Tschernobyl – 30 Jahre danach

Es ist schon so eine Sache, mit den runden Jubiläen. Zu solchen Anlässen schwappen Wellen der Erinnerung durchs Land. Eigentlich wollte der Autor dieses „Pflichtereignis“einfach übergehen, aber schon im Vorfeld wurde auch er von der Welle erfaßt.

Was macht Tschernobyl so besonders?

Diese Katastrophe – Unfall wäre diesem Ereignis nicht angemessen – brach auch über die Fachwelt wie ein Tsunami herein. Man kann es nur verstehen, wenn man sich die Begriffe „Sowjetunion“ (damals offiziell als das „Reich des Bösen“ betitelt) – und „eiserner Vorhang“ wieder vor Augen führt. Es gab kaum Informationen über Kernkraftwerke im „Ostblock“. Wenn überhaupt, wurden sie privat mit äußerster Zurückhaltung auf internationalen Kongressen etc. ausgetauscht. Für mich gibt es bis heute zwei Schlüsselerlebnisse für den damaligen Zustand: Das – auch im Westen sehr beliebte – Standardlehrbuch der DDR über Kernenergie (Tereza Khristoforovna Margulova, zahlreiche Bücher und über 300 Fachaufsätze), enthielt nur Zeichnungen und Bilder von westlichen Reaktoren. Es war also mehr ein „Wunschbuch“ als ein Lehrbuch. Noch viel bewegender war für mich der offene Streit zwischen Edward Teller und der Reagan-Administration über die Geheimhaltungspolitik der USA: Edward Teller trat vehement für die Freigabe aller vorhandenen Informationen über die Sowjetunion ein, weil er der Meinung war, dies würde den Menschen die Augen öffnen über dieses System und zum unmittelbaren Zusammenbruch dieser „Weltmacht“ führen.

In diese Stimmungslage platzte die Nachricht von Tschernobyl. Nicht etwa aus der Sowjetunion selbst, sondern aus Skandinavien und Frankreich. Man hatte in beiden Ländern die radioaktiven Wolken mit den Überwachungssystemen der Kernkraftwerke erfaßt. Die Nachricht war nicht mehr geheim zu halten. Jedem Fachmann war klar, da mußte etwas unvorstellbares in der Ukraine passiert sein. Besonders kafkaesk mutete die Lage in der DDR an. Das „Westfernsehen“ berichtete stündlich, die „Aktuelle Kamera “ machte noch tagelang weiter, als sei nichts geschehen. Ähnlichkeiten zu heutigem Regierungsverhalten sind keinesfalls zufällig, sondern eher von Kindheit an anerzogen. Was nicht in das eigene Weltbild zu passen scheint, wird lieber ignoriert und das eigene Nichthandeln läßt man regierungsamtlich als Besonnenheit verklären.

Die Reaktion in „West-Deutschland“

Die Wahrheit ist, das Land war überhaupt nicht vorbereitet. Kernkraftwerke sind sicher. Punkt. Nach dem Störfall von Harrisburg (TMI) galt das um so mehr: Reaktor Totalschaden, aber keine Verletzten und (praktisch) keine Freisetzung von Radioaktivität in die Umgebung – also alles richtig gemacht. Wer sich mit „schweren Unglücken“ und Gegenmaßnahmen beschäftigte, arbeitete angeblich nur den „AKW-Gegnern“ in die Hände. Ein schwerer Irrtum. Schon damals war Deutschland keine Insel der Glückseligen, umgeben von einem Meer ohne Kernenergie. Noch heute hält man eisern an dieser Ideologie fest. Man verklagt lieber Länder auf die Stilllegung ihrer Kraftwerke, als das man sich mit der Realität auseinandersetzt.

Durch die mangelnde Vorbereitung haben auch die Kernenergiebefürworter eine Chance verpasst. Man hätte die Ausbreitung, Kontaminierung von Boden und Lebensmitteln viel genauer dokumentieren können. Ein unschätzbarer Schatz gegen Kollektivdosen, LNT etc. Stattdessen waren die Messkampagnen höchst selten und unvollständig. Meist unorganisiertes Ergebnis privater Initiative.

Gleichwohl packte die „Angstindustrie“ die Gelegenheit beim Schopfe. Tschernobyl sollte Greenpeace und Co Millionen an Spendengelder einbringen. Allerdings kann man auch das nur im geschichtlichen Zusammenhang sehen. In der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre begann der rapide Niedergang der sog. K-Gruppen an deutschen Universitäten. Die Genossen Trittin, Kretschmann etc. mußten sich umorientieren, wenn sie ihre Vorstellungen von Gesellschaftsveränderung und Sozialismus noch umsetzen wollten. Die Hunderttausende gegen Nato-Doppelbeschluss, Kernkraftwerk Brokdorf, Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf und Endlager Gorleben waren einfach zu verlockend. Erst 1980 gegründet, stellten die Grünen 1985 in Hessen die erste Koalition mit dem Umweltminister Joschka Fischer. Dies war noch keiner Partei „links von der SPD“ gelungen.

