein Thema, welches offensichtlich viele Menschen bewegt und das schnell zu Kontroversen führt.

Der Weg zur Bombe

Die Frage der „atomaren Bewaffnung“ eines Staates, ist heute nur noch eine rein politische Entscheidung. Kernwaffen ja oder nein, ist die einzig beeinflußbare Fragestellung. Ist ein Staat – auch wenn er so erbärmlich arm wie Nordkorea ist – gewillt, die finanziellen Mittel aufzubringen, wird er kurz oder lang zur „Atommacht“. Der Glaube man könne das Wissen zum Bau geheim halten, war von Anfang an abwegig. Es ist halt nur die Technik der 1940er Jahre nötig.

Die gern aufgetischte Verknüpfung zwischen der friedlichen Nutzung der Kernenergie und Kernwaffen ist schlicht weg Unsinn. Man kann sich Kernwaffen zulegen, ohne jemals ein Kernkraftwerk zu betreiben und man kann Kernkraftwerke bauen und betreiben, ohne jemals „Atombomben“ zu bauen. Es ist eine rein politische Entscheidung welchen Weg ein Staat wählt. Wenn man nur die friedliche Nutzung will, muß man notwendige Transparenz schaffen und einschlägige Kontrollen zulassen (Deutschland, Japan etc.) oder vorab auf Anreicherung und Wiederaufbereitung verzichten (Vereinigte Emirate, Schweden etc.). Wer hingegen eine Grauzone konstruiert (Dual Use), erzeugt zumindest Misstrauen. Wer sogar Kontrollen verweigert oder wenigstens behindert, erzeugt Angst. Es ist zwischen Staaten nicht viel anders, wie im wirklichen Leben: Man kann nicht jedem, der ein Brotmesser besitzt unterstellen ein potentieller Mörder zu sein. Steht jedoch einer mit dem Brotmesser in der Hand vor der Tür des Nachbarn und gibt dauernd kund dessen gesamte Familie ins Meer jagen zu wollen, bekommt sein Besitz eines Brotmessers, schlagartig eine andere Qualität. Wenn er dann auch noch den beleidigten spielt und sich ungerecht behandelt fühlt, weil man ihm sein Messer aus der Hand nehmen will, wird die Angelegenheit unfreiwillig komisch.

Noch einmal ganz knapp: Jeder Staat hat selbstverständlich das Recht zur friedlichen Nutzung der Kernenergie, aber auch die Pflicht gegenüber anderen, die ausschließlich friedliche Nutzung kontrollieren zu lassen. Verweigert er das und versucht darüber hinaus ganz offensichtlich, Aktivitäten zu verschleiern, wird er automatisch zu einem Staat der faktisch „Atommacht“ ist. Wie die Staatengemeinschaft damit umgeht, steht zunächst auf einem anderen Blatt.

Der Tatsachenentscheid

Zum Bau einer Kernwaffe braucht man möglichst hoch angereichertes Uran (mindestens 85 bis 90% U235) oder waffengrädiges Plutonium (möglichst reines Pu239). Das war schon bei den ersten Bomben so und hat sich bis heute nicht geändert. Wenn man also gar keine eigene Anlage zur Urananreicherung besitzt, setzt man sich auch keinem Verdacht aus eine „Uranbombe“ bauen zu wollen. Dies gilt für die Mehrheit der Staaten mit Kernkraftwerken. Man kann Anreicherung auf dem Weltmarkt kaufen und Uran ist einfach und beliebig lange lagerbar. Der Angst vor möglichen Boykotten ist somit einfach zu begegnen.

Wenn man über keinen Reaktortyp verfügt, der in der Lage ist waffengrädiges Plutonium zu erbrüten und parallel keine Wiederaufbereitungsanlage betreibt, setzt man sich auch keinem Verdacht aus eine „Plutoniumbombe“ bauen zu wollen. Mit keinem Reaktor, der nur im Stillstand beladen oder entladen werden kann (z. B. alle Druck- und Siedewasserreaktoren) kann man waffengrädiges Plutonium erzeugen. Andererseits reicht eine einfache „Graphitanordnung“ aus, um waffengrädiges Plutonium billig und in beliebiger Menge zu produzieren. Die (lösbaren) Schwierigkeiten liegen viel mehr in der Wiederaufbereitung und der Konstruktion einer Plutoniumbombe.

