Das ewige Wasserproblem

In der letzten Zeit schien es etwas still um Fukushima geworden zu sein. Es passiert einfach zu wenig für deutsche „Qualitätsmedien“: Immer noch keine Vögel mit drei Flügeln oder vergleichbares in Sicht. Das einzige, was sich bietet, ist „radioaktiv verseuchtes Wasser“. Bischen Radioaktivität geht halt immer, auch in einem ansonsten langweiligen Wahlkampf.

Was geschah

Das Erdbeben mit seinem Tsunami hat nicht nur das oberirdische Kraftwerksgelände verwüstet, sondern auch unterhalb erhebliche „Veränderungen“ bewirkt. Die gesamte Küstenlinie, auf der das Kraftwerk steht, ist heute etwa einen Meter tiefer gelegen! Für uns Mitteleuropäer, ist so etwas kaum vorstellbar. Logisch ist allerdings, daß nach einem so gewaltigen Schlag, auch unterhalb der Erde nichts mehr so ist, wie es vorher war. Rohre sind geborsten (auch Kernkraftwerke haben Toiletten und Trinkwasseranschlüsse), Kellerwände rissig geworden und Grundwasserleiter verändert. Es mag sich simpel anhören, aber auch der Grundwasserspiegel liegt nun entsprechend höher, da ja der Meeresspiegel gleich geblieben ist. Alles zusammen, führt zu einem beständigen Eindringen von Grundwasser in die „unterirdischen“ Bereiche des Kraftwerks. Bei einer solchen Gemeinschaftsanlage (vier Reaktoren in einer Reihe nebeneinander) kamen noch etliche – teilweise begehbare – Verbindungstunnel hinzu. Nebenbei gesagt, wäre eine solche Konstruktion in (der Bundesrepublik) Deutschland nie genehmigungsfähig gewesen. Trotzdem hat eine ehemalige Pionierleiterin – erfolgreich nach dem Beifall einschlägiger Kreise heischend – aus diesem Unglück den Schluß gezogen, Kernkraftwerke in Deutschland sofort abzuschalten. Vielleicht war es für sie ja wirklich ein verspäteter Beitrittsschock, daß ein solches „Reaktorunglück in einem Hochtechnologieland, wie Japan“ möglich war. Vor der Einfalt jedenfalls, konnte der „Anti-Faschistische-Schutzwall“ offensichtlich auch nicht bewahren.

Der aktuelle Vorfall

Wieder einmal ist eine Leckage bei den Abwassertanks aufgetreten. Diese Zwischenlagerung radioaktiven Wassers entwickelt sich zu einem Dauerbrenner. Bei dem betroffenen Tanklager handelt es sich um 26 genietete Tanks mit jeweils 1000 m. Inhalt. Sie sehen schon so aus, als wenn sie mindestens aus der Vorkriegszeit stammen. Das Tanklager befindet sich auf einem Hügel, etwa 500 m vom Kraftwerk entfernt. Weil die Nähte bereits mehrfach undicht wurden, hat man um jeden Tank ein Auffangbecken aus Beton gebaut. Die Becken hätten auch problemlos das auslaufende Wasser vollständig zurückhalten können, wenn nicht die Überläufe (gegen starke Regenfälle; Taifungebiet) geöffnet gewesen wären! So ist ein Teil ausgelaufen und im Boden versickert. An dieser Stelle ist nun ein Bodenaustausch notwendig. Alles in allem, ein eher peinlicher Vorfall. Für deutsche „Qualitätsmedien“ ein gefundenes Fressen. Aus dem meldepflichtigen Vorfall nach Kategorie 1, wird flugs eine „nukleare Katastrophe“. Ob das einfach nur mangelnde Sachkenntnis oder schiere Boshaftigkeit ist, mag der Leser selbst entscheiden.