Interessant, aber bis heute nicht aufgearbeitet, ist die selektive Wahrnehmung unter den Linken gewesen. Irgendwie waren ja russische „AKW“ eigentlich gute „AKW“, weil sozialistische „AKW“. Bitte keine Fragen zum Sinn und Konstruktionsprinzip der RBMK stellen, denn für jeden gläubigen Linken gehört(e) es zu den Glaubensgrundsätzen, daß Ronald Reagan der Kriegstreiber gegen den friedliebenden Kreml war. Wenn man auch sonst keine Gelegenheit ausließ, auf die Verknüpfung von „AKW“ und „Atombombe“ hinzuweisen, war das im Zusammenhang mit Tschernobyl tabu. In dieser Zeit wurde der Mythos von der „Unbeherrschbarkeit“ erschaffen, der bis heute in der „ungelösten Endlagerfrage“ religiöses Dogma ist. Wenn es nicht einmal in der friedliebenden und nicht profitorientierten Sowjetunion möglich war, Kernkraftwerke „sicher“ zu betreiben, dann mußte die Kerntechnik prinzipiell nicht beherrschbar sein. Heute mag das fast lächerlich anmuten, aber 1986 konnte sich kein westdeutscher Linker vorstellen, was real existierender Sozialismus darstellte oder gar, daß dieses System in wenigen Jahren kollabieren würde. In Deutschland geht halt Ideologie vor Fakten: War doch die Begründung der Bundeskanzlerin für ihre 180°-Wende nach Fukushima, ihr angeblich enttäuschter Glaube an die Unfehlbarkeit der japanischen Technik.

Besonders zynisch ist es, wenn in deutschen Qualitätsmedien die Aufräumarbeiten von Fukushima immer in einem Atemzug mit Tschernobyl genannt werden. Kein Wort über die ahnungslosen und schlecht ausgerüsteten Feuerwehrleute, die brutal in den Tod geschickt worden sind. Kein Wort über die (fast unmittelbar) neben der Ruine spielenden Kinder, die aus ideologischen Gründen nicht unverzüglich in Sicherheit gebracht wurden. Kein Wort über die „heldenhaften“ Bauarbeiter, die direkt von den Gerüsten im Baltikum verhaftet wurden, um unter höchster Strahlenbelastung Dienst zu tun. Ganz ohne Meßgeräte, aber dafür mit jeder Menge Falschinformationen. Manch ein „Putinversteher“, der immer noch nicht begreift, warum man im Baltikum so gerne Nato-Panzer sieht, könnte hier eine Antwort (von vielen) finden. Tschernobyl war der letzte Sargnagel, den sich das Sowjetsystem höchstselbst eingeschlagen hat. Dies könnte auch eine Erklärung für „Grüne“ sein, warum Tschernobyl nicht zu einer „Anti-AKW-Bewegung“ in der Ukraine, Polen und dem Baltikum geführt hat. Anders als in Deutschland, vermag man dort zwischen Physik und Politik zu differenzieren.

Die Lehren aus Tschernobyl

Es gibt zahlreiche Lehren und Konsequenzen die international aus dieser Katastrophe gezogen worden sind. Allein die technischen Berichte und Auswertungen füllen ganze Regale. Die Kerntechniker – aber leider nur die Techniker – haben ihre Lektion gelernt. Insofern ist Tschernobyl für die Kerntechnik, was die Titanic für den Schiffbau war. Ein unüberhörbarer Weckruf, der sicherheitstechnische Grundsätze erschaffen hat, die weltweit anerkannt und praktiziert werden: Baue keinen Reaktor mit positivem Reaktivitätskoeffizienten, baue immer ein Containment usw. usw.

Seefahrt tut not, wußte man schon im Altertum, obwohl sie bis zum heutigen Tage immer wieder Opfer fordert. Energieversorgung ist für eine Gesellschaft ohne Sklaverei mindestens genauso lebensnotwendig. Aus diesem Grunde hat man in rationaleren Gesellschaften die Kernenergie auch nicht als Teufelswerk verdammt. Es gilt Risiko und Nutzen abzuwägen und die Technik beständig zu verbessern. Ganz genauso, wie es die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte immer getan hat. Ohne diese Verfahrensweise, wäre ein Fortschritt im Seetransport, der Luftfahrt usw. nicht vorstellbar gewesen. Ganz nebenbei gesagt, hat die Kerntechnik in diesem Sinne vorbildliches geleistet. Nicht ohne Grund, ist sie zu der Energieform mit der geringsten Opferzahl geworden. Gleichwohl gibt es eine „opferfreie“ Energieerzeugung nur im Märchen. Schon im Kindergarten weiß man, daß man mit einem Fahrrad schnell von A nach B gelangen kann, aber auch übel stürzen kann. Kaum ein Kind verzichtet deshalb aufs Fahrradfahren. Wer „voran gehen will“, kann das gerne tun, muß sich nur nicht wundern, wenn er irgendwann feststellt, daß die anderen viel schneller waren und schon längst beim Essen sind.

