Das Trump’sche Energiezeitalter

Wenn man nach einigen Wochen USA wieder zurück ist und das Zwangsgebühren-Fernsehen einschaltet, glaubt man Nachrichten von einem anderen Stern zu sehen. Jedenfalls ist Washington ferner, als einst Bonn für „Aktuelle Kamera“ und den „Schwarzen Kanal“ gewesen sind. Es ist deshalb dringend zu raten, sich etwas näher mit der Energiepolitik der USA zu beschäftigen.

Was will Trump?

Hier wird immer noch von einer „Unberechenbarkeit des POTUS (President Of The United States)“ geschwafelt. Die Wirklichkeit ist anders: Für deutsche Verhältnisse offensichtlich unbegreiflich, handelt es sich bei Trump um einen Mann – die Bezeichnung Politiker wird an dieser Stelle bewußt nicht verwendet – der das ausspricht, was er denkt und es anschließend auch umsetzt. Wer die unzähligen Wahlkampfauftritte aufmerksam verfolgt hat, ist von keinem seiner Schritte überrascht.

Trump ist kein Politiker und er wird wahrscheinlich auch nie einer werden, weil er es gar nicht sein will. Er ist ein Vollblut-Unternehmer in des Wortes ursprünglicher Bedeutung. Der Kosmos „Washington“ ist ihm so fremd und so zuwider, daß er nur noch vom Sumpf spricht. Getreu seinem Vorbild Ronald Reagan: Der Staat ist nicht die Lösung, der Staat ist das Problem. Bezeichnenderweise wird genau dieser Präsident bis zum heutigen Tage in Deutschland gern als Schauspieler verunglimpft. Anders in den USA: Dort wird er – unabhängig von der Parteizugehörigkeit – inzwischen zu den zehn besten Präsidenten gezählt, die es je in der Geschichte der USA gegeben hat. Freilich gemessen an ihren Taten und nicht an irgendeinem Geschwafel aus den Lehrbüchern der „politischen Wissenschaften“. Obama war der Prototyp des Schönsprechers schlechthin. Er hat diesen Stil soweit auf die Spitze getrieben, bis er sogar farbige Wähler, Minderheiten und vor allem die sogenannte Arbeiterschaft (die traditionelle Wählerschaft der Demokraten) in das Trump’sche Lager getrieben hat.

Trump ist Patriot. Das kann man mögen oder nicht. Er wurde in Schule und Elternhaus so erzogen und er ist von der Kraft der Bibel und der Verfassung zutiefst überzeugt und kann aus beiden auswendig zitieren. Wer glaubt, >>America first again<< sei nur ein flotter Spruch einer Wahlkampfagentur gewesen, hat diesen Mann und seine Anhängerschaft in keiner Weise verstanden. Ganz im Gegenteil: Das gesamte Trumplager ist geradezu beseelt von dem Gedanken, die USA wieder großartig zu machen und sie haben auch ganz klare Vorstellungen wohin die Reise gehen soll: Mehr Wohlstand, mehr Freiheit und Verantwortung für den Einzelnen und größere Stärke nach außen, um diese Werte jederzeit verteidigen zu können – ein Frontalangriff auf jede linke Ideologie.

Wer sich hier der Illusion hingibt, ein paar „Kulturschaffende“ oder gewalttätige „Antifanten“ könnten den personifizierten linken Albtraum bald vertreiben, wird sich täuschen: Hält Trump Kurs, wird er mit überwältigender Mehrheit wieder gewählt werden und der „American way of live“ wird wieder einmal für viele zum Vorbild werden. Wie zielstrebig und hartnäckig der „Baulöwe“ ist, hat er bereits in seinem bisherigen Leben unter Beweis gestellt: Jedes seiner Bauprojekte war umstritten und von vielen „Experten“ als undurchführbar erklärt worden. Gleichzeitig liegt aber in seinem Erfolg auch sein persönliches Risiko: Er könnte Opfer – wie Ronald Reagan – eines Attentats werden.

Der Stellenwert der Energie im Trump’schen Plan

Trump weiß, daß Energie die wirtschaftliche Schlüsselgröße ist: Mit Energie geht alles, ohne (preiswerte) Energie geht nichts. Er hat deshalb sofort mit der Entfesselung begonnen. Bereits in der Übergangszeit zwischen seiner Wahl und seinem Amtsantritt hat er zahlreiche Dekrete unterschriftsreif ausgearbeitet und diese ohne zu zögern bei Amtsantritt in Umlauf gebracht. Diejenigen in der Industrie, die ihm schon vorher aufmerksam zugehört hatten, haben sich parallel auf das zu erwartende vorbereitet. Die „Energieexperten“ in Deutschland reiben sich noch heute die Augen, warum Benzin und Diesel plötzlich wieder rund 50 Eurocent in den USA kostet. Geschweige, begreifen sie auch nur annähernd die Konsequenzen. Sie verharren lieber weiter in ihrer Traumwelt aus Wind, Sonne und Elektroautos.

Wenn man Wohlstand will, muß man Arbeitsplätze gestatten. Für Arbeitsplätze braucht man ein nachgefragtes Produkt. Sich gegenseitig die Haare zu schneiden – wie es mal ein in Ungnade gefallener SPD-Politiker treffend formuliert hat – oder staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, bringen gar nichts. Öl, Gas und Kohle werden überall auf der Welt zu kalkulierbaren Preisen nachgefragt. Amerika hat sie in unvorstellbaren Mengen. Man muß nur Förderung, Abbau und Handel gestatten.

Wie einfach „Wirtschaftswunder“ geht, kann man im gesamten Süden der USA beobachten. Mit den Bohrtürmen, Pipelines und Tanklagern kommen die Arbeiter, die so etwas bauen. Diese brauchen aber Essen und Unterkunft. Es entstehen überall Motels und Restaurants. Diese wiederum müssen gebaut und renoviert werden, was das lokale Handwerk fördert. Aus Dörfern werden Kleinstädte – wie einst im Ölboom der 1920er Jahre. Es folgen die Familien, die Schulen und Kindergärten etc.

Und die Löhne steigen. Ganz ohne Gewerkschaftsfunktionäre, sondern durch Nachfrage. Sicheres Anzeichen dafür, sind heute schon die Schilder am Straßenrand: Wir stellen sofort ein. Üblich sind für einen LKW-Fahrer im Ölgeschäft 1.500 bis 2.000 Dollar – pro normaler Arbeitswoche. Wer bereit ist, auch nachts und am Wochenende (Zuschläge) zu fahren, auf Urlaub verzichtet, kommt auf bis zu 200.000 Dollar Jahreseinkommen. Wohlgemerkt als LKW-Fahrer. Bei Steuern und Sozialabgaben, die davon sogar etwas übrig lassen. Viele ziehen das einige Jahre durch und haben dann ein schuldenfreies Eigenheim. Man sieht auch immer mehr Frauen im Transportsektor. Sie verdienen halt mehr, als eine Friseuse oder Kindergärtnerin. Gleichberechtigung auf Kapitalismusart, ganz ohne Gendergedöns.

Wie wurde der Ölboom möglich?

Fachleuten war schon immer klar, daß die Ölvorräte (bezogen auf die heutigen Förderraten) nach menschlichen Maßstäben schier unerschöpflich sind. Alles nur eine Frage der Fördermethoden und der aktuellen Preise. Akzeptiert man das, ist es nur ein kleiner Schritt, Förderbeschränkungen und Handelsschranken abzuschaffen. Befreit man sich erst einmal von Irrlehren wie „Peak Oil“, „Klimakatastrophe“ und dem Försterspruch von der „Nachhaltigkeit“, geht alles ganz schnell.

Trump brauchte nur die diversen Bohr- und Förderschikanen aus der Obamazeit außer Kraft setzen und schon wurde wieder gebohrt. Je mehr gebohrt wird, um so mehr wird in die Technik investiert und um so billiger werden die Bohrungen. Selbst Fachleute sind über den Preisverfall erstaunt. Je billiger das Öl wird, um so mehr steigt die Förderung. Hinter diesem vermeintlichen Widerspruch steht einfach die unsichtbare Hand des Marktes. Ökonomisch betrachtet, besteht kein Unterschied zwischen Computern und Öl.

Das Öl muß aber noch zum Verbraucher. Pipelines sind nach wie vor die günstigste und sicherste Methode. Trump hat per Federstrich die Verbote von Obama außer Kraft gesetzt. Schon flossen die Milliarden in diesen Sektor. Über die fadenscheinigen Gefahren für die Umwelt, wird man in einigen Jahren nur noch schmunzeln, wenn man sich überhaupt noch daran erinnert.

Je mehr Öl und Ölprodukte exportiert werden, je geringer werden die Inlandspreise. Seit den 1970er Ölkrisen gab es gravierende Exportbeschränkungen in den USA. Getreu der Lehre vom „peak oil“mußte mit dem kostbaren Saft sparsam umgegangen werden. Öl und insbesondere Gas ist aber wertlos, so lange es nicht vom Bohrloch zum Verbraucher gelangen kann. Je schlechter die Transportkette ist, um so höher sind die Abschläge für den Förderer. Dies führte dazu, daß die Ölpreise in den Weiten der USA weit unter den Weltmarktpreisen lagen. Kein Anreiz für Investoren. Es wurden lieber Raffinerien an der Küste gebaut und teures Importöl verwendet. Je mehr die Exportbeschränkungen gelockert wurden, um so mehr stieg die Nachfrage an. Es trat das ein, was viele jahrelang bestritten haben: Die Preise an den Tankstellen sanken, denn plötzlich gab es Inlandsöl zu Weltmarktpreisen. Durch die Skaleneffekte sanken die Produktionskosten. Viel schneller, als sich Saudi Arabien etc. vorstellen konnten.

Der Gassektor

Ausgelöst durch die technische Entwicklung von Bohr- und Fördertechnik für Schiefergas – hier als „fracking“ bezeichnet – gab es plötzlich Erdgas im Überfluß. Die Preise fielen um mehrere hundert Prozent. Die Technik wurde schnell auf die Ölförderung übertragen. Zum Überdruss tritt aber selten Gas und Öl alleine auf. Zumeist kommt aus jeder Ölquelle auch Begleitgas und aus jeder Gasquelle zumindest auch Kondensat (damit wird Rohöl besonders dünner Konsistenz bezeichnet). Plötzlich hatte man auch – insbesondere in den Ölfördergebieten des Permian-Basin und Bakken – Erdgas im Überfluss. Es mußten schnellstens Pipelines gebaut und zusätzliche Nachfrage geschaffen werden. Übergangsweise blieb nur das Verfeuern in Gaskraftwerken, was die Sektoren Kohle und Kernenergie (vorübergehend) kräftig durcheinander brachte.