Der Weg des Wassers

Nach Schätzungen von TEPCO fließen jeden Tag etwa 1000 m3 Wasser aus den umliegenden Hügeln durch das Kraftwerksgelände. Davon fließen etwa 300 munkontaminiert ins Meer. Weitere 300 m3 fließen unterhalb des Geländes und mischen sich mit dem Grundwasser, welches durch Ebbe und Flut mit dem Hafen ausgetauscht wird. Diese Menge ist entsprechend radioaktiv belastet. Die restlichen etwa 400 m3 dringen durch diverse Risse in die Kanäle, Keller etc. ein und müssen ständig abgepumpt und gelagert werden.

Mit der radioaktiven Belastung ist das so eine Sache: Im Hafen wird praktisch nur Tritium festgestellt. Dies ist auch keinesfalls verwunderlich. Bodenschichten wirken wie Filter, die radioaktive Partikel zurückhalten. Jeder Boden ist ein – mehr oder weniger guter – Ionentauscher, in dem die meisten radioaktiven Stoffe gebunden bleiben und allenfalls nur sehr langsam wieder abgegeben werden. Lediglich Tritium (ein Wasserstoffisotop) bildet „strahlendes“ Wasser und fließt ungehindert mit ins Meer. Die Mengen sind jedoch so gering, daß sie schon außerhalb des Hafens unter der Nachweisgrenze liegen.

Die im Boden gebundene Radioaktivität dürfte wohl kaum in die Biosphäre gelangen. Bei dem Grundwasser im Gelände handelt es sich um Meer- bzw. Brackwasser. Die Nahrungskette über Pflanzen und Tiere dürfte kaum wirksam werden. Sind die Stoffe nicht oder nur schwer löslich, verbleiben sie im Boden. Sind sie leicht löslich, werden sie im offenen Meer sehr schnell verdünnt und stellen somit auch kaum ein Strahlenrisiko dar. Die ohnehin im Meer vorhandenen radioaktiven Stoffe (Uran, Kalium etc.) überwiegen.

Die Gegenmaßnahmen

Es sind zwei Quellen zu verstopfen: Der Zufluß von Grundwasser auf das Gelände und die Leckagen aus den Reaktoren. Als weitere Maßnahme bietet sich die Abdichtung gegen das Meer an.

Die Eindämmung des Zuflusses von Grundwasser ist schon recht weit fortgeschritten. Man führt oberhalb des Geländes eine permanente Grundwasserabsenkung mit Brunnen durch und hat Bypässe geschaffen, die das Regenwasser an dem Gelände vorbei führen. Durch diese Maßnahmen hat sich der Zufluß von Grundwasser in die Gebäude beträchtlich verringert. Hafenseitig ist eine Abdichtung der wasserführenden Schichten in Arbeit und ebenfalls eine Grundwasserabsenkung mit 30 Pumpen im Bau. Durch die Kombination aus Verstopfung der porösen Schichten mittels Wasserglas und Grundwasserabsenkung soll der Wasseraustausch mit dem Hafen unterbrochen werden. Zur Zeit wird der tägliche Austausch auf 35 m3/Tag geschätzt. Ferner wird untersucht, ob es sich lohnt, den Boden unterhalb des kompletten Kraftwerks bis in eine Tiefe von 40 m einzufrieren. Dieser Eisblock würde eine sichere Abdichtung herstellen, die für die gesamte Zeit bis zu einem sicheren Einschluß(geschätzt 10 Jahre) aufrecht erhalten werden könnte. Dieses Verfahren wird z. B. im Tunnelbau seit Jahrzehnten genutzt.

Der Eispanzer würde gleichzeitig das Auslaufen von radioaktivem Wasser aus den Gebäuden und das Eindringen von Grundwasser verhindern. Viel schwieriger ist die Bekämpfung der Quelle: Letztendlich muß sie durch die Entfernung des Brennstoffes aus den Reaktorruinen beseitigt werden. Bis dahin, müssen die Leckagen im Sicherheitsbehälter gefunden und abgedichtet werden.