Tschernobyl hat die Angst-vorm-schwarzen-Mann genommen

Von Anfang an, hat die Angstindustrie daran gefeilt, ein Alleinstellungsmerkmal für die Kerntechnik zu konstruieren: Wenn ein „AKW explodiert“, gibt es Millionen Tote und die betroffene Gegend ist für zehntausende von Jahren unbewohnbar. Aus moralischen Gründen sei es deshalb nicht zulässig eine solche Technik zu erlauben. Das war das Totschlagargument in jeder deutschen Talkshow. Sofort standen sich der idealistische und hoch moralische Gutmensch und der profitgierige, unterbelichtete Vasall der „Atomindustrie“ gegenüber. In diesen Momenten, konnte sich selbst eine Theaterwissenschaftlerin wie eine Greenpeace-Amazone im Schlauchboot vor einem Walfänger fühlen – selbstverständlich ohne Risiko auch nur die Frisur zu gefährden.

Nun hat in Tschernobyl tatsächlich der Super-Gau stattgefunden und das Kraftwerk ist explodiert, abgebrannt und hat den größten Teil seiner radioaktiven Stoffe wie ein Vulkan ausgeworfen. Schlimmer geht nicht. Nur, wo blieb der Weltuntergang? Eine Zeit lang, konnte man die Sache noch am köcheln halten in dem man irgendwelche Geschichten über irgendwelche Mutanten in der Zone erfand. Heute ist die „Sperrzone“ längst zu einer Touristenattraktion mutiert. In den Tagen nach der Katastrophe, schwelgte noch die gesamte Presse in apokalyptischen „Krebs-Epidemien“, die in einigen Jahren folgen würden. Nun, 30-Jahre später ist davon nichts eingetreten. Lediglich die staatstragenden Medien, wie z. B. der Deutschlandfunk, machen unbeirrbar weiter:

„Kinder, die erst nach dem Reaktorunglück geboren wurden, leiden unter Erbgutschäden und Missbildungen“ (Deutschlandfunk, 30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl).

Solch einen Schwachsinn trauen sich nur noch Medienbeamte mit garantierter Vollversorgung aus Zwangsbeiträgen. Das ist nicht mal mehr „Lügenpresse“, sondern einfach nur ganz schlechte Propaganda.

Es soll sogar Abtreibungen in Deutschland gegeben haben, weil Frauen fürchteten, irgendwelche Mutanten zur Welt zu bringen. In welcher Statistik werden eigentlich diese Opfer verbucht?

Die DPA teilt noch Anfang des Monats in ein und derselben Verlautbarung mit, daß 2015 bereits 15.000 Menschen die 30 km Todeszone (dieses Wort wird tatsächlich verwendet) als Touristen besucht hätten. Experten würden von Zehntausend Todesfällen infolge des Unglücks ausgehen. Sind solche Texte nun „Lügenpresse“ oder schlichte Blödheit oder beides?

Interessant ist auch, welche Hektik bei jeder Diskussion zur Endlagerung, die Erwähnung von Tschernobyl auslöst. Es fällt sogar den Kirchenvertretern sichtlich schwer zu glauben, warum das, was in Tschernobyl ziemlich offen rumliegt, nach aufwendiger Verpackung und Lagerung in hunderten Metern Tiefe, sich in eine die Menschheit gefährdende Angelegenheit verwandeln soll. Dafür ist mindestens so viel Glauben notwenig, wie für die Verwandlung von Wasser in Wein. In diesem Sinne, setzt die Feststellung von Greenpeace (Bergungskonzept für Tschernobyl-Ruine fehlt; vom 14.4.16) allem die Krönung auf: 440.000 Kubikmeter langlebiger Atomabfälle lägen unter dem alten „Sarkophag“. Das entspräche dem fünfzehnfachen Volumen aller hochradioaktiven Abfälle deutscher Atomkraftwerke. Danke Greenpeace, manchmal hab ich euch richtig lieb. So lieb, wie nach eurer Kampagne gegen die Versenkung einer alten Bohrinsel in der Nordsee.