Inzwischen baut man riesige Gasverflüssigungsanlagen und eine ganze Tankerflotte. Ziel ist es, sich die weitaus höheren Weltmarktpreise für Erdgas zu erschließen. Durch die steigenden Inlandspreise kann man die Förderung weiter ankurbeln und die anderen Energiesektoren wieder weiterentwickeln.

Kohle

Die USA sind (auch noch) ein Kohlenland. Sie verfügen über riesige Vorräte, die sich überwiegend noch im Tagebau gewinnen lassen. Als Trump im Wahlkampf angetreten ist und den Bergleuten versprochen hat, ihnen ihre Arbeitsplätze zurückzugeben, hat jede Telepromter-VorleserIn in der deutschen Medienlandschaft sich bemüssigt gefühlt, ihn mit Spott und Häme zu überziehen. Inzwischen hat die erste Kohlenmine seit 45 Jahren neu eröffnet und die Produktion zieht langsam wieder an. Die Nachfrage steigt weltweit immer weiter. Nicht nur in Entwicklungsländern. Trump hat nie behauptet, daß er die Kohle ausschließlich in den USA verfeuern will. Auch hier hätte man besser zuhören sollen.

Für den Verbrauch im Inland liegt der Schlüsselpreis bei etwa 2,3 $/MMBtu (1 Million British Thermal Units entspricht etwa 293 kWh) Wärmepreis. Liegt der Erdgaspreis darunter, werden die Gasturbinen angeworfen. Steigt das Erdgas über diesen Wert, übernehmen die Kohlekraftwerke wieder die Stromproduktion. Eigentlich ein sehr flexibles System. Obama wußte das auch und hat deshalb versucht die Kohlekraftwerke durch „Klimaschutz“ auszuschalten.

Als Trump bei seinem werbewirksamen Fernsehauftritt mit Bergarbeitern den Spuk der Obama-Administration zurückgenommen hat, hat er immer wieder beschwörend den Begriff „clean coal“ benutzt. Darunter versteht man nicht einfach „saubere Kohle“, sondern es ist ein Fachausdruck für CO2-Abscheidung. Nicht etwa zum „Klimaschutz“, sondern die Ölindustrie wartet sehnsüchtig auf große CO2 Ströme. Wenn die endlich bereitgestellt werden, kann man für sehr kleines Geld die bereits versiegten Ölquellen wieder reaktivieren und die Märkte endgültig mit billigem Öl fluten. Auch dies eine Entwicklung, die in Deutschland völlig verdrängt und verschlafen wird. Hier redet man sich lieber gegenseitig von der Zukunft des Elektro-Autos besoffen.

Der politische Aspekt

In Deutschland wird den Menschen seit ihrer Schulzeit eingehämmert, daß die USA Kriege nur um Öl führen. Dies war zwar schon immer Blödsinn, gehört aber inzwischen zu den festen Glaubensbekenntnissen linker Gutmenschen. Wer ein Gefühl dafür haben will, wie tief diese Propaganda viele Amerikaner verletzt, sollte sich mal mit Veteranen des Golfkriegs unterhalten. Inzwischen schlägt die Reaktion geradezu in Trotz um. Man will nicht nur von Ölimporten unabhängig werden, sondern es den „Feinden Amerikas“ heimzahlen und ihnen ihr bequemes Leben durch Öleinnahmen wegnehmen. Es ist kein Zufall, daß auf den Bohrtürmen in Texas die amerikanische Fahne weht und viele Öltanks in der Wüste mit „remember 9/11“ verziert sind. Im konservativen Amerika hat man längst begriffen, daß die wahre Macht der USA nicht seine Bomber, sondern seine Wirtschaftskraft ist. Genau darum geht es den Kreisen um Trump und das ist der politische Hintergrund der Parole „Make America Great Again“.

Eine besondere Stellung nimmt hierbei das (alte) Europa ein. Die Kritik an den nicht eingehaltenen Zusagen über die Verteidigungsausgaben ist nur das erste Wetterleuchten am Horizont. Die Stimmung in der Bevölkerung geht schon viel weiter: Man versteht es nicht, warum Europa mit seinen Energieausgaben Rußland füttert und anschließend Amerika deshalb seine Rüstungsausgaben erhöhen muß. Auch in dieser Frage sollte man nicht vergessen, daß das Vorbild von Trump Ronald Reagan ist. Reagan hat das „Reich des Bösen“ dadurch zur Implosion gebracht, indem er auf das Wettrüsten voll eingestiegen ist und die Spirale beschleunigt hat. Man nannte diese Strategie damals in Deutschland abfällig den „Krieg der Sterne“. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches folgte eine lange Periode der Sympathie für Rußland in den USA. Inzwischen schlägt die Stimmung um: Man fühlt sich wieder bedroht und hintergangen. In der Deutschland eigenen Realitätsverweigerung und dem völligen Unverständnis der amerikanischen Mentalität wird das hier zur Wahlkampfposse zwischen Trump und den Clintons verniedlicht. Die Falken in den USA kommen langsam in eine Stimmung gegenüber Putins Reich, wie gegenüber Japan nach Pearl Harbor. Wenn Rußland weiter aufrüstet und Weltreich spielt, werden sie ihre Panzer und Kernwaffen diesmal nach nordkoreanischem Vorbild essen müssen.

Amerika bereitet sich darauf vor, die Öl- und Gaspreise jederzeit ins Bodenlose fallen lassen zu können. Staaten – wie Deutschland – die auf Rußland setzen (Ostseepipeline etc.), werden mit in den Strudel gezogen werden. Die Amerikaner bevorzugen immer simple Lösungen: O.K., wir haben im Moment keine Waffe gegen die U-Boote der Nazis, also müssen wir Schiffe schneller bauen als die Deutschen sie versenken können – hört sich aberwitzig an, hat aber funktioniert. Wenn Rußland weiter aufrüstet, o. k. dann müssen wir ihnen eben ihre einzige Einnahmequelle kaputt machen, indem wir die Energiepreise unter ihre Produktionskosten senken – einmal so betrachtet, ist die Nord-Korea-Frage ein Testlauf. Das Energiewende-Deutschland wird schon in wenigen Jahren ein böses Erwachen haben.

Kernenergie und Erdgas

In den letzten Jahren hat sich der Weltmarkt für Erdgas dramatisch verändert. Dies betrifft natürlich auch die Kernenergie.

Die Stromerzeugung

Weltweit steigt der Bedarf an elektrischer Energie weiter an. Dies wird auch noch sehr lange so bleiben, selbst wenn die Erdbevölkerung nicht mehr wachsen sollte. Der Stromverbrauch pro Kopf, ist ein unmittelbarer Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft. Insofern wird der Bedarf in Asien (China, Indien) und später auch in Afrika, geradezu explodieren. Die „regenerativen Energien“ – einst hat man sie treffend als „Additive Energien“ bezeichnet – sind schon wegen ihrer Zufälligkeit keine Lösung. Es bleiben nur Kernenergie und fossile Energie (Kohle, Erdgas, Öl).

Gerade in den Schwellenländern wird „king coal“ noch lange der Wachstumsmotor bleiben: Kohle ist ziemlich gleichmäßig auf der Erde verteilt, billig zu gewinnen und leicht zu transportieren und zu lagern. Ist man beim Umweltschutz nicht all zu pingelig, sind Kohlekraftwerke auch einfach, schnell und preiswert zu errichten. Dies galt in den 1950er Jahren bei uns, in China bis heute und in Afrika und Indien noch für lange Zeit. Es dauert einfach seine Zeit, bis der Wohlstandsgewinn durch eine Elektrifizierung vom „smog“ in der Wahrnehmung der Bevölkerung aufgefressen wird.

Das andere Extrem sind Kernkraftwerke: Sie erfordern einen hohen Kapitaleinsatz und eine entsprechende industrielle Infrastruktur. In China kann man die typische Entwicklung wie im Zeitraffer betrachten: Die ersten Kraftwerke wurden praktisch vollständig importiert. Wegen der hohen Stückzahlen war parallel der rasche Aufbau einer eigenen Fertigung möglich. Heute beginnt man bereits als Hersteller auf dem Weltmarkt zu agieren.

Irgendwo dazwischen, liegen Öl- und Gaskraftwerke. Sie erfordern die geringsten Kapitalkosten, haben aber die höchsten Brennstoffkosten. Bei Gaskraftwerken kam bisher noch das Vorhandensein ausreichender Gasmengen hinzu – und genau beim letzten Punkt ergeben sich gewaltige Veränderungen der Randbedingungen.

Die Shale Revolution

Erdgas ist beileibe nicht selten oder bald verbraucht. Bezieht man auch noch die Vorkommen an „Methanhydrat“ ein, so dürfte der Vorrat für Jahrtausende reichen. Man muß das Erdgas nur fördern, aufbereiten und transportieren können. Gerade der Transport stellte dabei das größte Hindernis dar. Für Gas blieb bisher nur die Rohrleitung über, die extrem unflexibel ist. Sie mußte lückenlos vom Gasfeld bis zum Kraftwerk reichen. Noch heute werden gigantische Mengen einfach abgefackelt, weil man sie nicht aufbereiten und transportieren kann.

Wie unter einem Brennglas kann man heute noch die Entwicklung in den USA betrachten. Durch die Entwicklung des „Fracking“ konnte man bis dahin nicht nutzbare Öl- und Gasvorkommen erschließen. Die Förderung ist zwar recht billig, aber das Erdgas leider auch ziemlich wertlos, weil am falschen Ort vorhanden. Mit riesigem Kapitalaufwand ist man immer noch beschäftigt, neue Aufbereitungsanlagen und Verteilnetze zu bauen. Gemessen an den Vorräten hat man damit z. B. in Iran oder Sibirien noch gar nicht begonnen. Dort steht man noch vor dem klassischen Henne-Ei-Problem. In den USA steht dem überreichlichen Angebot zumindest eine potentielle Nachfrage gegenüber. Die geringen Herstellkosten durch „Fracking“ verlocken Investoren neue Pipelines zu bauen. Trotz der Transportkosten ist der Rohstoff Erdgas in den Verbrauchszentren damit immer noch konkurrenzlos günstig. Haushalte und Industrie beginnen umzurüsten. Das braucht aber Zeit und diese Durststrecke muß überbrückt werden.