Inzwischen weiß man, daß der größte Teil der Lecks unterhalb des Wasserstandes im Sicherheitsbehälter liegt. Das erschwert die Sache erheblich: Das Wasser ist trübe und an diesem Ort herrscht eine sehr hohe Strahlung. Die Arbeiten können deshalb nicht durch Menschen ausgeführt werden. Außerdem müssen die Abdichtungen in strömendem Wasser durchgeführt werden, da bis auf weiteres, die Kühlung der Brennelemente gewährleistet bleiben muß. Wenn es gelingt, den Ringraum der Kondensationskammer und den unteren Teil des Reaktordruckbehälters abzudichten, kann kein radioaktives Wasser mehr in das Gebäude auslaufen und man erhält wieder einen einfach kühlbaren „geschlossenen Kreislauf“. Bisher existieren aber bestenfalls Ansätze einer Lösung.

Das radioaktive Wasser

Inzwischen lagern bereits große Mengen kontaminierten Wassers auf dem Gelände. Bis zum Jahr 2015 rechnet man mit 700.000 m3. . Die Bandbreite geht dabei von stark belastet, bis kaum noch belastet. So hat man eine Pfütze gefunden, die mit 100 mSv pro Stunde gestrahlt hat. Zur Zeit wird von Toshiba eine MRRS (Multi Radionuclide Removal System) Anlage errichtet. Sie wird das Wasser voll entsalzen und soll die radioaktiven Stoffe bis unter die Nachweisgrenze entfernen. Eine eher fragwürdige Angelegenheit. Trinkwasserqualität täte es auch. Von handelsüblichen Mineralwässern gar nicht zu reden. Aber die Japaner scheinen in eine Art von Büsserritual verfallen zu sein. Dies zeigt sich schon bei der Dekontaminierung der derzeitigen Sperrbezirke. Eine Rückkehr ist nur erlaubt, wenn die Dosisleistung kleiner als 20 mSv/Jahr ist. In vielen Gegenden Japans ist die natürliche Strahlenbelastung höher. Vielleicht sollte man aber einfach nicht vergessen, daß so niedrige Grenzwerte zu Milliardenumsätzen bei einschlägig tätigen Firmen führen.

Seltene Filmschätze

Das Internet vergisst nie, sagt man. Leider gilt das für Filmschätze aus der Welt davor, nicht unbedingt. Es gibt aber eine Reihe von Leuten, die alte Photos und Schmalfilme digitalisieren und der Allgemeinheit über das Internet wieder zugänglich machen. Ein solches Beispiel ist der Mitschnitt von Vorträgen von Galen Winsor aus den 1980er Jahren. Leider sind scheinbar nur diese drei noch vorhanden:

The Nuclear Scare Scam | Galen Winsor

Wer Englisch kann, sollte sich dieses Dokument nicht entgehen lassen. Er bekommt in 90 Minuten den Einblick in eine Welt, die völlig anders ist, als die in deutschen Medien dargestellte.

Der Zeitzeuge Galen Winsor

Galen Winsor wurde 1926 geboren und verstarb 2008. Er war 32 Berufsjahre mit der Wiederaufbereitung und Gewinnung von Plutonium beschäftigt. Erst im militärischen Komplex von Hanford und später in der Entwicklung für General Electric (GE). Als Pensionär zog er durch Amerika und hielt Vorträge gegen die herrschende „Atompolitik“, die er für gänzlich falsch hielt. Er wurde zum Wanderprediger für die Nutzung abgebrannter Brennstäbe. Für alle, die erst nach der Erfindung des Internet geboren wurden oder sich nicht mehr an die Urzeit erinnern mögen: Es gab nur Zeitungen, Radio und Fernsehen als Massenmedien. Wer eine andere Meinung, als die der Verleger und Intendanten vertrat, dem blieben nur Flugblätter und Vorträge. Schon ein Buch zu drucken und zu vertreiben, war nicht ganz einfach. Vielleicht war dies ein (wesentlicher) Grund, warum es gelang, eine (damals noch relativ neue) Technologie so zu verteufeln und zu diskreditieren.

Galen Winsor ist eine gewisse Verbitterung anzumerken. Eine sarkastische Bemerkung jagt die nächste. Er kann und will nicht verstehen, warum – was er für den Fortschritt schlecht hin hält – so bekämpft und abgelehnt wird. Ein bischen Verschwörungstheorie hilft dabei den Frust erträglicher zu machen: „Big Oil“ und „Big Coal“ stecken dahinter. Sie sind die wahren Gegner der Kerntechnik, die um ihre Monopolstellung fürchten. „Atomkraftgegner“ sind nur unwissende und willfährige Hilfstruppen in diesem Milliardenspiel. Ein Standpunkt, der sich heute eher verstärkt.