Der dritte Prüfstein sind die Trägersysteme. Man muß ja nicht nur eine Kernwaffe bauen, sondern sie auch noch zu seinem Feind hin transportieren. Je primitiver die Bombe ist, desto größer und schwerer ist sie. Die Bomben für Hiroshima und Nagasaki waren größer als ein PKW. Heutige Kernwaffen sind nicht größer als eine Artilleriegranate. Sie lassen sich deshalb mit Raketen mit entsprechender Reichweite ins Ziel schießen. Wer also parallel auch noch solche Raketen entwickelt, verstärkt den Verdacht eine „Atommacht“ werden zu wollen. Weiß man doch schon seit der V2, daß konventionelle Sprengköpfe zwar Angst und Schrecken verbreiten, aber militärisch betrachtet ein äußerst schlechtes Preis- Leistungsverhältnis haben.

Der Unterschied zwischen Abrüstung und Nicht-Benutzung

Aus dem „Kalten Krieg“ sind uns noch Abrüstungsverträge in Erinnerung: Man verhandelte zäh und lang, welche Waffensysteme mit welcher Stückzahl jeder haben darf. Nach der Einigung erfolgte dann die kontrollierte Vernichtung. Raketen wurden mit Bulldozern platt gewalzt, Kernwaffen zerlegt und unbrauchbar gemacht. Das gegenseitige Vertrauen ging dabei so weit, daß Rußland z. B. „Bombenuran“ an die USA als Brennstoff für Kernkraftwerke übergeben hat. Man hatte zu der Zeit nicht genug eigene Kapazitäten zur Vernichtung, wollte sich aber auf keinen Fall dem Verdacht aussetzen, man wollte das Abkommen nicht einhalten und unterlaufen.

In den P5+1-Verhandlungen ist von Abrüstung gar nicht die Rede. Man will ausdrücklich nur die (mögliche) Zeit bis zur Produktion von Kernwaffen hinauszögern. Es soll nichts zerstört, sondern lediglich weggeschlossen werden. So soll die Anzahl der Zentrifugen, die in Betrieb sind, begrenzt werden. Die überschüssigen Zentrifugen dürfen nur als Ersatz für kaputte Zentrifugen eingesetzt werden. Alles äußerst vage und schwer zu kontrollieren und jederzeit bei „Verstimmungen“ einseitig außer Kraft zu setzen.

Das Scheitern

Faktisch sind die Verhandlungen gescheitert. Es ist lediglich eine Liste (Parameters for a Joint Comprehensive Plan of Action regarding the Islamic Republic of Iran’s Nuclear Program) herausgekommen, über das, was man vielleicht im Juni in einen Vertrag gießen könnte. Man hat sich bemüht und will das auch weiterhin tun.

Important implementation details are still subject to negotiation, and nothing is agreed until everything is agreed. We will work to conclude the JCPOA based on these parameters over the coming months.

Ein ödes Stück Papier, damit man die Verhandlungen nicht als gescheitert erklären muß, denn sonst müßte man ja wirklich etwas tun. Gleichwohl ist der Inhalt deprimierend genug und man sollte ihn keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen:

  • Iran soll seine 19000 (!) Zentrifugen in Natranz auf 6104 Zentrifugen verringern, von denen stets nur 5060 gleichzeitig in Betrieb sein sollen. Geradezu erschreckend ist die Begründung für diesen Schritt: Es soll damit die notwendige Zeit für die Produktion von „Bombenuran“ von derzeit zwei bis drei Monaten, auf ein Jahr verlängert werden

Iran’s breakout timeline – the time that it would take for Iran to acquire enough fissile material for one weapon – is currently assessed to be 2 to 3 months. That timeline will be extended to at least one year, for a duration of at least ten years, under this framework.

  • Iran soll seinen Lagerbestand von derzeit 10000 kg LEU (leicht auf 3,7% angereichertes Uran) auf nur noch 300 kg in den nächsten 15 Jahren verringern. Der Gedanke auch hier, ist wieder die „Zeitverzögerung“: Je mehr Uran man von einem Anreicherungsgrad hat, um so schneller und mit weniger Aufwand (z. B. Stückzahl der Zentrifugen!) läßt sich die nächste Stufe zur Bombe erklimmen. Ab einem Anreicherungsgrad von rund 20% geht die Angelegenheit sehr schnell und es bieten sich auch noch andere Verfahren an.
  • Iran soll die Anreicherung nur mit den Zentrifugen der ersten Generation (IR-1) weiterhin durchführen. Die bereits betriebenen 1000 Zentrifugen (IR-2M) sollen abgebaut und eingelagert werden. Die Typen IR-4, IR-5, IR-6 und IR-8 sollen in den nächsten Jahren nicht zur Produktion, sondern nur zur Weiterentwicklung verwendet werden.
  • Der Reaktor in Arak soll umgebaut werden.