Gaskraftwerke zum Ausgleich der Nachfrage

Gaskraftwerke erfordern geringe Investitionen und sind schnell zu bauen. Sie wurden deshalb traditionell als Spitzenlast-Kraftwerke (Abdeckung von Verbrauchsspitzen an wenigen Stunden im Jahr) gebaut. Nun sind sie da. Bekommt man an seinem Standort einen besonders günstigen Erdgaspreis, kann man sie jederzeit länger laufen lassen. Betriebswirtschaftlich entscheidend ist einzig die Relation zu anderen Brennstoffen. Dies ist der Grund, warum z. B. die Stromproduktion aus Kohle in den USA stark eingebrochen ist. Der Brennstoffpreis hat die Kohle verdrängt, nicht irgendwelcher „Klimaschutz“. Umgekehrtes gilt in Deutschland: Das „Russengas“ ist – noch – viel zu teuer, sodaß Kohlekraftwerke immer noch preisgünstiger produzieren können. Die Stadtwerke gehen an ihren „umweltfreundlichen“ Gaskraftwerken langsam pleite. Eine klassische Fehlinvestition auf Grund von ideologisch bedingter Fehlsichtigkeit.

Wohin die Entwicklung langfristig geht, kann man bereits in den Golfstaaten erkennen. Dort war Erdgas mehr Abfall als Wirtschaftsgut. Folgerichtig hat man konsequent auf eine Verstromung in Gaskraftwerken gesetzt. Parallel hat man sich aber weltweit neue Absatzmärkte für Erdgas erschlossen und damit den Preis im eigenen Land systematisch nach oben gezogen. In den Vereinigten Emiraten ist man nun an einem Punkt angekommen, wo es günstiger ist, elektrische Energie in Kernkraftwerken zu produzieren. Wohl gemerkt, in den Emiraten. Frei von Rot-Grüner Ideologie, in atemberaubend kurzer Bauzeit, zu günstigen Weltmarktpreisen. Wenn man sich nicht nur im „öko-sozialistischen Nebel“ bewegt, dürft ziemlich klar sein, wohin die Reise geht: Allein China hat gerade die Taktfrequenz (nur in seinem eigenen Land!) auf den Bau von einem Reaktor alle zwei Monate erhöht!

Neues Spiel durch LNG

Bisher hatte Erdgas einen enormen Nachteil zu überwinden: Gas ließ sich nur in Rohrleitungen oder kleinen Gasflaschen transportieren. Dadurch war z. B. der gesamte Verkehrssektor tabu und mußte dem Öl überlassen werden. Die ausschließliche Verbindung zwischen Verbraucher und Produzenten durch Rohrleitungen ist äußerst starr und damit anfällig für jegliche Risiken.

Erdgas war praktisch ein reiner Brennstoff, der nur in Konkurrenz zum Heizöl stand. Insofern war es auch logisch und richtig, die Preisentwicklung an den Rohölpreis zu koppeln. Wer sich einmal an eine Rohrleitung angeschlossen hat, hätte nur bei einer extremen Verbilligung des Heizöls ein Interesse gehabt, zurück zum Öl zu wechseln. Durch die massive Markteinführung von LNG (Liquified Natural Gas) hat sich das Blatt gewendet. Plötzlich gibt es eigene Handelsorte mit eigenen Preisindizes (z. B. Henry Hub) wie schon lange beim Rohöl üblich (z. B. Brent oder WTI). Wo ein funktionierendes Handelsprodukt an einer Börse existiert, wird das notwendige Kapital magisch angezogen. Die Transparenz wirkt dabei wie ein Reaktionsbeschleuniger. Ganz im Gegenteil zu Hinterzimmern, in denen politische Männerfreundschaften (Schröder/Putin) gepflegt werden.

Bisher völlig unterschätzt, wird dabei die Wandlung vom Brennstoff zum Treibstoff. In Windeseile bilden sich Transportketten bis in die letzten Häfen der Welt. Geschickt unter dem Mäntelchen Umweltschutz verkauft, beginnt sich die Weltschifffahrt ein völlig neues Bein als Treibstoff zu erschließen. Gibt es erstmal in jedem größeren Hafen ein Lager und eine Tankstelle für LNG, kommt im nächsten Schritt die Binnenschifffahrt dran (geschieht bereits auf dem Rhein) und als nächstes Eisenbahn (Diesellokomotiven) und schwere LKW. Beides in den USA schon im Ausbau. Hier wird das Henne-Ei-Problem zielstrebig gelöst. Stehen erstmal die Lieferketten, kann der Generalangriff auf die etablierten Gasversorger erfolgen. Wenn Gazprom glaubt, seine hohen Gaspreise auch weiterhin durchsetzen zu können, sollen sie mal weiter träumen. Man wird über die unzähligen Terminals in den europäischen Häfen (gerade nicht in Deutschland!) LNG einspeisen und erstmal die Großverbraucher mit günstigen Angeboten abwerben. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, daß z. B. ein neues LNG-Terminal in Swinemünde – nur wenig entfernt von der Anlandungsstelle (Greifswald Lubmin) von Nord Stream – gebaut wurde. Es dient nicht nur der Absicherung Polens gegen die Launen Putins, sondern wird der Grundstock eines Handelspunktes werden, in den auch Gazprom gern einspeisen kann – allerdings zu Weltmarktpreisen und nicht zu Konditionen des Kreml. Notfalls sind z. B. Tankwagen in wenigen Stunden im Verbrauchsschwerpunkt Berlin angekommen. Dies wird die Preisverhandlungen Berliner Kraftwerke noch grundlegend beeinflussen. Ein Leitungsmonopol wird es zukünftig nicht mehr geben. Gazprom könnte das gleiche Schicksal erleiden, wie die Telekom nach „Erfindung“ des Mobiltelefons.

Was macht LNG so anders?

Verflüssigtes Erdgas LNG ist nahezu reines Methan, ohne chemische Verunreinigungen (z. B. Schwefel) und somit einfach (ohne Nachbehandlung) und schadstoffarm zu verbrennen. Es ist sehr klopffest, sodaß es sogar problemlos in Diesel- und Ottomotoren verbrannt werden kann.

Entscheidend ist seine hohe Energiedichte, die etwa 60% von herkömmlichem Kraftstoff beträgt. Weit mehr, als Batterien je erreichen werden. Es ist deshalb ohne all zu große Einbußen an Raum und (totem) Gewicht in Schiffen und LKW einsetzbar. Eine Betankung ist – wie bei allen Flüssigkeiten – schnell und einfach durchführbar.

Nachteil ist die Herstellung: Um die Volumenverkleinerung (1/600) zu erzielen, muß das Erdgas auf etwa -160 °C abgekühlt und gehalten werden. Eine ziemlich aufwendige Technik. Allerdings beherrscht man heute die erforderlichen Schritte sicher. Für die Herstellung und den Transport werden rund 15% des eingesetzten Gases verbraucht. Die Verdampfung aus dem Tank ist nur bei Stillstand ein Verlust, da sonst der „Abdampf“ sofort als Treibstoff genutzt werden kann. Die heutigen „Thermoskannen“ sind so gut geworden, daß sie z. B. als Container über weite Strecken geschickt werden können.

Die Angebotsseite

Der Weltmarkt wächst in den letzten Jahren rasant. 2012 gab es etwa 100 Verflüssigungsstränge mit einer Kapazität von über 297 MMPTA (Hinweis: Wer sich mit Erdgas beschäftigt, muß sich an etliche skurril anmutende Einheiten gewöhnen. 1 MMPTA ist 1 Million metrischer Tonnen pro Jahr.). BP prognostiziert, daß in den nächsten fünf Jahren etwa alle acht Wochen weltweit ein neuer Strang den Betrieb aufnehmen wird. Allein bis 2016 werden in Australien neue Kapazitäten mit 25 MMPTA fertiggestellt. Der Kapitaleinsatz kann sich dabei durchaus mit der Kerntechnik messen. Allein Chevrons Gorgon Projekt (15,6 MMPTA) hat dann über 54 Milliarden US-Dollar gekostet. In den USA sind bis 2020 weitere 58 MMTPA in Planung.

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, sich etwas mit den Relationen vertraut zu machen. Am 24.2.2016 verließ der erste Export-Tanker das Sabine Pass Terminal in USA. Er hatte 3,4 Bcf geladen. Mit diesen 3,4 Milliarden Kubikfüßen (1 Kubikmeter entspricht etwa 35 Kubikfüßen) ist das Gasvolumen nach der Rückverdampfung gemeint. Es entspricht einem Ladungsgewicht von rund 250 000 to – also ein typischer Tanker. Setzt man einen solchen Tanker mit der Nord Stream Pipeline in Vergleich, die eine Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr hat, erkennt man, daß etwa 10 solcher Tanker pro Woche nötig wären, um diese Pipeline komplett zu ersetzen.

Die Preisfrage

Erdgas ist zwischen Öl – als nahem Verwandten – und Kohle eingeklemmt. Die internationale Handelseinheit für Rohöl ist das Faß (1 bbl = 159 l), dessen Heizwert man mit rund 5,8 MMBtu (1 Million British Thermal Unit = 293 kWh) ansetzt. Man muß also die internationale Handelseinheit 1 MMBtu vom Erdgas lediglich mit dem Faktor 5,8 multiplizieren, um das „Öläquivalent“ zu erhalten. Man nennt das auch neudeutsch die „Btu crude ratio method“. Bei Kohle ist es etwas komplizierter, weil spezieller: Die Heizwerte von Kohlen sind sehr verschieden. Ein typischer Richtwert ist der API-2 Index oder die „Rotterdamkohle“ (1 to hat 23,8 MMBtu). Aktuell gilt z. B. für Rohöl (WTI) 35,92 US-Dollar für ein Faß. Somit wäre das Gasäquivalent etwa 6 US-Dollar pro 1 Million Btu. Der Börsenpreis (Henry Hub) betrug aber lediglich 1,67 US-Dollar für eine Million Btu. Die Tonne „Rotterdamkohle“ kostete rund 46 US-Dollar pro Tonne, entsprechend einem Gasäquivalent von 1,93 US-Dollar für eine Million Btu. Da international alle Energieträger miteinander verknüpft sind, erkennt man aus den letzten Relationen, warum der Kohleverbrauch in den Kraftwerken der USA um über 30% eingebrochen ist. Dies ist nicht dem „Klimaschutz“, sondern der harten Hand des Marktes geschuldet. Andererseits liegt der aktuelle Gaspreis an der Leipziger Börse bei rund 4 US-Dollar für eine Million Btu. Auch hier ist der Grund deutlich zu erkennen, warum in Deutschland immer noch – und zukünftig, nach erfolgtem „Atomausstieg“, noch viel mehr — „king coal“ die Stromerzeugung dominiert.