Galen Winsor verkörpert den Urtypus des freiheitlichen Amerikaners: Voller Misstrauen gegenüber Washington. Er geht voller Begeisterung nach Hanford in die Plutoniumproduktion. 1945 (mit 19!) auf einem Zerstörer im Pazifik unterwegs, bedeutet für ihn der Einsatz als Beobachter bei einem Atombombentest nichts weiter, als ein „Erst mal weg von der Front“. Überwältigt von der Explosion, erkennt er sofort, daß dies die „fehlende Rückfahrkarte“ in die Heimat bedeutet. Von nun an, will er alles wissen und verstehen über Kerntechnik. Er studiert Chemie und fängt schon in der Wiederaufbereitungsanlage in Hanford an, bevor er noch sein Studium abgeschlossen hat. Dort arbeitet er mit „blossen Händen“ mehrere Jahre mit Plutonium. Er ist noch in hohem Alter stolz darauf, daß alle genau wussten, was sie taten und deshalb kaum Unfälle zu verzeichnen waren. An dieser Stelle sei nur daran erinnert, daß der Mann 82 geworden ist und nicht etwa an Krebs gestorben. Alle, die immer noch an das Märchen von „Millionen Toten in Tschernobyl und Fukushima als Spätfolgen“ glauben, sollten nicht versäumen, sich das Video anzuschauen.

Er fängt an mit dem System zu brechen, als immer mehr Bürokraten ihm vorschreiben wollen, welche Dosis er einzuhalten habe und ihm bei Kritik unverhohlen mit Rausschmiss drohen. Irgendwann läßt er sich von GE abwerben, um eine zivile Wiederaufbereitungsanlage zu bauen. Es gelingt ihm, wesentliche Prozeßschritte zu automatisieren. Ein wesentlicher Fortschritt im Strahlenschutz gegenüber der Anlage in Hanford. Als man ihn zwingt, die Dosisleistung noch einmal um den Faktor zehn zu verringern, wird er rebellisch und schwimmt durch das Brennelementebecken.

Galen Winsor ein Irrer oder ein moderner Eulenspiegel?

Ist es nicht ein totaler Irrsinn, durch ein Brennelementebecken mit 170 to abgebrannter Brennstäbe zu schwimmen? Arbeitsrechtlich ja, physikalisch nein. Solch ein Abklingbecken gleicht in der Tat einem Schwimmbecken. Es ist nur tiefer. Das Wasser dient der Kühlung der Brennelemente und der Abschirmung der Strahlung. Die Wassertiefe ist so groß bemessen, daß die Strahlung am Beckenrand auch längere Arbeitsaufenthalte erlaubt. Ob man da nun rein steigt und los schwimmt, ist ziemlich unerheblich. Man sollte nur nicht zu den Brennelementen runter tauchen. Zu allem Überdruss hat sich Wilson auch noch zwei Liter Wasser abgefüllt und getrunken. Auch das keine Hexerei: Brennstäbe sind sicher eingeschweißt. Das Wasser im Becken wird ständig überwacht. Also weit aus weniger Risiko, als wenn jemand von der „Generation Gesamtschule“ mit Fahrradhelm auf dem Kopf, über eine rote Ampel fährt. Interessant die Reaktion seines Arbeitgebers GE: Verbot der Nutzung als (beheiztes) Schwimmbecken, da sonst die Gefahr bestünde, daß Brennelemente gestohlen werden könnten. Strahlung als eine Art Voodoo-Schutz-Zauber?