The original core of the reactor, which would have enabled the production of significant quantities of weapons-grade plutonium, will be destroyed or removed from the country.

  • Iran soll sich verpflichten, zukünftig alle abgebrannten Brennelemente dieses Reaktors ins Ausland zu überführen.

Im Gegenzug sollen alle verhängten Sanktionen aufgehoben werden. Ausdrücklich auch die bisherigen Sanktion für kerntechnische Materialien und Hilfsmittel aus den USA und der EU.

Die besondere Lage von Israel

Im „kalten Krieg“ wurde viel über „Erstschlag“ und „Zweitschlag“ philosophiert. Man sprach vom „Gleichgewicht des Schreckens“. All diese Überlegungen treffen für die Lage Israels nicht zu. Israel ist mit seiner geringen bewohnbaren Fläche ein geographischer Zwerg – jedenfalls verglichen mit den Weiten der USA oder Russlands. Die Bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki haben jeweils eine Stadt ausgelöscht, waren für Japan aber eher eine geographische Randnotiz. Die Situation von Israel ist völlig anders. Schon die Explosion nur einer Kernwaffe, würde Israel praktisch komplett auslöschen. Es würden nicht nur tausende Juden, sondern auch die dort lebenden Araber getötet werden. Ein palistinänsischer Staat hätte sich damit wahrscheinlich auch gleich erledigt. Wünschen sich die Palästinenser wirklich einen Atompilz am Himmel von Gaza oder Jerusalem?

Israel kann auf keinen Fall das Risiko eines „Atomkriegs“ eingehen. Wenn ausgerechnet ein Land, das wiederholt mit der Auslöschung des Staates Israel gedroht hat, zur „Atommacht“ wird, bleibt nur der Präventivschlag. Israel muß dem Aggressor die Kernwaffen aus der Hand schlagen. Praktisch um jeden Preis. Ob das den tapferen Diplomaten so genau bewußt ist? Gut gemeint, ist noch lange nicht gut gemacht.

Der Bau einer „Atombombe“ ist ein rein finanzielles Problem. Wenn man die Sanktionen jetzt aufhebt, gießt man nur Öl ins Feuer. Der einzige Grund, warum die Mullahs sich momentan verhandlungsbereit geben, ist die Angst vor dem eigenen Volk. Die wirtschaftliche Lage Irans wird immer schlechter: Sinkende Ölpreise und steigende Kosten für die angezettelten Kriege von Syrien und Irak bis Jemen. Iran ist nicht Nordkorea. Bevor die Iraner für eine „Mullah-Bombe“ hungern, werden sie die „Religionsgelehrten“ in ihre Moscheen zurückschicken.

Die geopolitische Lage

Wenn Iran tatsächlich zur (potentiellen) „Atommacht“ aufsteigt, wird Saudi Arabien in wenigen Monaten folgen (müssen). Saudi Arabien wird bereits jetzt durch Stellvertreteraufstände und Stellvertreterkriege unmittelbar bedroht. Einen größeren Albtraum, als einen mittelalterlich anmutender Religionskrieg mit Kernwaffen, kann man sich kaum vorstellen. Bereits jetzt bildet sich ein sunnitisches Heer für den schiitischen Stellvertreterkrieg im Jemen.

Nun ist aber das sunnitische Lager nicht so einig, daß es sich der Führung einer „Atommacht Saudi Arabien“ unterordnen wird. Die nächsten „Atommächte“ werden dann die Türkei und – höchstens etwas später – Ägypten werden. Spätestens dann, fällt ganz Europa aus seiner Hängematte. Willkommen im 21ten Jahrhundert.

Korea und die Wiederaufbereitung

Im Fahrwasser der aktuellen Krise mit Nord-Korea, bahnt sich für die USA ein hausgemachtes Problem mit Süd-Korea an. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wenn Regierungen meinen, sie könnten dauerhaft über andere Nationen bestimmen und ihre ideologische Sicht zur einzig selig machenden zu erklären. Im nächsten Jahr läuft das Abkommen zur Nicht-Weiterverbreitung von Kernwaffen nach 40 Jahren aus. Im Rahmen dieses Abkommens hat Süd-Korea auf Anreicherung und Wiederaufbereitung abgebrannter Brennelemente verzichtet. Es muß neu verhandelt werden.