Internationale Aussichten

Die mit Abstand größten LNG-Importeure sind Japan und Korea. Beide setzen konsequent auf den Ausbau von Kernenergie und Kohle. Bereits jetzt ist der Verbrauch in Japan schon wieder rückläufig. Mit jedem Kernkraftwerk, das wieder in Betrieb geht, wird er weiter abnehmen. Auch China hat nicht den Zuwachs im Gasverbrauch, den viele einmal erwartet haben. Kohle läßt sich schon aus sozialpolitischen Gründen nicht so schnell und einfach zurückfahren. Gleichzeitig wurde der Ausbau der Kernenergie noch beschleunigt.

An dieser Stelle scheint eine Verdeutlichung des Erdgasbedarfs in der Stromwirtschaft nötig. Ein Kernkraftwerk würde je 1000 MW Leistung und einer üblichen Auslastung von 90% 44,84 Millionen MMBtu Erdgas pro Jahr, gegenüber einem modernsten Kombikraftwerk (Wirkungsgrad von 60%) einsparen – oder anders ausgedrückt 0,14 Bcf/d. Allein die Erdgasförderung in den USA beträgt rund 74 Bcf/d. Dies erklärt, warum 2015 dort die Stromerzeugung aus Kohle (1356 TWh) und Erdgas (1335 TWh) erstmalig ebenbürtig waren. Die Kohlekraftwerke in USA werden zukünftig die Funktion einer Preisbremse für Erdgas übernehmen und damit den Weltmarktpreis für LNG maßgeblich beeinflussen.

Genau auf die nahen asiatischen Absatzgebiete hat Australien mit seinem massiven Ausbau gesetzt. Nun läßt sich aber die Produktion wegen der hohen Kapitalkosten nicht einfach anhalten, sondern man muß praktisch um jeden Preis verkaufen, damit man die Schulden bedienen kann. Die LNG-Preise werden damit in Asien weiter fallen, was die Exporteure in USA und im mittleren Osten weiter unter Druck setzt. So sind z. B. die Frachtkosten von den Verflüssigungsanlagen nach Asien rund dreimal höher als ins „nahe“ Europa. Für Deutschland als Industriestandort, mit seiner einseitigen Ausrichtung auf „Wind und Russengas“, ziehen deshalb rasch dunkle Wolken auf.

SMR Teil 3 – Innovative Reaktoren

Es gibt inzwischen unzählige Reaktorentwürfe. Es gehört praktisch zum guten Ton einer jeden Forschungsstätte sich mit einer neuen Studie zu schmücken. Je nach Mitteln und Background, reichen (meist) auch Variationen bekannter Prinzipien aus.

Es ist daher sinnvoll, auch bei der Betrachtung „kleiner“ Reaktoren (SMR) den potentiellen Markt nicht außer acht zu lassen. Die Domäne der Kernenergie ist und bleibt die Erzeugung elektrischer Energie. Dies liegt einerseits an der universellen Verwendbarkeit von „Strom“ und andererseits an Gewicht und Volumen eines Kernreaktors. Die Untergrenze für den technisch/wirtschaftlichen Einsatz ist ein Schiff.

Zwar ist die Wärmeerzeugung immer noch mit großem Abstand die überragende Energieanwendung, aber nur ein geringer Bedarf entfällt davon auf Hochtemperatur-Wärme (chemische Prozesse). Die „Endlichkeit“ von Kohle, Öl, Erdgas und Uran hat sich längst als Wunschtraum unbelehrbarer Anhänger der Planwirtschaft erwiesen. Längst ist man daher in diesen Kreisen auf eine indirekte Verknappung (Klimaschutz – wir dürfen gar nicht so viel fossile Brennstoffe nutzen, wie wir zur Verfügung haben) umgestiegen. Es lohnt sich nicht, sich damit weiter auseinander zu setzen. Für diese Betrachtungen reicht folgender Zusammenhang vollständig aus:

  • Energieverbrauch und Wohlstand sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wer das Recht aller Menschen auf ein Mindestmaß an Wohlstand anerkennt, muß von einem weiter steigenden Energiebedarf ausgehen. Oder andersherum ausgedrückt: Wer eine Senkung des Energieverbrauches fordert – wie es scheinbar immer populärer wird – will die Armut für den größten Teil der Menschheit weiter festschreiben.
  • Mit fortschreitender Entwicklung steigt der Verbrauch elektrischer Energie überproportional an. Der für eine zuverlässige und kostengünstige Stromversorgung einzusetzende Primärenergieaufwand steigt damit weiter an. Ersetzt man die hierfür notwendigen Mengen an Kohle und Erdgas durch Kernenergie, bekommt man mehr als genug dieser Energieträger frei um damit Industrie und Transportsektor zu versorgen. Die USA führen diesen Weg mit der Erschließung unkonventioneller Öl- und Gasvorkommen – bei gleichzeitigem Ausbau der Kernkraftwerke – eindrucksvoll vor.

Hat man diesen Zusammenhang verstanden, wird auch die Entwicklung der „kleinen“ Reaktoren in den nächsten Jahrzehnten vorhersagbar. Das Streben nach „hohen Temperaturen“ hat durch die Entwicklung des Erdgasmarktes (außerhalb Deutschlands!) an Bedeutung eingebüßt. Erdgas – egal aus welchen Vorkommen – ist der sauberste und kostengünstigste Brennstoff zur Erzeugung hoher Temperaturen und zur Gewinnung von Wasserstoff. Zur Stromerzeugung eigentlich viel zu schade!

Das Argument des geringeren Uranverbrauches durch Reaktoren mit höherer Temperatur ist ebenfalls nicht stichhaltig: Die Uranvorräte sind nach menschlichen Maßstäben unerschöpflich und der Minderverbrauch durch höhere Wirkungsgrade wiegt den wirtschaftlichen Mehraufwand bei weitem nicht auf. Ein Anhaltspunkt hierfür, bietet die Entwicklung bei Kohlekraftwerken: Sie liegt heute noch in Regionen mit „billiger“ Kohle eher in der Größenordnung von Leichtwasserreaktoren (ungefähr 33 %) als bei deutschen und japanischen Steinkohlekraftwerken (fast 46 %). Bis Uran so teuer wird, daß sich eine Wirkungsgradsteigerung um 40 % wirtschaftlich lohnt, dürften eher Jahrhunderte, als Jahrzehnte vergehen. Damit dürften alle Hochtemperaturreaktoren eher Nischenprodukte bleiben, was aber gerade dem Gedanken einer Serienproduktion widerspricht. Gleiches gilt auch für sog. „Schnelle Brüter“.

Gleichwohl sind einige gasgekühlte Reaktoren und Reaktoren mit schnellen Neutronen in der Entwicklung. Diese Prototypen sollen im Folgenden etwas näher vorgestellt werden.

NPMC-Reaktor

National Project Management Corporation (NPMC) hat zusammen mit dem Staat New York , der City of Oswego und der Empire State Development einen Antrag auf Förderung für einen heliumgekühlten Kugelhaufen-Reaktor mit 165 MWel.eingereicht. Dem Konsortium hat sich National Grid UK, die New York State Energy Research Development und die Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) of South Africa angeschlossen.

Eingereicht wurde ein Gas Turbine Modular High-Temperature Reactor (GT-MHR). Die Entwicklung beruht auf dem in Deutschland entwickelten THTR-Reaktor. Sie wurde in Südafrika fortgesetzt. Anders als in Deutschland und China wollte man aber nicht einen konventionellen Dampfkreislauf sekundärseitig verwenden, sondern wollte zur Stromerzeugung eine Gasturbine einsetzen. Die Entwicklung eines solchen geschlossenen Gasturbinen-Kreisprozesses mit Helium als Arbeitsmittel überstieg aber bei weitem die wirtschaftlichen Möglichkeiten Südafrikas, was letztendlich zur Aufgabe führte.

Eine Gasturbine hat so hohe Austrittstemperaturen, daß problemlos eine trockene Kühlung mit Außenluft möglich wird. Die Schwierigkeit in den Verbrauchsschwerpunkten in Südafrika ist die Bereitstellung von ausreichend Kühlwasser. Unter dem Wassermangel leiden dort alle konventionellen Kraftwerksprojekte (hauptsächlich Kohle). In New York gibt es zwar genug Wasser, aber die (angebliche) Umweltbelastung durch Kühlwasser ist der Hauptansatz gegen die vorhandenen und geplanten Kernkraftwerke. Nichts desto trotz könnten SMR mit geschlossenen Gasturbinen ein Modell für die dezentrale Versorgung in zahlreichen ariden Gebieten auf der Welt sein.

China verfolgt ebenfalls konsequent den Kugelhaufen-Hochtemperatur-Reaktoren weiter. Allerdings sind alle in Bau und Planung befindlichen Kraftwerke mit konventionellen Dampfkreisläufen ausgerüstet.