Nun sind aber die PR-Abteilungen der Angstindustrie flexibel. Man rückte deshalb – bis Fukushima – immer weiter von der Angstmache ab. Es wurde eine angebliche Unwirtschaftlichkeit von Kernkraftwerken und die „ungelöste Endlagerfrage“ in den Vordergrund gestellt. Das erste Argument ist trefflich geeignet für Menschen, die immer noch Planwirtschaft für eine überlegene Wirtschaftsordnung halten. Wer nicht rechnen kann, glaubt halt jeden Zahlensalat. Das zweite Argument trieft vor moralischer Überlegenheit. Wer will schon seinen Nachfahren ein Problem vererben? Jedenfalls wenn es um „Atommüll“ geht. Durch Windparks zerstörte Landschaften und Vogelpopulationen, Berge von Sondermüll-Sonnenkollektoren oder mit Rückständen aus der Biogas-Produktion verseuchte Bäche und Seen sind natürlich etwas ganz anderes. Der Glaube versetzt Berge, sagt man. Um es klar zu sagen, es gibt keine Energieversorgung ohne Abfälle und Schadstoffe. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Schlangenölverkäufer, der sein Gegenüber für ziemlich dämlich hält.

Was uns Tschernobyl wirklich lehrt

Große Katastrophen sind immer Eckpunkte in der Technikgeschichte. Man kann meist klare Lehrsätze aus ihnen ableiten. So auch aus der Katastrophe von Tschernobyl. Dies macht die Opfer zwar nicht wieder lebendig, aber spendet vielleicht ein wenig Trost, daß ihr Tod nicht so sinnlos war, wie es manchem erscheint.

  • Die militärische und die zivile Nutzung der Kerntechnik sind strikt auseinander zu halten. Dringt das Militär mit seiner Geheimhaltung in die „doppelt genutzten“ Bereiche ein, sind die „Missverständnisse“ vorprogrammiert.
  • Fukushima und Tschernobyl haben eines gemeinsam: Die Ignoranz gegenüber ausgewiesenen Fachleuten (Fachleute sind nicht zu verwechseln mit „Atomexperten“, die von Interessengruppen ernannt werden). In Tschernobyl war es das Reaktivitätsverhalten, in Fukushima die bekannte Fluthöhe von Tsunamis. Probleme müssen offen diskutiert und erforderlichenfalls gelöst werden. Ein wird-schon-gut-gehen darf es in der Kerntechnik nicht geben.
  • Kerntechnik kann man nur richtig betreiben oder man läßt es besser bleiben. Unabdingbare Voraussetzung ist Transparenz, Verantwortung und Qualifikation aller Beteiligten. Wenn Halbwissende anfangen mit einem Reaktor zu spielen, ist alles verloren. Dies sei allen gesagt, die den Zubau von Kernkraftwerken in Diktaturen vorbehaltlos bejubeln.
  • Es gibt keine absolut sichere Technik. Deshalb sollte man auch gar nicht den Anschein erwecken. Es werden immer Schiffe untergehen, Flugzeuge abstürzen, Windmühlen umfallen, Dächer durch Sonnenkollektoren abbrennen. Nach Tschernobyl – völlige Zerstörung und Freisetzung – ist aber die Obergrenze durch ein trauriges Experiment vorgeführt worden. Lassen wir nun auch bitte den Blödsinn, von Millionen „virtuellen Toten“ zu schwafeln. 30 Jahre sind eine verdammt lange Latenzzeit. An welchem Tag soll denn das Massensterben einsetzen?
  • Wir kannten und kennen das Risiko (Schaden mal Eintrittswahrscheinlichkeit) sehr gut. Noch wichtiger: Es hat sich weder in Harrisburg, Tschernobyl oder Fukushima unvorhersehbares oder unbekanntes ereignet. Eher im Gegenteil! Es liegt nicht an der Technik als solches – wie immer gern von Grünen behauptet – sondern viel mehr an Handhabung und Aufsicht. Den Umgang gerade mit dieser Technik, kann man aber sehr wohl in den Griff bekommen, wie z. B. die US-Navy eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Man muß nur den festen Willen dazu haben.
  • Man muß offensiv mit dem vorhandenen Risiko umgehen. Es darf kein Tabu geben. Schon bei der laufenden Ausbildung sollten Ereignisse durchgespielt werden, die über die „Auslegungsstörfälle“ hinausgehen. Die Einrichtung von überregionalen „Katastrophenzentren“ geht in die richtige Richtung. Schließlich ist die Antwort auf (unvermeidbare) Brände – trotz vorbeugendem Brandschutz – auch die Einrichtung von Feuerwachen.
  • Die Bevölkerung in der Nähe von Kernkraftwerken muß aufgeklärt werden und aktiv in den Katastrophenschutz einbezogen werden. Nur wer die Gefahren versteht und Schutzmaßnahmen kennt, kann im Ernstfall auch vernünftig handeln. Ganz besonders Fukushima hat gezeigt, daß (irrationale) Angst tötet.
  • Nur Übung macht den Meister. Dies gilt auch beim Katastrophenschutz. Die guten, alten ABC-Schutzübungen sind aktueller denn je. Deutschland kann sich nicht durch ein paar Windmühlen und Sonnenkollektoren aus der realen Welt wegzaubern. Wir sind von Kernkraftwerken und bald auch von Endlagern umgeben. Entweder sind die Gefahren durch Fessenheim, Bure etc. real, dann helfen keine Klagen dagegen, sondern nur Schutzmaßnahmen oder es geht einfach nur um politisches Theater. Terrorismus findet bereits vor der Tür statt. Deutschland zieht mit seiner anerzogenen „Atomangst“ und seiner Weltabgewandtheit „Nuklearterroristen“ geradezu magisch an.