Besonders gefürchtet waren die Demonstrationen von „Radioaktivität“ in Winsor’s Vorträgen. Unvergesslich die Szene, in der er die Reste von Uranoxid von seiner Handfläche leckt. Ebenso die Nutzung eines Stücks abgereicherten Urans als „Feuerstahl“. Besser konnte er keine „Atomexperten“ vorführen. Die Staatsmacht reagierte prompt: Eine Spezialeinheit durchsuchte sein Haus und beschlagnahmte alle radioaktiven Proben um ihn angeblich vor sich selbst zu schützen. Einen Mann, der jahrzehntelang im Staatsdienst mit Plutonium umgegangen war und sich offensichtlich bester Gesundheit erfreute. Die Staatsmacht toleriert manches, aber wenn man sie der Lächerlichkeit preisgibt, hört sofort jeder Spaß auf – egal ob in Moskau oder Washington.

Fukushima, zwei Jahre danach

Jahrestage dienen immer der Erinnerung und der Bilanzen. So auch im Falle des Reaktorunglücks in Fukushima. Zahlreiche Veröffentlichungen sind bisher erschienen. Nach zwei Jahren erscheint es an der Zeit, die ersten grundsätzlichen Konsequenzen zu ziehen.

Was geschah

Vor zwei Jahren erschütterte ein selten starkes Erdbeben den Norden der japanischen Inseln. Erdbeben sind in Japan Routine. Was allerdings überraschte, war die Schwere und der Ort des Geschehens: Ein solch schweres Beben hatte man in absehbarer Zeit eher im Süden erwartet. Die Folge dieses küstennahen Bebens war ein außergewöhnlich heftiger Tsunami. Auch das nicht selbstverständlich für ein Meeresbeben. Alles in allem, eher ein Jahrtausendereignis. Gleichwohl bekannt, wenn auch selten. Geologen kannten mehrere Ereignisse mit hohen Flutwellen in dieser Gegend in den letzten Jahrtausenden. Die Flutwelle überspülte das gesamte Kraftwerk und zerstörte dabei alle Außenanlagen. Die Bedienungsmannschaft gehörte zu den wenigen, die mangels geeigneter Kommunikationsmittel die Warnungen vor dem Tsunami gar nicht mitbekommen haben. Wertvolle Zeit zwischen den Erdstößen und der Flutwelle ist verstrichen und es wurden sogar unangemessene Entscheidungen gefällt. Die Wasserwand traf das Kraftwerk und seine Mannschaft unerwartet und mit unvorstellbarer Gewalt. Wie war es möglich, daß ein Kernkraftwerk buchstäblich überrollt werden konnte? Es war ganz einfach auf zu niedrigem Grund gebaut worden. Man hatte sogar während der Bauzeit noch Gelände abgetragen, um die Baustelle einfacher zu gestalten. Es wurden zwar anschließend Flutmolen gebaut, aber leider viel zu niedrig. Man wußte das seit langem, hatte aber auf „kleine Wellen“ gewettet, da das Kraftwerk ohnehin in einigen Monaten still gelegt werden sollte. Hinzu kam eine von sich aus schon nicht besonders robuste und veraltete Konstruktion und eine im Laufe der Jahrzehnte nicht mehr besonders geschulte Mannschaft. Solche Ketten sind leider nicht außergewöhnlich: Viele – für sich genommen unbedeutende Fehlentscheidungen – können sich in einem Unglücksfall zur Katastrophe auswachsen. Es entstand ein immenser materieller Schaden. Die Kosten übersteigen (damals) notwendige Investitionen um Größenordnungen.

Entweder man macht es richtig oder man läßt es bleiben

Die Standortbedingungen waren sehr genau bekannt. Ein „wird schon gut gehen“, darf es in der Kerntechnik nicht geben. Ein Kernkraftwerk hätte an diesem Standort besser nicht gebaut werden sollen. Da man es trotzdem gemacht hat, hätte man es gegen solche Flutwellen sichern müssen. Spätestens nach Tschernobyl war bekannt, daß es nicht besonders schlau ist, einen Reaktor in eine einfache Industriehalle zu stellen. Hätte das Kraftwerk eine übliche Betonhülle gegen Einwirkungen von außen gehabt, wäre es durch eine „kleine“ Wasserstoffexplosion nicht in sich zusammengefallen. Die Lagerbecken für Brennelemente wären heute nicht mit Bauschutt verschüttet und hätten längst geleert werden können. Ebenso fragwürdig ist der Bau „Wand an Wand“ von Reaktoren, die über zahlreiche Keller, Gänge und Rohrleitungen so miteinander verbunden sind. Wie sich gezeigt hat, können sich im Schadensfall schädliche Gase und radioaktive Flüssigkeiten ungehindert ausbreiten.