Energy Multiplier Module (EM2)

Auch General Atomics (GA) hat ein Gas-Turbine Modular Helium Reactor (GT-MHR) Konzept mit 265 MWel eingereicht. Man geht aber nicht von einem Kugelhaufen (siehe oben), sondern von hexagonalen Prismen als Brennelementen aus. Basis ist ein eigenes Modell aus den 1980er Jahren. Das Modul soll bei einer thermischen Leistung von 500 MWth. komplett und fertig mit Brennstoff beladen auf einem LKW zur Baustelle transportiert werden. Die Austrittstemperatur des Heliums soll (extrem hohe) 850 °C betragen. Damit wäre der Einsatz als Wärmequelle in der Verfahrenstechnik, bis hin zur thermischen Wasserstoffproduktion, denkbar. Ein Turbosatz mit hoher Drehzahl wird auf einem zweiten LKW angeliefert. Die Gasturbine und der angeschlossenen Generator laufen mit mehreren 10.000 Umdrehungen pro Minute. Die Umwandlung der elektrischen Energie in „netzfähigen Strom“ erfolgt über elektronische Umformer. Bei der eingereichten Variante handelt es sich um ein reines Kraftwerk zur Stromerzeugung. Im Begleittext wird betont, daß dieser Reaktor lediglich die Abmessungen eines „Schulbusses“ hätte. Hinzu käme ein etwa gleich großes Modul für den Turbosatz. Insofern wäre die Leistungsdichte (umbauter Raum) konkurrenzlos gering. Wegen der hohen Austrittstemperatur hätte dieses Kraftwerk einen elektrischen Wirkungsgrad von 53 %. Das Kraftwerk käme mit Luftkühlung aus und wäre damit äußerst flexibel einsetzbar. Durch den hohen Wirkungsgrad und seine neutronenphysikalischen Eigenschaften wäre selbst ohne Wiederaufbereitung, der „Atommüll“ um 80% geringer als bei üblichen Reaktoren.

Noch innovativer als der Turbosatz, ist das Brennstoffkonzept: Der Reaktor wird in der Fabrik mit Brennstoff beladen und komplett nach 30 Jahren Laufzeit wieder in die Fabrik zurückgeliefert. Das ganze ähnelt also eher einer Batterie, als einem klassischen Kraftwerk. Dieses Konzept würde die gesamte Stromversorgung revolutionieren. Ein „Energieversorger“ mietet sich quasi für 30 Jahre eine „Stromerzeugungseinheit“ und gibt diese nach Gebrauch komplett wieder zurück. Durch die speziellen Sicherheits- und Betriebsanforderungen löst sich auch das Problem der Personalkosten: Verkleinert man einfach heutige Reaktorkonzepte, steigt der spezifische Personalaufwand stark an. Das ist leider die Umkehrung der Betriebskostendegression mit zunehmender Kraftwerksgröße. Die Kombination aus geringen Investitionskosten, kaum Betriebskosten, kaum Netzkosten, keine „Atommüllprobleme“…, könnte einen ähnlichen Quantensprung, wie die Einführung des PC in der Datenverarbeitung auslösen. Davon dürften sicherlich nicht alle begeistert sein!

Die Brennelemente besitzen eine Umhüllung aus einem Siliziumcarbid-Faser-Verbundwerkstoff. Das Material verträgt Temperaturen von weit über 2000 °C und reagiert wegen seiner keramischen Eigenschaften praktisch nicht mit Luft und Wasser. Der Brennstoff ist inhärent sicher und selbstregelnd: Steigt die Temperatur zu stark an, bricht die Kettenreaktion in sich zusammen (Dopplereffekt). Auch die Nachzerfallswärme kann dem Brennstoff praktisch nichts anhaben, da er sich gefahrlos so weit aufheizen kann, daß schon die Wärmeabgabe durch Strahlung (Kühlmittelverluststörfall) dauerhaft ausreicht. Dieses Verhalten ist unzählige male experimentell bestätigt worden.

Jeder Reaktor wird erstmalig mit etwa 20 to abgebranntem Brennstoff aus Leichtwasserreaktoren oder abgereichertem Uran beladen. Hinzu kommt als „Starter“ rund 22 to auf 12% angereichertes Uran. Nach 30 Jahren Betriebszeit werden in einem speziellen Aufbereitungsprozess die entstandenen etwa 4 to Spaltprodukte entfernt und durch 4 to abgebrannten Brennstoff aus Leichtwasserreaktoren ergänzt.

General Atomic ist eines der führenden Unternehmen (nicht nur) der Kerntechnik. Am bekanntesten dürften die weltweit gelieferten 66 TRIGA-Reaktoren (Training, Research, Isotopes, General Atomic) sein. Zusätzlich gehören zu dem Bewerbungskonsortium noch zwei der weltweit führenden Anlagenbauer: CB&I und Mitsubishi Heavy Industries und die Mutter der schnellen Reaktoren und der Wiederaufbereitung: Das Idaho National Laboratory (INL). Es fehlt also nicht an Kapital und Sachverstand. Größte Hürde dürfte das NRC mit seinem „unendlichen“ Genehmigungsverfahren sein. Aber auch auf dem Sektor des Bürokratismus bewegt sich in den USA etwas: Nicht nur, wegen der Drohkulisse, die China am Horizont aufbaut.

PRISM

Ein weiterer „schneller“ Reaktor, aber mit Flüssigmetallkühlung, ist der von General Electric und Hitachi Nuclear Energy (GEH) propagierte Power Reactor Innovative Small Module (PRISM). Es handelt sich ebenfalls um einen vollständig vorgefertigten und transportierbaren Reaktor mit einer thermischen Leistung von 840 MWth und 311 MWel. Es ist geplant, je zwei solcher Einheiten auf einen konventionellen Turbosatz (typisches Kohlekraftwerk) mit 622 MWel. zusammenzuschalten.

Das PRISM-Konzept bricht ziemlich radikal mit der heutigen Nutzung der Kernenergie und ihrem Brennstoffkreislauf. Es senkt konsequent den Einsatz von Natururan und entlässt als Abfall wesentlich geringere Mengen mit deutlich kürzerem Gefährdungszeitraum. Um dieses Ziel zu erreichen, ist nicht nur der Übergang auf „schnelle“ Neutronen nötig, sondern auch auf einen völlig neuen Brennstoffkreislauf. Durch die Verwendung von Neutronen mit hoher Energie (hoher Geschwindigkeit) kann man praktisch alle Aktinoide spalten – allerdings um den Preis einer geringeren Wahrscheinlichkeit. Man braucht deshalb eine wesentlich höhere Konzentration von U235 bzw. Pu239 um überhaupt eine Kettenreaktion in Gang setzen zu können. Außerdem muß man auf Wasser als Kühlmittel verzichten. Ein in diesem Sinne ideales Kühlmittel, ist das Metall Natrium. Geht man auf ein flüssiges Metall als Kühlmittel über, macht es Sinn, auch den Brennstoff in metallischer Form zu verwenden. Eine Legierung aus Uran, Zirconium und – gegebenenfalls allen möglichen – Transuranen, hat sich als besonders geeignet erwiesen. Wenn man aber schon einen Brennstoff in metallischer Form vorliegen hat – und keinerlei Ambitionen hegt, Kernwaffen zu bauen – bieten sich die erprobten Verfahren der Elektrometallurgie (Aluminium-, Kupferproduktion etc.) an. Vereinfacht gesagt, löst man den zerstückelten „abgebrannten“ Brennstoff in geschmolzenem Lithiumchlorid auf und legt eine Spannung von 1,34V an. Nun wandert das Uran und alle sonstigen Aktinoide zur Kathode und scheiden sich dort ab. Die Spaltprodukte bleiben im Lithiumchlorid zurück. Die Kathode wird eingeschmolzen und daraus neue Pellets hergestellt. Diese werden in Stahlrohre (H9) gesteckt, mit flüssigem Natrium zur besseren Wärmeleitung ausgegossen und mit einem Gaspolster aus Helium versehen, zu einem neuen Brennstab verschweißt. Im Prinzip ist diese Technik so simpel und automatisierter, daß sie in ein (größeres) Kraftwerk integriert werden könnte. Die übrig geblieben Spaltprodukte – etwa 1 kg für jedes 1 MWel. produziert über ein ganzes Jahr – kann man „irgendwo“ lagern, da sie nach wenigen hundert Jahren auf die Intensität des ursprünglichen Uranerzes abgeklungen sind – also die Gefahr, wieder voll und ganz, natürlich ist.

Sicherheitstechnisch betrachtet, hat sich dieser Reaktortyp als äußerst gutmütig erwiesen. Selbst, wenn man alle Regelstäbe voll gezogen hatte, regelte er sich selbst herunter, da durch den starken Temperaturanstieg die nukleare Kettenreaktion unverzüglich zusammenbricht. Für die Leistungsregelung gibt es Regelstäbe aus Borkarbid (B~4 C). Zusätzliche Regelstäbe hängen an Magneten. Fällt der Strom aus oder geht der Magnetismus infolge zu hoher Temperaturen verloren, fallen sie in den Reaktor und stellen ihn dauerhaft ab.

Allerdings hat Natrium einen entscheidenden Nachteil: Es reagiert sowohl mit Luft als auch mit Wasser sehr heftig. Deshalb sind der Reaktorkern, die zwei Wärmeübertrager und die vier elektromagnetischen Pumpen (ohne rotierende Teile) alle zusammen in einem mit Natrium gefüllten Topf eingebettet. Dieses Gefäß ist zusammen mit dem Sicherheitsbehälter am Deckel fest verschweißt. Sowohl das Reaktorgefäß, wie auch der Sicherheitsbehälter haben keine Durchbrüche. Die etwa 20 cm Zwischenraum und der Arbeitsraum über dem Deckel sind mit Argon – unter leichtem Überdruck zur Kontrolle auf etwaige Leckagen – befüllt. Da Natrium durch Neutronenbeschuß strahlend wird (Halbwertszeit etwa 1 Minute), wird die Wärme durch die Wärmeübertrager im Reaktorgefäß an einen zweiten Kreislauf mit Natrium übertragen. Dieses Natrium ist nicht radioaktiv und wird ständig überwacht. Das Natrium gelangt durch Rohr in Rohr Leitungen zum überirdischen Dampferzeuger. Der Dampferzeuger ist ein hoher, zylindrischer Behälter, der vollständig mit Natrium gefüllt ist. In diesem Behälter verlaufen schraubenförmige Rohrleitungen, in denen das Wasser zum Antrieb der Turbine verdampft wird. Im Normalbetrieb sorgen zwei elektromagnetische Pumpen für die Umwälzung des Natriums. Zur Abführung der Nachzerfallswärme nach Abschaltung des Reaktors, würde der sich einstellende Naturumlauf ausreichen. Wegen der vorliegenden Temperaturspreizungen (Kerneintritt: 360 °C, Kernaustritt: 499 °C, Dampferzeuger Eintritt: 477 °C, Austritt 326 °C) besteht ein ausreichend großes Sicherheitsgefälle.