Ironie der Geschichte ist, daß dies zu einem Zeitpunkt geschehen muß, an dem die USA offen von Nord-Korea mit einem „Atomschlag“ bedroht werden. Nord-Korea hat gezeigt, wie es in der realen Welt zu geht: Wenn ein Diktator bereit ist, sein eigenes Volk wirtschaftlich zu ruinieren, dann baut er sich ganz einfach seine eigenen Kernwaffen. Wenn er über genug Öleinnahmen verfügt – wie Iran – braucht er dafür nicht einmal sein Land an den Rand von Hungersnöten zu führen. Ist das Land vermögend – wie Saudi Arabien – kann es sogar den mühseligen Weg der Eigenentwicklung überspringen und unverhohlen damit drohen, sich gegebenenfalls fertige Kernwaffen (z. B. aus Pakistan) zu kaufen.

Selbst die Supermacht USA kann das offensichtlich nicht verhindern. Mit Verträgen, UNO und leeren Drohungen ist es schon gar nicht möglich, im Internetzeitalter (!) das Wissen der 1940er Jahre geheim halten zu wollen. Der pakistanische Basar der „Atomtechnologie“ ist noch in frischer Erinnerung. Der Versuch, gegen Unterstützung bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie – sprich dem Bau von Kernkraftwerken – einen Verzicht auf Anreicherung und Wiederaufbereitung erkaufen zu können, war und ist aberwitzig. Er hat offensichtlich nur zu einer Brüskierung eines der engsten Verbündeten der USA geführt. Was anderes sollte es heißen, als Süd-Korea, wir trauen euch nicht. Wir erinnern uns: Deutschland wurde auch der Verzicht auf Kernwaffen geglaubt, obwohl es eine Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe betrieben hat und noch heute Zentrifugen zur Anreicherung betreibt. Japan baut eifrig an einer kommerziellen Wiederaufbereitung und diskutiert gleichzeitig, offen wie nie, eine atomare Bewaffnung – wegen der potentiellen Bedrohung durch Nord-Korea und China.

Wie konnte es dazu kommen, daß sich die USA in eine solche diplomatische Sackgasse manövriert haben? 1974 wurde Indien (nahezu aus eigener Kraft) zur Atommacht. Übrigens aus Reaktion auf die atomare Bewaffnung von China, mit dem man noch wenige Jahre zuvor, Krieg führen mußte. Die Welt war verblüfft über den Weg: Man hatte in aller Stille, einen von Kanada gelieferten CANDU-Reaktor zur Produktion von waffengrädigem Plutonium missbraucht. Bis heute, wirkt diese Tat in den internationalen, kerntechnischen Beziehungen nach. Es stehen sich Pragmatiker (Indien ist nun mal Atommacht, das läßt sich nicht zurückdrehen, deshalb freier Handel und Wissensaustausch) und Moralisten (Belohnung des „Fehlverhalten“, Präzedenzfall der die Proliferation zu nichte macht) teilweise unversöhnlich gegenüber. Jeder muß sich da ein eigenes Urteil bilden. Tatsache ist jedoch, daß die Zeit der „drei Welten“ mit dem Zusammenbruch des Kommunismus vorbei ist. Heute bestehen die Probleme eher in der Golfregion oder der koreanischen Halbinsel mit ihrer regionalen und globalen Gemengelage.

Es gab aber auch hausgemachte Gründe. Man muß die erste Hälfte der 1970er Jahre als unmittelbare Nachfolge der sog. „68er Bewegung“ verstehen. Greenpeace z.B. entstammt der Friedensbewegung mit dem Spezialgebiet: Kernwaffen und Umweltbelastung durch Kernwaffentests in der Atmosphäre. Besonders der zweite Punkt machte die Bewegung in kürzester Zeit weltberühmt. Durch die diversen Teststoppabkommen kam dieses Geschäftsmodell immer mehr aus der Mode. Der Übergang zur zivilen Nutzung der Kernenergie und die Konstruktion eines Zusammenhangs mit dem Bau von Atombomben schien folgerichtig. Es entwickelte sich die Gleichung: Links plus friedensbewegt gleich „Atomkraftgegner“. In Deutschland gipfelte dies sogar in der Gründung einer Partei.