Schon Anfang der 1970er Jahre wurde das sehr geringe Volumen des Sicherheitsbehälters bei diesem Reaktormodell kritisiert. Man forderte deshalb Druckentlastungsventile, über die ein etwaiger Überdruck kontrolliert abgebaut werden könnte. Politisch tat man sich damit sehr schwer: Der Sicherheitsbehälter sollte doch eine Freisetzung von Radioaktivität verhindern. Jetzt sollte er geöffnet werden? Dies glaubte man der Öffentlichkeit nur schwer verständlich machen zu können. Ähnliches galt für das Betriebspersonal: Seine wichtigste Aufgabe ist es, die Freisetzung von Radioaktivität zu vermeiden. Was würde mit ihm geschehen, wenn es das Ventil zu „leichtfertig“ öffnen würde?

Spätestens nach dem Unfall in Harrisburg war es eine Tatsache, daß Brennstäbe trocken fallen können und es dann zur Bildung von Wasserstoff kommen kann. Um eine Explosion im Sicherheitsbehälter zu verhindern, wurde dieser während des Betriebs mit Stickstoff gefüllt. Tritt aber nach der Bildung von Wasserstoff, Gas aus dem Sicherheitsbehälter aus, kann es an der frischen Luft zu einer Explosion kommen. Alles seit Jahrzehnten bekannt und durch Experimente bestätigt.

Die Hauptursache war jedoch der Ausfall der Stromversorgung über eine zu lange Zeitdauer. Durch die Flutwelle war großflächig das Stromnetz zerstört. Das Kraftwerk hätte sich also mehrere Tage selbst versorgen müssen. Da das Einlaufbauwerk mit den Kühlwasserpumpen zerstört war, war mangels Kühlung eine Eigenversorgung des Kraftwerks unmöglich. Die Flutwelle hatte nicht nur die Notstromdiesel außer Gefecht gesetzt, sondern auch einen „großen Kurzschluß“ in den Schaltanlagen verursacht. Unmittelbare Hilfe von außen (z. B. Feuerwehr, Fachleute usw.) war erst später möglich, da die gesamte Infrastruktur im Bezirk großflächig und gründlich zerstört war. Die Betriebsmannschaft mußte sich im entscheidenden Zeitraum mit Batterien und Taschenlampen „durchwursteln“. Eine Situation, die (bislang) in keinem Handbuch beschrieben war. Das alles unter einer enormen psychischen Belastung: Es war sehr schnell klar, wie zerstörerisch dieser Tsunami gewesen sein mußte und fast alle hatten ihre Familien in den nahe gelegenen Orten. Diese Kombination von totalem Stromausfall und schweren Schäden im eigenen Kraftwerk, bei gleichzeitiger Isolation von der Außenwelt, hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

Das Positive am Unfall

Der Tsunami in Japan war eine der verheerendsten Naturkatastrophen, die ein Industrieland je getroffen hat. Schon die hohe Zahl an Toten und Vermissten spricht für die enorme Gewalt und Ausdehnung. Trotzdem sind nur vier von über fünfzig Reaktoren Totalschaden. Der überwiegende Teil ist nur leicht oder gar nicht beschädigt worden. Selbst bei dem schweren Unfall in Fukushima, ist kein Mensch durch Strahlung schwer geschädigt oder gar getötet worden. Insgesamt ein sehr positives Ergebnis. Bei Kernkraftwerken handelt es sich offensichtlich um recht robuste Anlagen.