Der Reaktor benötigt keinerlei elektrische Energie nach einer Schnellabschaltung. Ein Unglück wie in Fukushima ist daher ausgeschlossen. Die Nachzerfallswärme kann auf drei Wegen abgeführt werden:

  1. Über einen Bypass der Turbine durch den normalen Dampfkreislauf des Kraftwerks.
  2. Zwischen dem Dampferzeuger und seiner Isolierung befindet sich ein Luftspalt. Ist der Weg 1 nicht möglich (z. B. Bruch einer Dampfleitung), kann über den Naturzug die Wärme an die Umgebung abgegeben werden.
  3. Zwischen Sicherheitsbehälter und Betongrube befindet sich ebenfalls ein Luftspalt. Dieser ist mit Abluftkaminen oberhalb der Erde verbunden. Die durch die Nachzerfallswärme des Reaktors aufgeheizte Luft kann in diesen aufsteigen und wird durch nachströmende kühle Umgebungsluft ersetzt (Reactor Vessel Auxiliary Cooling System RVACS).

Anders, als bei Leichtwasserreaktoren, werden die abgebrannten Brennelemente nicht in einem separaten Brennelementelagerbecken gelagert, sondern verbleiben mindestens für einen weiteren Zyklus (Ladezyklus 12 bis 24 Monate, je nach Betriebsweise) im Reaktorbehälter. Dazu entfernt die automatische Lademaschine das gewünschte Brennelement, ersetzt es durch ein neues und stellt das alte zur Zwischenlagerung in das „obere Stockwerk“ des Reaktorbehälters. Erst, wenn die Brennelemente zur Wiederaufbereitung sollen, werden sie von der Lademaschine aus dem Reaktor gezogen, gereinigt und übergeben. Sie sind dann bereits soweit abgekühlt, daß sie problemlos „an die Luft können“, da die Brennstäbe aus Stahlrohren gefertigt sind.

Neu, ist die ganze Technik überhaupt nicht. Allein der Experimental Breeder Reactor EBR-II hat 30 Jahre erfolgreich gelaufen. Wenn sich jetzt mancher fragt, warum solche Reaktoren nicht längst gebaut werden, ist die Antwort einfach: Wir haben einfach noch nicht genug von dem, was „Atomkraftgegner“ als „Atommüll“ bezeichnen! Eine Serienproduktion macht wirtschaftlich nur Sinn, wenn die Stückzahl ausreichend groß ist. Dieser Reaktor braucht zur Inbetriebnahme 11% bis 17% spaltbares Plutonium und kann 18% bis 23% Transurane vertragen. Um 100 Reaktoren erstmalig zu befüllen, benötigt man daher geschätzt 56.000 bis 70.000 Tonnen Schwermetall in der Form abgebrannter Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren. Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit Planung und Bau eines Prototypen zu beginnen. Diesen kann man gut mit „Bomben-Plutonium“ aus der Abrüstung oder bereits vorhandenem Plutonium aus Wiederaufbereitungsanlagen bauen. Die Zeit läuft nicht weg: Natururan ist noch billig und je länger die abgebrannten Brennelemente lagern, um so einfacher lassen sie sich aufbereiten. Geht man von kostenlos erhältlichem „Atommüll“ aus – manche meinen ja sogar, man benötige ein Milliarden teueres Endlager für abgebrannte Brennelemente – liegen die kompletten Brennstoffkosten (einschließlich geologischem Lager für die Spaltprodukte) für diesen Reaktortyp weit unter 1/2 Cent pro kWh elektrischer Energie. Spätestens jetzt sollte jedem klar sein, warum man die abgebrannten Brennelemente so sorgfältig in so aufwendigen Behältern verpackt „zwischenlagert“. Sehen so Mülltonnen aus? Die Lagerhalle von Gorleben beispielsweise, ist eher ein Goldschatz.

ALFRED

Das einzige europäische Projekt ist der Advanced Lead Fast Reactor European Demonstrator (ALFRED). Er wird zur Zeit von dem Konsortium aus ENEA und Ansaldo Nuclear aus Italien und der rumänischen ICN verfolgt. Es wird auch Fostering Alfred Construction FALCON genannt. Die über 1 Milliarde Euro Kosten sollen wesentlich von der EU, aus verschiedenen Töpfen aufgebracht werden. Der Standort soll in Mioveni in der Nähe von Pitesti in Rumänien sein. Baubeginn ist für 2017 und eine Fertigstellung bis 2025 gedacht. Er soll eine Leistung von 125 MWel bei 300 MWth. haben. Es ist wohl eine reine Demonstrationsanlage. An eine Serienfertigung ist eher nicht gedacht.

Die Verwendung von Blei als Kühlmittel ist ein Abfallprodukt der europäischen Entwicklung eines, durch einen Beschleuniger angetriebenen, unterkritischen Reaktors. Zum Betrieb eines „schnellen“ Reaktors ist Blei ein eher exotisches Kühlmittel. Alle anderen Nationen verwenden ein Eutektikum aus Blei-Bismut als Kühlmittel. Die längste – und negativste Erfahrung – mit Blei und Blei-Bismut hat Rußland. Dort wurden sie zum Antrieb von Atom-U-Booten der sog. Alpha-Klasse in den 1950er Jahren entwickelt. Wegen ständiger Schäden – bis hin zum Totalverlust – verwendet auch die russische Marine inzwischen Leichtwasserreaktoren.

Als Vorteil von Blei bzw. Blei-Bismut werden immer wieder gerne, folgende Vorteile plakativ in den Vordergrund gestellt:

  • Blei reagiert nicht mit Wasser (gemeint ist, im Gegensatz zu Natrium) und es könnten daher die Dampferzeuger angeblich gefahrlos im Reaktorgefäß integriert werden.
  • Sehr hohe Siedetemperatur (1745 °C) bei sehr geringem Dampfdruck. Daraus wird ein günstiger Blasenkoeffizient der Reaktivität abgeleitet, der einen angeblichen Sicherheitsvorteil ergibt.
  • Blei wäre ein besonders schlechter Moderator und besässe besonders kleine Absorptionsquerschnitte.

Ansonsten fallen einem leider nur Nachteile ein:

  • Blei wird überhaupt erst bei 327 °C flüssig. Darum haben die Russen von Anfang an mit einem Eutektikum aus Blei und Bismut (Schmelzpunkt 124 °C) gearbeitet. Wartungs- und Inspektionsarbeiten bei so hohen Temperaturen sind Neuland. Der Reaktor muß ständig beheizt werden. Es gibt den neuen Störfall „(lokale) Unterkühlung“ mit entsprechenden Konsequenzen für das Genehmigungsverfahren.
  • Flüssiges Blei ist korrosiv. Die Russen haben dieses Problem nie so richtig in den Griff bekommen. Die Wege über den Sauerstoffgehalt und Beschichtungen waren nicht zielführend – ein überhöhter Verschleiß (Lebensdauer) ist die Folge. Darüber hinaus, ist flüssiges Blei auch noch abtragend. Die Strömungsgeschwindigkeit muß deshalb klein gehalten werden.
  • Durch die grosse Masse des Bleis im Reaktor, sind besondere Schutzmaßnahmen gegen Erdbeben notwendig.
  • Durch die hohe Dichte des Bleis werden die Regelstäbe von unten eingeschwommen (völlig neues Prinzip, Genehmigungsverfahren) oder von oben pneumatisch eingeschossen (nicht passiv).
  • Als Brennstoff sind Uranoxid oder Urannitrid vorgesehen. Wegen der gegenüber metallischen Brennstoffen schlechten Wärmeleitung, besteht (wieder) die Gefahr der (lokalen) Kernschmelze. Der Effekt einer inhärenten Sicherheit scheint nur schwer nachweisbar. Eine Kühlung über unterkühltes Blasensieden (wie auch in jedem Druckwasserreaktor) scheidet durch den hohen Siedepunkt (der ja immer als Vorteil bezeichnet wird) aus.
  • Bisher gibt es bei ALFRED kein echtes Notkühlsystem. Die Nachzerfallswärme müßte immer über die innenliegenden Dampferzeuger abgeführt werden. Der Nachweis – auch nach einer physikalischen Dampfexplosion oder eines abschnittsweisen Verstopfens durch Einfrieren –. dürfte sich schwierig gestalten.

Bis ein mit flüssigem Blei gekühlter Reaktor in einem westlichen Land genehmigungsfähig ist, dürften noch Jahrzehnte Forschungs- und Entwicklungsarbeit nötig sein. Insofern dürften sie außerhalb der Konkurrenz mit anderen SMR-Entwürfen stehen. Manchmal fragt man sich wirklich, warum sich manche Kerntechniker immer selbst im Wege stehen müssen. Man könnte fast sagen: Gott schütze uns vor diesen Forschern, mit den „Atomkraftgegnern“ werden wir schon selber fertig.

Vorläufiges Ende

Hier ist das vorläufige Ende des Drei-Teilers erreicht. Es wurden die im derzeitigen Rennen um Förderung für SMR vorne liegenden Typen vorgestellt. Was noch fehlt, wären z. B. der Super-Safe, Small and Simple, 4S von Toshiba; die Encapsulated Nuclear Heat Source ENHS; der Flibe Energy Salzbadreaktor; der International Reactor Innovative & Secure IRIS Druckwasserreaktor; der Purdue Novel Modular Reactor PNMR Siedewasserreaktor; der Travelling Wave Reactor TWR; der ANTARES von Areva, der Advanced Reactor Concept ARC-100 und wer weiß noch, welche sonst alle….

 

 

Indien, das schwarze Loch der Energie?

Indien ist (noch) das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde. Jedes Jahr wächst die Bevölkerung um 15 Millionen. Will man die Energieproblematik verstehen, muß man sich diese Zahl in aller Deutlichkeit anschaulich machen: Etwa alle fünf Jahre kommt einmal Deutschland hinzu! Selbst wenn man diese Menschen nur mit dem Existenzminimum (Nahrung, Kleidung, Wohnen) versorgen will, ergibt das mehr, als wir mit Wind und Sonne erzeugen. Das übliche Geschwurbel vom „Energiesparen“ hilft auch nicht weiter, wenn man bereits am Existenzminimum lebt. Viel eher sollte man sich vielleicht mal der eigenen Geschichte erinnern: Nach dem Krieg war eine Schule in einer Baracke besser als gar keine Schule, in den 1960er Jahren eine Turnhalle mit Einfachverglasung ein riesiger Fortschritt und das Gesamtschulzentrum mit Asbest das „Bildungsideal“ des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Die Inder, Chinesen und Afrikaner sollen demgegenüber doch bitte gleich mit „Erneuerbaren“ starten, schließlich geht es doch um unser aller Klima! Die können doch glücklich sein, daß sie unsere „Fehler“ nicht noch einmal machen müssen und gleich die Welt retten dürfen. Es ist schon putzig, wenn man die Töchter der Generation Gesamtschule vom „smart grid“ schwärmen hört, mit dem man doch die Waschmaschine nur bei Wind laufen lassen könnte. In den Ohren einer Inderin aus der (indischen) Mittelschicht, die sich über ihren neuen Kohleherd freut und von heißem Wasser aus der Wand zur Unterstützung der Handwäsche träumt, wahrlich märchenhafte Dinge. Interessant wird nur sein, ob die indischen Frauen nach der Befreiung durch elektrische Haushaltsgeräte auch ihre gewonnene Zeit in irgendwelchen „grün/alternativen“ Seminaren vergeuden werden.