Reaktortypen heute und in naher Zukunft

Warum haben sich einige Reaktoren durchgesetzt und andere nicht?

Bevor die technische Betrachtung los gehen kann, sind einige Vorbemerkungen erforderlich. Es sind die immer gleichen Sätze, die aber all zu gern gerade von Technikern und Wissenschaftlern verdrängt werden: Da draußen, in der realen Welt, außerhalb von Hörsälen und Politologenseminaren, kostet alles Geld und muß auch alles wieder Geld einbringen. Einen Euro, den man für Forschung ausgegeben hat, kann man nicht noch einmal für „soziale Projekte“ oder sonst irgend etwas ausgeben. In der Politik herrscht der nackte Verteilungskampf. Jeder in der Wirtschaft investierte Euro, muß nicht nur wieder eingespielt werden, sondern auch noch einige Cents zusätzlich einbringen – gemeinhin Gewinn genannt. Dies ist geradezu naturgesetzlich. Wie der „Real Existierende Sozialismus“ eindrücklich bewiesen hat, bricht sonst ein ganzes Gesellschaftssystem einfach in sich zusammen.

Die Evolution

Von den unzähligen Reaktortypen, haben nur drei – in der Reihenfolge ihrer Stückzahl – überlebt: Druckwasser-, Siedewasser- und Schwerwasserreaktoren. Gestorben sind alle mit Gas gekühlten, Graphit moderierten, und „schnellen“ Reaktoren. Manche sind über den Status eines Prototypen – wie z. B. die Salzbadreaktoren – nicht hinaus gekommen. Das sagt weniger über ihre „technischen Qualitäten“, als sehr viel mehr über die Gültigkeit der Vorbemerkung aus.

Die „schnellen“ Brüter

Das einzige, in der Natur vorkommende Material, mit dem man eine Kettenreaktion einleiten kann, ist Uran-235. Der Anteil dieses Isotops am Natururan beträgt nur 0,7%. Hört sich beängstigend gering an. Mit Prozenten ist das aber immer so eine Sache: Wenn man nicht fragt, von wieviel, kann man schnell zu falschen Schlüssen gelangen. Drei Dinge sind zu berücksichtigen, die sich gegenseitig positiv verstärken:

  1. Nach menschlichen Maßstäben, gibt es auf der Erde unerschöpflich viel Uran. Uran ist als Spurenelement überall vorhanden. Allein in den oberen 30 cm Erdschicht, sind auf jedem Quadratkilometer rund 1,5 to vorhanden (der durchschnittliche Urangehalt in der Erdkruste liegt bei 2,7 Gramm pro Tonne). Das Uran-Vorkommen im Meerwasser wird auf vier Milliarden Tonnen geschätzt. Der Menschheit wird das Uran also nie ausgehen. Eine von „Atomkraftgegnern“ immer wieder gern verbreitete angebliche Reichweite von ohnehin nur 30 bis 80 Jahren, ist einfach nur grottenschlechte Propaganda.
  2. Für uns Menschen setzt die Kernspaltung von Uran unvorstellbare – weil außerhalb unseres normalen Erfahrungshorizont liegend – Energiemengen frei. Die Spaltung eines einzelnen Gramms Uran setzt rund 22.800 kWh Wärme frei oder viel anschaulicher ausgedrückt, 13 boe (Fässer Rohöläquivalent). Zur Zeit kostet ein barrel (159 Liter) Rohöl rund 80 Euro am Weltmarkt. Ein Pound (453 gr) U3 O8 kostet aber nur etwa 50 US-Dollar – und damit nicht 1 Million (!!) Dollar, wie es seinem „Öläquivalent“ entsprechen würde. Diese Abschätzung macht deutlich, daß noch einige Zeit vergehen dürfte, bis das Uran auch nur im wirtschaftlichen Sinne knapp werden wird. Allein das bisher geförderte Uran (in der Form von Sprengköpfen, abgebrannten Brennelementen etc.) reicht für einige Jahrtausende aus, um den heutigen Weltbedarf an elektrischer Energie zu produzieren.
  3. In thermischen Reaktoren (gemeint ist damit, Reaktoren in denen überwiegend nur sehr langsame Neutronen die Kernspaltung betreiben.) wird vorwiegend Uran-235 genutzt, das aber im Natururan nur zu 0,7 % enthalten ist. Man glaubte, durch diesen „Faktor 100“ könnte sich vielleicht früher ein Engpass ergeben. Um so mehr, da bei Leichtwasserreaktoren eine Anreicherung auf 3 bis 5 % sinnvoll ist. Wegen der erforderlichen Anreicherung benötigt man fast die zehnfache Menge Natururan für die Erstbeladung eines solchen Reaktors. In Wirklichkeit ist es weit weniger dramatisch, da bei jeder Spaltung durch die Überschußneutronen neuer Spaltstoff (Plutonium) erzeugt wird. Die Konversionsrate bei heutiger Betriebsweise beträgt etwa 0,6. Mit anderen Worten, wenn 10 Kerne gespalten werden, bilden sich dadurch 6 neue „Spaltkerne“. Dafür benötigt man eine Wiederaufbereitungsanlage, deren Betrieb aber reichlich Geld kostet. Bei den heutigen, geringen Uranpreisen am Weltmarkt (siehe oben) lohnt sich das wirtschaftlich kaum. Man läßt die abgebrannten Brennelemente erst einmal stehen. Für die Kraftwerksbetreiber sind sie Abfall (weil nicht länger mehr im Reaktor einsetzbar), aber trotzdem Wertstofflager und keinesfalls Müll. Darüber hinaus sind sie um so leichter zu verarbeiten, je länger sie abgelagert sind.

Bedenkt man diese drei Punkte und den Vorspann, hat man unmittelbar die Antwort, warum sich Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum bis heute nicht kommerziell durchsetzen konnten. Sie sind in Bau und Betrieb wesentlich teurer als Leichtwasserreaktoren. So muß man Natrium- oder Bleilegierungen als Kühlmittel einsetzen. Eine völlig andere Technologie. Für Pumpen, Ventile und was man noch so alles in einem Kraftwerk braucht, gibt es nur weniger als eine Handvoll Hersteller, die alles in Einzelanfertigung herstellen mußten. Selbst das Kühlmittel ist ein Problem: Für vollentsalztes Wasser findet man heute praktisch in jeder Stadt einen Lieferanten. Für „Reaktornatrium“ gibt es nach Kenntnis des Autors praktisch nur einen Hersteller weltweit – übrigens ein deutsches Unternehmen – der bis nach Rußland und China liefert. In einem „natriumgekühlten“ Reaktor hat man drei Kühlkreisläufe (einen radioaktiven durch den Kern, einen Zwischenkreis zum Strahlenschutz und einen Wasser-Dampf-Kreislauf zur eigentlichen Stromerzeugung). Demgegenüber hat ein Siedewasserreaktor nur einen, der auch ohne Umwälzpumpen auskommen kann. Der Unterschied in Investitions- und Betriebskosten dürfte auch jedem Laien nachvollziehbar sein.

Weitaus schwerwiegender ist aber das wirtschaftliche Risiko. Kein verantwortungsvoller Energieversorger auf der Welt, wird sich für einen schnellen Reaktor zur kommerziellen Stromerzeugung entscheiden. Unkalkulierbares Genehmigungsverfahren mit unbestimmten Ausgang: Dafür findet sich keine Bank, die darauf einen Kredit gibt. Es bleibt daher auf absehbare Zeit wie es ist. Solche Reaktoren können nur in Rußland, China und Indien in staatlicher Regie gebaut werden. Sollten sich in einem „westlichen“ Land tatsächlich Politiker finden, die dafür die Verantwortung tragen wollen, könnte es sofort losgehen. Das Jahrzehnte dauernde Drama in Japan (Monju, Baubeginn 1984 (!), bis heute im ständigen Umbau) ist allerdings abschreckendes Beispiel genug. Technisch, gibt es keine grundlegenden Probleme mehr. Technisch, hätte das Projekt ungefähr das Risiko und den finanziellen Aufwand eines neuen Verkehrsflugzeugs oder einer neuen Weltraumrakete – nur für Politiker ist es eben nicht attraktiv. Dies ist übrigens keine Politikerschelte, denn die werden von uns selbst gewählt.