Besonders positiv ist, daß eine deutliche Lernkurve zu verzeichnen ist: Je jünger die Anlagen, um so geringer die Schäden. Selbst die Kraftwerke der 1960er Jahre, die aus heutiger Sicht eine Menge Nachteile aufweisen, hatten so viele eingebaute „Sicherheiten“, daß sie zwar einen solchen Tsunami nicht überstanden haben, aber trotzdem nur eine geringe Gefährdung ihrer Umwelt darstellen.

Die Japaner sind tatkräftig dabei, ihr „Missgeschick“ in eine Chance umzuwandeln: Haben sie bereits mehrfach den Beweis geliefert, daß sie erfolgreich Kernkraftwerke in Erdbebenregionen bauen und betreiben können, sind sie jetzt dabei, der Welt zu zeigen, wie man mit einer „Nuklearkatastrophe“ verantwortungsvoll umgeht. Die Ruine wird zielstrebig und umweltschonend beseitigt. Und dies geschieht alles öffentlich und unter „kritischer Begleitung“ unserer „Atomkraftgegner“, die ihr Geschäftsmodell der Verbreitung von Angst langsam schwinden sehen. Die Story von „Millionen Toten, für zehntausende Jahre unbewohnbar“ hat sich als schlechte Propaganda erwiesen. Schlecht deshalb, weil inzwischen von jedem als maßlose Übertreibung erkennbar.

Lehren, die gezogen werden müssen

Fukushima hätte nicht passieren müssen. Dies ist die einhellige Schlussfolgerung in allen bisherigen Untersuchungsberichten. Wie aber, konnte es geschehen, daß man das Risiko einer bekannt hohen Flutwelle förmlich ausblendete? Seit der Planung, wurde immer wieder von namhaften Geologen (keine selbsternannten „Atomexperten“) auf die mögliche Höhe einer Flutwelle an diesem Standort hingewiesen. Bei dem Kraftwerk in Fukushima handelte es sich um eine veraltete Konstruktion. Allein in den USA sind von diesen „alten Typen“ noch über 30 Stück in Betrieb. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die konstruktiven Schwachstellen wurden herausgearbeitet und durch Nachrüstmassnahmen zumindest entschärft. Gleiches geschah z. B. in Schweden.

In Japan hat die „Atomaufsicht“ völlig versagt. Schlimmer: Wie man sich heute eingesteht, mußte sie versagen, weil sie von ihrer Konzeption her so angelegt war. Der japanische Staat ist vom Selbstverständnis her, ein fürsorglicher Staat. Er ist für das Wohl der Nation maßgeblich verantwortlich und sorgt deshalb für die ausreichende und sichere Versorgung mit Energie. Insofern war es in sich logisch, auch die Kernenergie von der Planung bis zum Betrieb möglichst eng zu verknüpfen. Anfangs ein Erfolgsrezept, denn Kerntechniker sind nicht per Knopfdruck zu erschaffen. Schon die Ausbildung dauert überdurchschnittlich lang und erfordert spezielle Qualifikationen. Heute spricht man treffend vom „Nuclear Village“ in Japan, in dem jeder mit jedem irgendeine Beziehung unterhält. Dieses System gipfelt im „Amakudari“ (etwa: vom Himmel herabsteigen) japanischer Behörden. Damit ist gemeint, daß Staatsbedienstete vor dem endgültigen Ruhestand noch einmal in die Privatwirtschaft wechseln um „richtig Geld zu machen“. Sie nutzen dann für ihre neuen Dienstherren ihre „Behördenerfahrung“ und ihre Kontakte. Man kann sicherlich nicht erwarten, daß solche „Kontrolleure“ ihre zukünftigen Brötchengeber durch „Übereifer“ verprellen wollen. Außerdem versucht man eine Lösung für die häufige Rotation zu finden. Für japanische Beamte ist alle zwei bis drei Jahre eine Versetzung üblich. Damit ist eine „Waffengleichheit“ bei der fachlichen Qualifikation zwischen Prüfer und Antragsteller kaum möglich. Dem Beamten bleibt aus Unsicherheit meist nichts anderes übrig, als dem Antragsteller in seiner Argumentation zu folgen. Nur so ist es erklärlich, warum z. B. die Anwendung der Wahrscheinlichkeitsanalyse so lange in Japan immer wieder verhindert werden konnte. Ein Beamter liebt keine Unsicherheiten, sondern wird immer einen konkreten Zahlenwert aus irgendeiner Vorschrift bevorzugen.