Manch einer mag sich an dieser Stelle fragen, was dies alles mit Kernenergie zu tun hat. Nun, die Antwort findet man sowohl in der eigenen Geschichte („Der Himmel über der Ruhr muß wieder blau werden“, Wahlkampfslogan der SPD aus deren „Kohle und Kernenergie“ Phase) als auch im aktuellen China:

  • Wohlstand und Pro-Kopf-Energieverbrauch sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille.
  • Jede Form der Energieumwandlung (auch Wind, Sonne, Biomasse etc.) erzeugt Belastungen für die Umwelt. Man kann diese Belastungen durch den Einsatz von Technik und Kapital sehr stark mildern – niemals aber völlig ausschließen.
  • Durch die Nutzung verschiedener Energieträger kann man deren jeweilige Belastung unterhalb von akzeptablen Grenzwerten halten.
  • Man kann jeden Euro nur einmal ausgeben! Den Gewinn aus „billiger Energie“ kann man für andere Zwecke einsetzen. Umgekehrt gilt aber auch, daß man die Beträge, die man für (vermeintlich) umweltfreundlichere Energieformen aufwendet, nicht noch einmal ausgeben kann. Hier ist eine eigene politische Abwägung in jeder Gesellschaft erforderlich.

Die Rolle der Kohle

Mit dem letzten Punkt, sind wir unmittelbar bei der bevorzugten Nutzung von Kohle in Indien und vergleichbaren Ländern angekommen. Kohle ist relativ gleich verteilt. Anders als Öl und Gas. So gibt es auf dem gesamten indischen Subkontinent reiche Kohlevorkommen in unterschiedlicher Qualität. Sie reichen von Kokskohle im (nordöstlichen) Bundesstaat Jharkhand bis zu Braunkohle im pakistanischen Thar-Gebiet. Alles riesige Vorkommen, relativ dicht unter der Oberfläche. Einerseits ein Vorteil, andererseits ein Fluch für die Umwelt. Kohle läßt sich einfach lagern und transportieren – notfalls auf dem Esel. Sie wird deshalb nicht nur in Kraftwerken verfeuert, sondern überall in Industrie und Haushalt. Gerade diese unzähligen Kleinfeuerstätten verpesten die Luft in unerträglichem Maße. Ganz ähnlich, wie im London der 1950er Jahre. Noch ist in Indien der Entwicklungsstand – in China beginnt diese Phase gerade – nicht erreicht, große Gasnetze aufzubauen und systematisch die Kohleherde aus den Städten zu vertreiben. Die knappen Mittel müssen halt auch für Abwasser- und Trinkwassernetze etc. herhalten!

Bergbau in Indien

Indien liegt nach China und den USA bei der Förderung auf Platz drei. Gleichzeitig aber bei den Importen schon auf Platz vier. Schon diese Tatsache deutet auf einige Probleme hin. Die Probleme der indischen Kohlewirtschaft lassen sich bestens durch die drei Begriffe: Armut, Sozialismus und kriminelle Energie umschreiben. Stellvertretend steht die Entwicklung im Gebiet um Jharia. Einst ein Naturparadies, gleicht es heute eher Dantes Hölle. Hier lagern Milliarden Tonnen leicht abbaubarer Kokskohle (beste Qualität). Seit 1896 wird sie abgebaut. Das Elend begann mit der Verstaatlichung 1971. Ab 1973 begann die Bharat Coking Coal Limited (BCCL) mit einem Raubbau durch großangelegte Tagebaue. Seitdem brennt die Landschaft. Die angeschnittenen Kohlenflöze haben sich entzündet und brennen unterirdisch weiter. (siehe z. B.: http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-india-23422068 oder http://www.youtube.com/watch?v=kYNLerVxUiA) Ganze Dörfer, Eisenbahnlinien und Straßen sind inzwischen eingestürzt. Nicht unwillkommen für die Minengesellschaft, da es sich entweder um Staatsbesitz (Eisenbahn) oder ungesicherte Eigentumsverhältnisse (Ureinwohner) handelt. Nach Vertreibung kann man billig baggern. Zusätzlich graben tausende entwurzelter Menschen in dickem Qualm illegal nach Kohle. Diese „dem Staat geklaute“ Kohle wird anschließend von (teilweise staatlichen) Firmen für wenige Cent aufgekauft. Alles unter den Augen und dem Mitverdienst von lokalen Politikern.

Inzwischen sind die Zustände in ganz Indien unhaltbar geworden. Es gibt einen stetig steigenden Bedarf an Kohle zur Stromerzeugung. Der Energieverbrauch pro Kopf ist in Indien einer der geringsten weltweit. Weniger als 60% der Haushalte sind überhaupt an das Stromnetz angeschlossen. Wollte man den pro Kopf Verbrauch in Indien nur auf die Hälfte des Wertes der industrialisierten Ländern anheben, müßte man die Stromproduktion versechsfachen!

Die Rolle der Kernenergie

Die Annahme eines halb so hohen Energieverbrauches, wie in den Industrieländern ist ein realistisches Ziel. Indien wäre dann etwa auf dem heutigen Niveau von seinem Nachbarn China angekommen. Es erscheint kaum vorstellbar, daß die Entwicklung des Wohlstandes in Indien wesentlich hinter dem von China zurückbleiben kann. Eine soziale Explosion wäre die wahrscheinliche Folge. Jede indische Regierung ist gezwungen – wenn sie politisch überleben will – die vorgelebte Entwicklung nachzuvollziehen.

Wenn aber Entwicklung sein muß, woher kann die dafür notwendige Energie kommen? Öl- und Gasvorkommen sind (jedenfalls bis jetzt) kaum vorhanden. Als Hauptenergieträger wird weiterhin die Kohle bleiben. Sie ist durchaus vorhanden, kann aber nur bedingt zur Verstromung eingesetzt werden. Genau, wie vor einem halben Jahrhundert in Europa und heute in China, setzt der Umweltschutz klare Grenzen. Einfache Kohlekraftwerke sind extreme Luftverschmutzer. Baut man sie hingegen auf dem Standard deutscher Kraftwerksneubauten (Rauchgaswäsche, Entstickung, Ascheverwertung, Abwasseraufbereitung, etc.) bewegt man sich mit den Investitionskosten rasch in die Nähe von (indischen) Kernkraftwerken, bei wesentlich höheren Betriebskosten. Entscheidend ist jedoch, daß man die Kohle, die man in Kraftwerken verbrennt, nicht noch einmal in der Industrie verwenden kann. Dies mag sich trivial anhören, ist aber die Haupttriebfeder für das chinesische Ausbauprogramm. So ist in China beispielsweise der gesamte Transportsektor durch die Energietransporte ständig überlastet. Kernkraftwerke können an den Verbrauchsschwerpunkten gebaut werden und benötigen praktisch keine Transportkapazitäten. Die „freiwerdende“ Kohle soll nahe der Gruben vergast werden und das Gas über Pipelines in die Industriegebiete verteilt werden. Auch Indien wird kaum ein anderer Weg bleiben.

Bisher hat Indien 20 Kernkraftwerke mit einer Nettoleistung von 4385 MWe in Betrieb (Produktion in 2012 rund 30 TWh) und sieben weitere mit 4890 MWe in Bau. Geplant ist ein Ausbau auf 60 GWe bis 2032.

Das Uranproblem

Indien verfügt (bisher) nur über geringe Uranvorkommen. Es setzt daher konsequent auf die Entwicklung schneller Brüter. Die Entwicklung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Rußland.

Indien besitzt aber gigantische Vorkommen an Thorium. Diese sind teilweise sehr leicht abbaubar (Monazidsande). Es setzt daher in den letzten Jahren auch auf Entwicklungen zur Verwendung von Thorium als Brennstoff. Indien besitzt große Erfahrungen mit Schwerwasserreaktoren. Ursprünglich in Lizenz gebaut, gibt es inzwischen eine eigene Weiterentwicklung. Man beschreitet daher konsequenterweise eine weltweit einzigartige Entwicklungsschiene: Die Nutzung von Thorium in Schwerwasserreaktoren.

Man sollte die Fähigkeiten Indiens auf dem Gebiet der Kerntechnik nicht unterschätzen. Schließlich hat es ein umfangreiches nukleares Rüstungsprogramm, von der Bombe bis zum Atom-U-Boot. Wegen seiner Rüstungspolitik, war es bisher als internationaler Partner nicht besonders geschätzt. Dies scheint sich aber in den letzten Jahren massiv zu verändern. Die Ausbauprogramme sind einfach zu verlockend. Das Beispiel China hat gezeigt, wie schnell sich Lizenzgeber, Lieferanten und Kooperationspartner aus aller Welt finden lassen. Wenn überhaupt, dürfte eher der Kapitalbedarf ein Problem darstellen.

Brennstoffbank

Die International Atomic Agency (IAEA) hat bereits mehrere Treffen mit Regierungsstellen in Kasachstan zur Einrichtung einer Brennstoffbank abgehalten. Ziel der Verhandlung ist die Einrichtung eines international zugänglichen Lagers für leicht angereichertes Uran (Low Enriched Uran project, LEU-project). Es wurden zwölf technische Aufgabenbereiche zur erforderlichen Klärung festgelegt, von denen einige, wie z. B. Fragen zu Erdbeben, bereits in Bearbeitung sind. Ende Mai hat die IAEA ihre Mitgliedsstaaten über den Fortschritte offiziell informiert.