Selbst in USA läßt man sich für zig Milliarden lieber eine Mischoxid-Brennelemente-Fabrik von Areva bauen, nur um seinen vertraglichen Pflichten gegenüber Rußland aus dem Abrüstungsprogramm nachkommen zu können. Was in Frankreich funktioniert, kann so schlecht nicht sein. Die eigene IFR-Entwicklung hat man an Japan verscherbelt. Sie lebt heute unter dem Kürzel PRISM (Power Reactor Innovative Small Module) in einem Gemeinschaftsunternehmen von GE und Hitachi Nuclear Energy (GEH) mehr schlecht als recht, weiter. 2012 hat sich GEH in Großbritannien um ein Projekt zur Beseitigung des nationalen Überschusses an Plutonium beworben. Als Alternative zu Mischoxid-Brennelementen, mit deren Fertigung man in GB keine berauschenden Erfahrungen gemacht hatte. Mal sehen, was daraus wird. Es sollte übrigens ausdrücklich kein „Brüter“, sondern ein „Brenner“ werden, der möglichst schnell, möglichst kostengünstig, große Mengen Plutonium untauglich für eine Waffenherstellung macht.

Die Hochtemperaturreaktoren

Immer wieder taucht die (zweifelhafte) Forderung nach höheren Temperaturen auf. Entweder ist die Begründung ein besserer Wirkungsgrad oder die Nutzung für die Chemie. Deutschland war nach der Ölkrise der 1970er federführend in der Entwicklung. Will man höhere Temperaturen (über 300 °C) erreichen, bleibt praktisch nur eine Gaskühlung, da bei Wasserdampf der Druck in eine nicht mehr sinnvolle Dimension ansteigt. Außerdem verläßt man im Reaktor das Naßdampfgebiet, was für die „Reaktordynamik“ nur Nachteile bringt.

In den 1950er Jahren hatte man das Problem mit „zu nassem“ Dampf im Turbinenbau. Ausserdem ging zwangsläufig der Bau von Reaktoren mit Graphit als Moderator (für die Rüstung) voran. In Großbritannien ergaben sich die MAGNOX-Reaktoren mit Natururan und CO2. als Kühlmittel. Sie wurden mit einem Druck von knapp 21 bar und 400 °C betrieben. Schon damals unwirtschaftlich. Die Entwicklung ging folgerichtig weiter, zum AGR mit rund dem doppelten Druck und einer Temperatur von 630 °C. Von diesem Advanced Gas-cooled Reactor (AGR) wurden immerhin zehn Reaktoren mit einer Gesamtleistung von fast 6.000 MWe gebaut. Die hohe Temperatur in Verbindung mit CO2. führte zwar immer wieder zu Korrosionsproblemen, aber eigentlich sind es recht robuste Kraftwerke. Bei Neuplanungen geht man aber auch in Großbritannien ausschließlich von Leichtwasserreaktoren aus.

In der Sowjetunion erschuf man einen mit Graphit moderierten Druckröhren Reaktor (RBMK). Er erlangte in Tschernobyl traurige Berühmtheit. Es sind wohl immer noch acht Reaktoren in Betrieb. Die Mehrzahl wurde aber bereits aus dem Verkehr gezogen.

Auf die „echten“, mit Helium gekühlten Hochtemperatur-Reaktoren (z. B THTR in Deutschland mit 750 °C Austrittstemperatur) wird weiter unten noch eingegangen.

Kernenergie zur Stromproduktion

Bisher hat sich die Kernenergie weltweit ausschließlich zur Produktion elektrischer Energie durchgesetzt. Warum das auch auf absehbare Zeit so bleiben wird, später.

Nun hört man immer wieder das „Modewort“ von der „Energieeffizienz“. Gegen Leichtwasserreaktoren wird von „Atomkraftgegnern“ immer gern das Argument der angeblich schlechten Wirkungsgrade angeführt. Als Wirkungsgrad ist das Verhältnis von erhaltener Energie (die elektrische Energie, die aus dem Kraftwerk ins Netz geht) zu eingesetzter Energie (Spaltung von Uran oder Plutonium) definiert. Eine solche Definition macht in diesem Fall ohnehin wenig Sinn: Zumindest Plutonium ist ein (außer als Energieträger) wertloser Stoff, der potentiell sogar gefährlich (wie z. B. Quecksilber) ist. Eine andere Situation als bei Öl, Erdgas usw., die man auch als Rohstoff für vielfältige, andere Zwecke (Treibstoff, Kunststoffe etc.) nutzen kann. Ein besserer Wirkungsgrad macht bei der Kernenergie nur als „verminderte“ Betriebskosten Sinn. Wie aber schon oben gezeigt wurde, kostet Uran (energetisch betrachtet) fast nichts, aus dem Schornstein (im Vergleich zu einem Kohlekraftwerk) kommt auch nichts und die Asche (Spaltprodukte) ist weniger, als bei einem Gasturbinen-Kraftwerk aus dem Schornstein kommt. Alles keine Anreize, damit man um Wirkungsgrad-Punkte kämpft.