In USA beschwor eine Kampagne die Gefahr von möglichen hunderten „Atomanschlägen“ auf Großstädte hervor. Alle versorgt durch Diebstähle aus Wiederaufbereitungsanlagen. Ein neues Buhwort war erschaffen: Plutonium. Künstlich hergestellt, irrsinnig giftig und ganz, ganz gefährlich. Jimmy Carter, ein Erdnussfarmer, der in seiner aktiven Zeit bei der Marine zumindest für Kurse in Kerntechnik angemeldet worden war, stoppte das Clinch River Projekt (Vorstufe eines Schnellen Brüters, der Strom aus recyceltem Brennstoff produzierte) und zwang ein privates Konsortium mehr als 250 Millionen Dollar für eine Wiederaufbereitungsanlage in Barnwell über Nacht abzuschreiben. Er wollte ein Zeichen des „guten Amerikaners“ setzen, der keine Kosten scheuend voranschreitet, um die Welt zu retten. Ähnlichkeiten mit deutschen „Energiewendern“ sind rein zufällig. Jedenfalls gelang es ihm die „Proliferation“ und das Problem, was wir heute als „ungelöste Atommüllfrage“ bezeichnen, zu erschaffen. Ironischerweise ist Jimmy Carter der gleiche Präsident, der durch sein „Geiseldrama“ im Iran nicht unwesentlich zu der heutigen Situation im und mit dem Iran beigetragen hat.

Aber wie hat sich die Welt seit dem verändert? Inzwischen baut eine französische Firma in USA eine Fabrik für MOX-Brennelemente. Solche Mischoxid-Brennelemente dienen zur Verbrennung von Plutonium in konventionellen Leichtwasserreaktoren. In diesem Fall handelt es sich sogar um waffengrädiges Plutonium aus der ehemaligen Sowjetunion. Dies war – wieder zur Verhinderung von Terrorismus – von den USA aufgekauft und ins eigene Land verbracht worden.

Wie kann sich die USA aus den eigenen Fallstricken befreien? Süd-Korea hat sich mit amerikanischer Anschubhilfe zu einer der führenden Nationen im Bau und Betrieb von Kernkraftwerken entwickelt. Spätestens seit dem Auftrag über 20 Milliarden Dollar für vier Reaktoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist dies vielen schmerzlich bewußt geworden. Würde es kein neues Abkommen geben, wäre die Versorgung mit angereichertem Uran aus den USA nicht mehr gesichert. Wäre das aber wirklich ein Problem für Süd-Korea? Auf Kanada, Australien und Kasachstan entfallen etwa ⅔ der Weltproduktion an Uran, auf die USA lediglich 4%. Anreicherungsanlagen besitzen mehr als ein Dutzend Staaten. In diesem Sinne würde ein Ausweichen auf andere Lieferanten das „Problem der Weiterverbreitung“ eher anheizen.

Bleibt die Frage der Wiederaufbereitung. Ob Süd-Korea eine Plutonium-Bombe baut oder nicht, ist eine rein politische Frage, die nicht zwingend etwas mit Wiederaufbereitung zu tun hat. Es sind andere Verfahren denkbar, die völlig ungeeignet zum Bau von Kernwaffen sind. Auch hier, hat Süd-Korea bereits viel Forschung und Entwicklung investiert. Süd-Korea hat die Chance, erstes Land auf der Welt mit einer garantiert reinen zivilen Nutzung der Kernenergie zu werden. Bisher sind alle Länder (auch Deutschland und Japan) den bequemeren Weg des bereits etablierten PUREX-Verfahrens gegangen. Nur ist dieses Verfahren genau zur Produktion von waffengrädigem Plutonium entwickelt worden. Natürlich kann man mit einem Panzer auch ein Feld pflügen, nur sollte man sich nicht wundern, wenn andere den Verdacht äußern, man wolle mit solch einem Trecker vielleicht eines Tages auch mal schießen. Ganz gewiß werden sich die Süd-Koreaner nicht der angeblich „ungelösten Atommüllfrage“ hingeben. Sie haben ganz einfach nicht die selbe Vorgeschichte und brauchen auch keine Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten politische Parteien mit dem Gründungsmythos der „Anti-Atombewegung“ nehmen. Übrigens, hat in ganz Asien keine Regierung dieses Problem. Es erfordert deshalb keine prophetische Gabe, wenn man die Renaissance der Kernenergie aus Asien kommen sieht. Wer sehen will, kann schon heute die Anzeichen erkennen.