Ausgestaltung

Eigentümer und Verwalter der Brennstoffbank auf kasachischem Boden wird die IAEA sein. Das Lager soll anfangs Material für die Erstbeladung von zwei bis drei Leichtwasser-Reaktoren enthalten. Alle Mitgliedsstaaten der IAEA, die sich ausdrücklich verpflichten auf eigene Anreicherung und Wiederaufbereitung zu verzichten, können im „Ernstfall“ auf die Lagerbestände zurückgreifen. Sie würden dann aus dem Bestand mit Brennstoff zu aktuellen Weltmarktpreisen versorgt. Anschließend würde die Brennstoffbank wieder unverzüglich ihre Reserven durch Zukäufe am Weltmarkt aufstocken.

Die Brennstoffbank übernimmt also die Funktion einer (politischen) Rückversicherung. Ein Staat ohne eigene Anreicherung, wäre wirtschaftlich und politisch erpressbar, wenn man ihm bei „Nachladebedarf“ eine Belieferung ganz verweigern würde oder nur zu überhöhten Preisen leisten würde. Dies ist die klassische – und leider nicht ganz von der Hand zu weisende – Argumentation z. B. Irans für sein eigenes Zentrifugenprogramm gewesen. Die Versorgungssicherheit hat sogar Deutschland bewogen, eigene Anreicherungsanlagen auf deutschem Boden zu betreiben. Die „politische Glaubwürdigkeit“ ist nur ein schwaches Argument beim Verzicht auf Kernwaffen. Demgegenüber ist der völlige Verzicht auf Anreicherung und Wiederaufbereitung ein eindeutiges und leicht zu kontrollierendes Bekenntnis. Staaten die bereit sind, so konsequent zu handeln (bisher nur die Vereinigten Arabischen Emirate), müssen dafür von der internationalen Gemeinschaft abgesichert werden.

Im Sinne einer Versicherung reichen hierfür recht kleine Mengen aus. Die hohe Energiedichte von Uran erfordert einen Brennelementewechsel nur in großen zeitlichen Abständen (alle 12 bis 24 Monate) und es können leicht (kleinere) Mengen selbst vorgehalten werden. Der Versuch einer Erpressung ist somit durch die garantierte Verfügbarkeit aus der Brennstoffbank von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dieses Konzept lebt mehr von der „Abschreckung“ als von der realen Lieferung. Es steht und fällt allerdings mit der Glaubwürdigkeit der Garantie. Deshalb ist eine strikte internationale Kontrolle und Absicherung nötig. Im Umkehrschluß gilt, daß kein Staat zur zivilen Nutzung der Kernenergie „doppeldeutige“ Anlagen oder Verfahren mehr benötigt.

Entstehung

Das Verfahren geht auf die Nuclear Threat Initiative (NTI) zurück. Eine regierungsunabhängige und gemeinnützige Privatorganisation. Sie wurde 2001 von Ted Turner (Begründer von CNN und WTBS) und Sam Nunn (demokratischer Senator von Georgia 1972–1997) begründet. Sie versteht sich als aktiv handelnde Organisation. Ihre erste spektakuläre Aktion war 2002 die Finanzierung und Organisation eines Transports von fast 50 kg hoch angereichertem Uran aus einem „Forschungsinstitut“ in der Nähe von Belgrad zurück nach Rußland. Dort wurde es mit Natururan verschnitten und anschließend in zivilen Reaktoren zur Stromerzeugung verbraucht. NTI trug maßgeblich zur Gründung und deren Finanzierung des World Institute for Nuclear Security (WINS) bei. WINS hat sich zum Ziel gesetzt, die Sicherheit vor Diebstahl und jedweden Mißbrauch von nuklearem Material durch Terroristen oder Staaten zu verbessern. In dieser Organisation sind neben Behördenvertretern auch private Unternehmen organisiert, die sich gegenseitig unterstützen, austauschen und beraten. Inzwischen haben auch Norwegen und Kanada beträchtliche finanzielle Unterstützung zugesagt.

Diese Organisationen sind ein schönes Beispiel für die Wirksamkeit von privater Initiative. Durch die Mobilisierung von privaten Mitteln (Stiftungen) konnte unmittelbar und mit durchschlagendem Erfolg mit der Arbeit begonnen werden. Der „private Charakter“ ermöglichte die Zusammenkunft und Mitarbeit losgelöst von politischer Blockbildung. Regierungen sind auf solch sensiblen Gebieten handlungsunfähig. Sie können bestenfalls auf erfolgreiche Züge aufspringen. Für grundlegende Veränderungen in festgefahrenen Sektoren sind immer Einzelpersonen notwendig. Politische Parteien etc. müssen auf die vermeintlich geltenden Meinungen Rücksicht nehmen und sind stets ihren Lagern verpflichtet.

Modellcharakter

Seit der ersten Stunde der Nutzung der Kernenergie besteht immer der Konflikt zwischen „friedlich“ und „militärisch“. Die Kernenergie ist leider erst als Massenvernichtungswaffe der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Die Nutzung als nahezu unerschöpfliche Energiequelle erschien erst nachträglich aufgesetzt. Mehr als 40 Jahre „Kalter Krieg“ mit Lügen und Propaganda wirken bis heute fort. „Angst vor dem Atom“ war und ist ein wesentlicher Stellvertreter in der „Systemfrage“. Hierin liegt aber auch die Chance: Die beiden Blöcke gibt es in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr und zahlreiche neue Akteure sind auf der Weltbühne erschienen. Es ist Zeit für ein neues Zeitalter der Aufklärung.

Ohne Übertreibung kann man sagen, daß die Bevölkerungsentwicklung inzwischen für die Menschheit einen mindestens so brisanten Stellenwert, wie die „Atombombe“ besitzt. Entweder die Menschheit ist in der Lage, der Mehrheit einen akzeptablen Lebensstandard zu bieten oder sie wird im Elend versinken. Dabei ist es egal, ob sie in einem atomaren Inferno oder endlosen „Religionskriegen“ oder schlichtweg Umweltkatastrophen versinkt. Eine – nicht die einzige, aber die wesentliche – Herausforderung ist dabei, die ausreichende Versorgung mit preiswerter Energie. An dieser Stelle muß – insbesondere in Deutschland – mal wieder betont werden, daß „ausreichend“, „preiswert“ und „umweltschonend“ absolut gleichrangige Kriterien sind! Die Bevorzugung nur eines Kriteriums, ist für die Menschheit kontraproduktiv und wird entgegen des (hier durchaus unterstellten) guten Willens, geradewegs in die Katastrophe führen. Man kann es in jedem Entwicklungsland studieren: Armut und Umweltzerstörung (z. B. Abholzung von Urwäldern) gehen Hand in Hand, Luftverschmutzung ist und war die Folge „billiger Technik“ (Kohlekraftwerke ohne Filter, Autos ohne Abgasbehandlung).

Energieverbrauch pro Kopf und Wohlstand sind untrennbar miteinander verbunden. Alles Geschwafel von „Energieeffizienz“ ist nur eine Umschreibung für Verzicht. Wer kann und soll in einer Weltordnung verzichten, in der rund zehn Prozent der Menschen den Löwenanteil der Energie verbrauchen? Selbst wenn wir, in den Wohlstandsregionen Europas und USA, auf die Hälfte der Energie verzichten würden, würde diese Umverteilung die Milliarden von „ein Dollar pro Tag Verdienern“ nicht aus ihrem Elend herausführen können. Andererseits würde eine solche „Effizienzsteigerung“ bei uns wahrscheinlich zu Aufständen führen, denn auch hier leben nicht alle Menschen auf der „Sonnenseite“. Davon abgesehen, werden uns Chinesen und Afrikaner immer weniger um unsere Meinung fragen. Sie werden tun, was sie für richtig halten und das ist auch gut so.

Wenn man die Welt realistisch und mal nicht nur durch eine rosarote ökologische Brille betrachtet, bleibt nur die Erkenntnis, daß der Verbrauch von fossilen Energien (insbesondere Kohle) und Kernenergie auf absehbare Zeit noch zunehmen muß und wird. Ja, gerade wenn man den Zuwachs im Verbrauch fossiler Energien eindämmen will, wird man die Kernenergie weiter ausbauen müssen. „Regenerative“ sind bestenfalls ergänzende Energieträger und sind wegen ihrer Unstetigkeit und ihrer geringen Energiedichte und den daraus resultieren Kosten als Ersatz völlig ungeeignet. Es ist zu bezweifeln, ob die Menschheit jemals so reich sein wird, daß sie sich „regenerative Energien“ leisten können wird. In Wahrheit, wird sie sich dann, nahezu auf ihre Anzahl im vorindustriellen Zeitalter zurück schrumpfen müssen. Wer bestimmt, wer ausscheiden muß?

Das Dilemma zwischen friedlicher und militärischer Nutzung bleibt somit weiter bestehen. Man kann weder eine Waffentechnologie der 1940er Jahre dauerhaft geheim halten, noch läßt sich der größere Teil der Menschheit dauerhaft gängeln. China ist ein deutliches Beispiel. Wer glaubt noch ernsthaft daran, China Vorschriften machen zu können, wieviel von welcher Energieform es nutzen darf? Bestenfalls führt es eine Selbstbeschränkung auf 4 Milliarden to Kohle pro Jahr selbst durch. Um dieses Ziel einhalten zu können, muß es Kernkraftwerke in Serie bauen. Es ist zum Erfolg in der Kerntechnik verdammt. Unzählige „Schwellenländer“ blicken mit großen Erwartungen auf diese Entwicklung. Vorbild wird China und nicht das „Wendeland“ Deutschland sein.

Wenn es aber so ist, wie es ist, wird man Wege finden müssen, ein atomares Wettrüsten zu verhindern. Auch Nord Korea und Iran wird seine Nachahmer finden. Wenigstens den gutwilligen Nationen muß man Möglichkeiten bieten, nicht zwangsweise mitmachen zu müssen. Insofern ist der freiwillige Verzicht der Vereinigten Emirate auf ein atomares Wettrüsten mit seinem Nachbarn Iran, ein Hoffnungsschimmer. Es ist auch kein Zufall, daß die Unterstützung dafür von Privat und nicht aus „Regierungskreisen“ kommt. Wahrscheinlich auch nicht, daß eine „junge Nation“ aus dem ehemaligen Sowjetreich begeistert den Vorschlag für eine Brennstoffbank aufgegriffen hat.