Trotzdem kann es nicht schaden, wenn man mal über den Zaun schaut. Die Spitzenwerte liegen heute für Koppelprozesse in Gasturbinen-Kraftwerken, mit nachgeschaltetem Dampfkreislauf zur Abwärmenutzung, bei 60%. Die modernsten Steinkohle-Kraftwerke haben Wirkungsgrade von 46% und der EPR von Areva 37%. Wenn man den Koppelprozeß mit 1 ansetzt, verhalten sich Kombi-, zu Steinkohle-Kraftwerk und Druckwasserreaktor wie 1,0 : 0,77 : 0,62. Alles keine Zahlen, um ein völlig neues Kraftwerkskonzept zu verkaufen (Sie erinnern sich noch an den Vorspann?).

Sehr interessant in diesem Zusammenhang wäre die Kraft-Wärme-Kopplung: Ein Kernkraftwerk als Heizkraftwerk. Plötzlich hätte man die gleichen Nutzungsgrade, wie aus den Prospekten der Block-Heiz-Kraft-Werk (BHKW) Hersteller und Rot/Grünen-Parteitagen – und das auch noch ohne Abgase und Geräusche. Ja, wenn nur die Strahlenphobie nicht wäre. Wir könnten leben, wie in der Schweiz (KKW Beznau) oder einst an der Unterelbe (KKW Stade).

Kernenergie als Wärmequelle

Mit Leichtwasserreaktoren läßt sich sinnvoll nur Wärme unter 300 °C herstellen. Wärme läßt sich wirtschaftlich immer nur über kurze Strecken transportieren. Andererseits nimmt gerade die Niedertemperaturwärme (Raumheizung, Warmwasser etc.) einen beträchtlichen Anteil in der nördlichen Hemisphäre ein. Man müßte lediglich Kernkraftwerke (vielleicht SMR?) in der Nähe von Metropolen bauen um „Fernwärme“ auszukoppeln.

Sehr hohe Temperaturen braucht man nur in der Industrie (Metalle, Glas etc.) und der Chemie. Diese Anwendungen sind heute eine Domäne von Erdgas und werden es auch bleiben. Hochtemperatur-Reaktoren wurden immer nur als Angebot für das Zeitalter nach dem „Ölzeitalter“ (wann das wohl sein wird?) vorgeschlagen. In Deutschland nannte man das „Kohle und Kernenergie“ und schuf den Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR), auch Kugelhaufen-Reaktor genannt. Er hat Austrittstemperaturen von 750 °C erreicht (für die Stromerzeugung mit Trockenkühlturm), sollte aber über 1000 °C für „Kalte Fernwärme“ und Wasserstoffproduktion erreichen.

Weltweit werden mehr als 500 Milliarden Normkubikmeter Wasserstoff produziert. Hauptsächlich aus Erdgas. Größte Verbraucher sind Raffinerien und Chemieanlagen. Folgt man einmal nicht Greenpeace und Putin („Wir brauchen mehr umweltfreundliche Gaskraftwerke“), sondern ersetzt im Gegenteil Erdgaskraftwerke durch Kernkraftwerke, kann man ganz konventionell riesige Wasserstoffmengen zusätzlich produzieren. Dagegen kann nicht mal die „Klima-Schutz-Staffel aus Potsdam“ etwas einwenden, denn bei der Umwandlung von Methan fällt nur Wasserstoff und CO2 an. Das Kohlendioxid kann nach texanisch, norwegischem Muster in den alten Öl- und Gasfeldern entsorgt werden oder nach niederländischem Muster in Tomaten. Der Einstieg in die „Wasserstoffwirtschaft“ kann erfolgen. Bis uns das Erdgas ausgeht, können Hochtemperaturreaktoren warten.

Fazit

Es geht mir hier nicht darum, für die Einstellung von Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Kerntechnik einzutreten. Ganz im Gegenteil. Es nervt mich nur, wenn ganz schlaue Kernenergiegegner einem im Schafspelz gegenübertreten und einem erzählen wollen, daß sie ja eigentlich gar nicht gegen Kernenergie sind: Wenn, ja wenn, nur die „ungelöste Entsorgungsfrage“ erstmal gelöst ist und es „sichere Reaktoren“ gibt. Man würde ja in letzter Zeit auch immer von ganz „interessanten Konzepten“ lesen. Was spreche denn dagegen, erstmal abzuwarten? Bis dahin könnte man ja Wind und Sonne ausbauen. Die würden ja dadurch auch ständig billiger werden (Ha, ha, ha) und wahrscheinlich bräuchte man dann auch gar keine Kernenergie mehr. Und überhaupt, die „Energieeffizienz“ sei überhaupt die größte Ressource, man vertraue da ganz auf den Erfindergeist der „Deutschen Ingenieure“. Na denn ….