Bevor an dieser Stelle das Gefühl aufkommt, in Deutschland sei alles besser, nur mal einige Denkanstöße: Glaubt wirklich jemand, daß in Deutschland ein „Karrierebeamter“ noch wagt, ausschließlich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen den Salzstock in Gorleben zu beurteilen, wo doch politisch alles auf „Anti-Gorleben“ gebürstet ist? Wo war der Aufschrei, als unter Rot-Grün systematisch Aufsichtsbehörden mit „kritischen Wissenschaftlern“ (ein Synonym für nachweislich fachlich unqualifiziert, aber mit richtiger politischer Gesinnung) in Führungspositionen besetzt wurden? Wer sollte heute noch Forschungsgelder für kerntechnische Fragestellungen beantragen, wo der „Atomausstieg“ doch beschlossene Sache ist und Forschungsgelder eher für „Gender-Problematik“ abzugreifen sind? Hier geht es nicht um einzelne Personen, sondern um Strukturen, die absehbar (wieder) in die Katastrophe führen. Ideologische Vorgaben und Wissenschaft schließen sich grundsätzlich aus.

Selbst im angeblichen Mutterland des Kapitalismus scheint einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein. Zwar haben die USA eine ziemlich unabhängige und selbstbewusste „Atomaufsicht“, aber diese werkelt in Stundenlohnarbeit, zum Stundensatz von knapp 300 $, bei Genehmigungen jahrelang vor sich hin. Dort sitzen auch die Spezialisten, die sich beispielsweise ihr halbes Leben mit Rohren bei Dampferzeugern von Druckwasserreaktoren beschäftigt haben und deshalb auch die verwickelsten Fälle (San Onofre) in kurzer Zeit lösen. Aber mal ehrlich, wer möchte diesen Damen und Herren in Stundenlohnarbeit die Genehmigung eines gasgekühlten Wärmeübertragers vorlegen? Zwar gilt auch hier, die Kosten des einen, sind das Einkommen des anderen, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Unübliche Kosten (alle bauen ja schließlich Leichtwasserreaktoren) lassen sich nicht auf dritte, die Stromkunden, abwälzen. Ein solches System ist extrem innovationsfeindlich. Das hat auch die amerikanische Regierung erkannt und versucht nun durch Milliardenprogramme (z. B. SMR-Reaktoren) diesen Fehler mehr schlecht als recht zu heilen – und was kommt raus? Überraschung: Kleine Druckwasserreaktoren, wie man sie eigentlich schon seit Jahrzehnten für die Marine baut.

Nun haben die USA wenigstens noch die „Nationale Sicherheit“, für die man eigentlich immer Gelder auftreiben kann und weitestgehend ungehindert forschen und entwickeln kann. Oder müssen wir uns doch eher auf „Gelenkte Demokratien“ verlassen, wo ein Diktator, in seiner unendlichen Weisheit, vielleicht doch neue Reaktortypen entwickeln läßt? Auszuschließen ist das nicht. Vielleicht ist es ja ein „Guter Diktator“, der uns an seinem Fortschritt auch noch selbstlos teilhaben läßt. Schließlich wollen unsere „Energiewender“ ja auch die Menschheit retten.

Soll Bürokratie und Planwirtschaft tatsächlich die Antwort auf eines der dringendsten Probleme der gesamten Menschheit sein: Ausreichend preiswerte Energie! Oder ist der „Geist von Cupertino“ nicht viel eher die Antwort? Wieso konnte ein Computerhersteller etliche Milliarden Dollar eigenes (!!!) Geld in die Hand nehmen und gegen den Rat aller „Telefonexperten“ ein völlig neues Telefonkonzept entwickeln? Die Antwort ist einfach: Weil man ihm die Freiheit dazu ließ! Selbstverständlich war er verpflichtet, alle geltenden Vorschriften und Sicherheitsnormen einzuhalten – aber bitte nicht mehr.